22.02.13

Vernetze Kardinäle

Wer ist bei der Papst-Wahl das Twitter-Leck?

Zehn der 117 wahlberechtigten Kardinäle im Konklave twittern. Jetzt wird spekuliert, wer den Geheimhaltungseid brechen und den nächsten Papst verraten könnte – noch bevor der weiße Rauch aufsteigt.

Es gibt wohl kaum eine Wahl, deren Geheimhaltung so streng ist, wie die des Papstes. Wenn die Kardinäle zum Konklave zusammenkommen legen sie einen Eid ab, der sie zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet.

Während der Wahl werden sie von jeglichen äußeren Einflüssen abgeschirmt; Internet, Telefon, Fernsehen, Radio, Post und Zeitungen sind strengstens untersagt. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ist das Ofenrohr, durch das nach jedem Wahlgang Qualm aus der Sixtinischen Kapelle steigt.

Seit Jahrhunderten wird die Einigung auf einen Kandidaten mit weißem Rauch signalisiert. Dann wird die Kapelle wieder geöffnet, die Glocken des Petersdoms läuten und der dienstälteste Kardinal verkündet den neuen Papst. Bis jetzt.

Noch ist nicht klar, wann genau das Konklave beginnt, aber schon wird in Italien spekuliert, wer das Geheimhaltungsgebot brechen und den nächsten Papst verraten könnte – noch bevor der Ofen angeschmissen wird und der Älteste das "Habemus papam!" spricht. Die Buchmacher nehmen sogar schon Wetten an, wer der potenzielle Verräter sein könnte. Hoch im Kurs steht ein kleines Grüppchen Geistlicher.

Genau zehn der 117 wahlberechtigten Kardinäle nämlich haben ein Profil bei Twitter. Und wer weiß, vielleicht wird einer von ihnen sein Smartphone in die Sixtinsche Kapelle schmuggeln und der Außenwelt einen Namen zwitschern?

Der Social-Media-Experte unter Verdacht

Unter besonderer Beobachtung steht in diesen Tagen der amerikanische Kardinal Timothy Dolan. Er ist so etwas wie der Social-Media-Experte des Konklaves und geistlicher Vorreiter bei Twitter. Bereits 2009 hat sich der Erzbischof von New York ein Profil bei dem Kurznachrichtendienst zugelegt. Mit 82.000 Followern ist er der Kardinal mit den meisten Lesern. Dass er selbst Papst werden könnte, schließt Dolan offenbar aus: "Wer das behauptet, hat Marihuana geraucht", ließ er die Tageszeitung "La Stampa" wissen.

Platz zwei der meistgefolgten Kardinäle belegt ein Italiener: Gianfranco Ravasi ist der Präsident des Päpstlichen Kulturrates und wird von 38.000 Twitter-Nutzern gefolgt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er den nächsten Papst preisgibt, ist jedoch eher gering. Als direkter Berater des Papstes ist er ein höchst loyaler Kardinal. "Der Glaube umfasst auch Schweigen", lautet einer seiner letzten Tweets.

Also doch eher auf Odilo Scherer setzen? Der Erzbischof von São Paulo scheint kritische Kurznachrichten nicht zu scheuen: "Ich bin beeindruckt von den Interpretationen rund um den Rückzug des Papstes", teilte er seinen 23.000 Followern kürzlich mit. "Ob es der Pontifex ist, der nicht die Wahrheit spricht?"

Kardinal Nummer vier hingegen scheint kein guter Wettkandidat. Der Erzbischof von Mailand, Angelo Scola, twittert an seine 18.000 Anhänger bislang bloß Bibelsprüche und Weisheiten zum Thema Sünde und Vergebung.

"Ich werde jeden Tag twittern"

Deutlich interessierter am Zeitgeschehen zeigt sich da schon der Erzbischof von Boston, Seán Patrick O'Malley – oder einfach "Cardinal Seán", wie er sich auf Twitter nennt. Der Kardinal postet gerne Links zu seinem Blog, auf dem er sich ausführlich mit dem Papst-Rücktritt beschäftigt.

Die restlichen fünf Twitter-Kardinäle sind – gemessen an ihren Follower-Zahlen – von eher geringer Bedeutung. Norberto Rivera Carrera, Wilfrid Fox Napier, Rubén Salazar Gómez, Lluís Kardinal Martínez und Roger Mahony haben nur wenige Anhänger, letzterer gerade mal ein paar Hundert. Der Erzbischof von Los Angeles machte in letzter Zeit vor allem mit einem Missbrauchsskandal in seiner Gemeinde von sich reden. Das könnte sich bald ändern.

An dem Tag, als Benedikt XVI. seinen Rückzug verkündete, setzte Mahony einen Tweet ab, der im Zuge der Spekulationen um einen möglichen Papst-Verräter an Brisanz gewinnt: "Ich plane meine Reise nach Rom zur Wahl des nächsten Papstes", schrieb der Kardinal am 11. Februar. Und versprach: "Ich werde jeden Tag twittern."

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