22.02.2013, 08:16

ZDF-Talk Das Thema Burn-out überfordert Illners Gäste

Von Tim Slagman

„Macht Arbeit krank?“, fragte Maybrit Illner. Die meisten ihrer Gäste flüchteten sich in Zahlenspiele und parteipolitisches Gezänk, nur einer holte zum kulturkritischen Rundumschlag aus.

Keine Angst, das wird jetzt keine Dankesrede – die Oscars werden schließlich erst am Sonntag verliehen. Trotzdem darf man vielleicht einmal sagen, dass es diesen Text nicht gäbe ohne den Einsatz all der Kameraleute, Kabelträger, Moderatoren, Gewerkschaftsfunktionäre, Parteipolitiker, Unternehmer und der Techniker in der Sendeabwicklung des ZDF, die dafür gesorgt haben, dass Deutschland gestern Abend, grob zwischen zehn und elf Uhr, zusehen konnte, wie Maybrit Illner mit ihren Gästen über Dauerstress und Ausbeutung in der modernen Arbeitswelt sprach.

Genau solche Leistungen zu später Stunde meinte wohl Otto Fricke, der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, als er darauf verwies, die Anforderungen an Arbeitnehmer seien eben auch Folge gestiegener Bedürfnisse und Wünsche aller Menschen.

Luxusprobleme und Lebenswirklichkeiten

Samstags einkaufen, nachts TV schauen, schon verstanden. Diese Argumente schienen dann allerdings doch ein wenig aus der Zeit gefallen, es klang geradezu so, als wären das Spätprogramm und die Sechs-Tage-Woche im Einzelhandel ein Kind des 21. Jahrhunderts.

Dies war nicht der einzige Moment, in dem einer der Gäste Äpfel mit Birnen verglich. Der Journalist Wolf Schneider etwa bediente sich unablässig eines besonders perfiden argumentativen Tricks: Gesund ist nämlich jeder, der nicht ganz so hoffnungslos dahinsiecht wie der Krankeste im Raum. Burn-out, Überforderung, Überlastung? Natürlich "Luxusprobleme".

Die chinesischen Angestellten, die unsere iPhones zusammenzimmern, 100 Millionen brasilianische Landarbeiter, 500 Millionen indische Bauern, ja, denen sollte man mal etwas davon erzählen, dass uns 60 Stunden Arbeit in der Woche erscheinen, als schmorten wir schon in der Hölle auf Erden.

Schneider schaffte sogar noch die Kurve zu den Trümmerfrauen, denen er ausdrücklich seinen Respekt zollte. Warum nur gab es Menschen in der Runde, die nicht aufhören wollten über die "Leistungsverdichtung" zu jammern wie die Ver.di-Funktionärin Leni Breymaier oder über die derzeitigen "Strukturen der Arbeitswelt" wie die Linken-Chefin Katja Kipping? Denn die Orientierung an der Lebenswirklichkeit asiatischer Landwirte ist ja vollkommen evident, immerhin leben diese "auf demselben Planeten wie wir", stellte Wolf Schneider fest.

Wolf Schneiders alte, doch erfrischende These

Zugegeben: Hohe Stückzahlen und günstige Preise, sei es für Kaffee oder Smartphones, kommen uns im Westen schon entgegen. Diese Vernetzung ließ Wolf Schneider denn auch auf sein Lieblingsthema kommen: die "völlig irrationale Besessenheit von den neuesten elektronischen Entwicklungen".

Ständig Emails checken, rund um die Uhr erreichbar sein, überall "Besessenheit", ob auf Seiten der Firmen, die dies von ihren Angestellten verlangten oder auf Seiten der Arbeitnehmer selbst, ja in einen "Kommunikationswahn" sei man überall längst verfallen.

Diese kulturkritische Diagnose war wie vieles aus Schneiders Mund weder brandneu noch sonderlich originell, aber ein solch pauschaler, polemischer und doch präzise formulierter Rundumschlag stellte eine Erfrischung dar in einem Gespräch, das sich die meiste Zeit in einer von zwei Sackgassen verirrt hatte. Die eine bestand darin, dass man dem jeweils subjektiven Gefühl der individuellen psychischen Gesamtsituation über blankes Zahlenwerk näherkommen wollte.

Burn-out neunmal häufiger diagnostiziert als früher

Der "Stressreport 2012" der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin war hierbei etwa eine beliebte Quelle. Katja Kipping gab an, dass die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt habe.

Die Diagnose Burn-out wird heute sogar neunmal häufiger gestellt als früher. Diese Statistik war Wasser auf Schneiders Mühlen: Eine neunfache Zunahme der Belastung, das könne doch augenscheinlich nicht wahr sein.

Stimmt. Weil solche rein quantitativen Erfassungen doch ziemlich ungeeignet sind, um derart komplexe Veränderungen angemessen zu begreifen. Andererseits kommt man dem psychischen Befinden der Menschen wohl nur dadurch auf die Schliche, dass man sie einfach danach fragt. Aus diesem Dilemma wusste die Runde jedenfalls nur einen Ausweg: die Flucht ins parteipolitische Gezänk.

Kulturpessimistische Mottenkiste

Das an sich ja durchaus diskussionswürdige Thema Mindestlohn wurde zwischen Kipping und Fricke zu einem Ping-Pong-Spiel der Vorwürfe.

Wer nun was verhindert habe und wer dagegen welche Erfolge vorweisen könne, was die Gewerkschaften dazu tun oder lieber lassen sollten, regional, bundesweit, branchenspezifisch – da ging der Durchblick doch schnell flöten. Erst recht, als sich auch noch Leni Breymaier zur Einmischung gezwungen sah, die Fricke kurz zuvor als stellvertretende Landesvorsitzende der SPD geoutet hatte. Er tat dies mit der Selbstzufriedenheit eines Mannes, der eine große Enthüllung zu verkünden hatte – und siehe da, Sekunden später tauchte diese Information auch im virtuellen Namensschild auf, das für die Zuschauer eingeblendet wurde.

Herzlichen Dank also auch noch einmal an diesen Nachtarbeiter beim ZDF. Eine weitere Gewissheit ließ sich auch noch aus der Sendung mitnehmen: Wenn den Umwälzungen in unserer Gesellschaft offensichtlich nur mit Formeln aus der kulturpessimistischen Mottenkiste oder den endlosen Schuldzuweisungen der parteipolitischen Erstarrung begegnen kann – dann werden sie uns wohl tatsächlich umwälzen.

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