21.02.13

Fall Pistorius

Miserables Zeugnis für Südafrikas Strafverfolgung

Nach der spektakulären Entwicklung im Fall Pistorius sind die Chancen gestiegen, dass der Athlet auf Kaution freikommt. Warum Reeva Steenkamp sterben musste, ist aber immer noch nicht klar.

Quelle: Reuters
20.02.13 0:56 min.
Eine Entscheidung über die Freilassung des mordverdächtigen Sprinters Oscar Pistorius auf Kaution steht weiter aus. Das Magistratsgericht in Pretoria verlängert die Anhörung um mindestens einen Tag.

Es ist erst die Anhörung für einen Kautionsantrag und nicht der Prozess, doch die juristische Aufarbeitung des Falls Oscar Pistorius nimmt in Pretoria bereits bizarre Züge an. Jetzt wurde der Chef-Ermittler Hilton Botha von dem Fall abgezogen, nachdem bekannt geworden war, dass gegen ihn ein Verfahren wegen versuchten Mordes in sieben Fällen läuft.

"Ich berufe ein neues Team, und Hilton Botha ist nicht Teil davon", sagte die südafrikanische Polizei-Chefin Mangwashi Phiyega. Neuer Chefermittler werde Vinesh Moonoo, einer der hochrangigsten Polizisten des Landes.

Die Vorwürfe gegen Botha stehen im Zusammenhang mit einem Vorfall im Oktober 2011. Botha fuhr mit zwei Kollegen in einem Dienstwagen und eröffnete das Feuer auf einen Kleinbus. In dem Bus hätten sich sieben Personen befunden, deshalb habe der Vorwurf auf versuchten Mord in sieben Fällen gelautet, so die Behörden. Das Verfahren sei zwischenzeitlich eingestellt worden, nun aber wieder aufgenommen worden.

Die Entwicklung um Botha schwächt die Position der Staatsanwaltschaft und belegt den miserablen Zustand der südafrikanischen Strafverfolgungsbehörden eindrucksvoll. Weder Botha noch der zuständige Staatsanwalt Gerrie Nel wussten nach eigenen Angaben bis Mittwoch, dass das Verfahren wieder aufgenommen wurde.

"Ich kann mir das nur mit meinen Ermittlungen gegen Pistorius erklären", hatte Botha noch am Donnerstagmorgen gemutmaßt. Allerdings wurde das Verfahren offenbar bereits am 4. Februar, also zehn Tage vor dem Tod von Reeva Steenkamp wieder aufgenommen. Botha hatte in Pistorius Haus und Umfeld die Polizeiarbeit geleitet, er hatte schon am Mittwoch mehrere Fehler zugegeben.

Der Ermittler wehrte sich vehement gegen die Vorwürfe. Die Schüsse seien gefallen, so Botha, weil der Busfahrer "uns von der Straße abdrängen wollte". Er habe sich in Ermittlungen zu einem Mordfall befunden. Im Mai wird er sich nun selbst vor einem Gericht verantworten müssen.

Zuflucht in der abschließbaren Toilette?

Auch wegen dieser Entwicklung geht die ursprünglich auf zwei Tage angesetzte Verhandlung im Magistratsgericht von Pretoria am Freitag in ihren vierten Tag. Pistorius verfolgte am Donnerstag nach Angaben von Prozessbeobachtern wie schon in den vorangegangen Tagen wortlos und bisweilen abwesend wirkend die Argumentation seines Verteidigers Barry Roux und der Staatsanwaltschaft.

Bei der Anhörung wurden in Anbetracht des frühen Zeitpunkts ungewöhnlich viele Details präsentiert, obwohl viele Beweismittel noch nicht abschließend ausgewertet sind. Für Pistorius' Antrag, auf Kaution freigelassen zu werden, ist es aber wichtig, ob er mit Vorsatz und vorausgegangener Planung geschossen hat.

In diesem Fall, gemäß der südafrikanischen Rechtssprechung ein Verbrechen gemäß "Schedule 6", ist es selten, dass ein Antrag Erfolg hat. Richter Desmond Nair hatte das Verbrechen zu Beginn der Anhörung entsprechend klassifiziert, kann dies aber heute noch auf Totschlag (Schedule 5) abmildern.

Rechtsanwalt Barry Roux verwies erneut auf die "liebevolle Beziehung" von Pistorius und Steenkamp, die Tötung sei nicht "vorausgeplant" gewesen. Eine Autopsie habe zudem ergeben, dass die Blase des Opfers leer gewesen sei – das bekräftige Pistorius Behauptung, Steenkamp sei nachts ins Bad gegangen, um die Toilette zu benutzen.

Ermittler hatten zuvor behauptet, das Model habe Zuflucht in der abschließbaren Toilette gesucht, um sich vor ihrem aufgebrachten Freund in Sicherheit zu bringen.

"Er schoss, um zu töten"

Für einen so frühen Nachweis eines Vorsatzes waren umfangreiche Darstellungen des Verbrechens aus beiden Lagern erforderlich. Staatsanwalt Nel argumentierte, auch der Fund von Steenkamps Handy in dem Badezimmer, in dem sie erschossen wurde, spreche dafür, dass sie nicht wie von Pistorius geschildert nachts zur Toilette gegangen sei, sondern vor ihm geflüchtet sei.

Eine Liste ihrer Anrufe konnte die Anklage sieben Tage nach der Tat zur Überraschung des Richters allerdings nicht vorlegen. "Es wäre möglich gewesen", gab Botha zu. Nel argumentierte, selbst Pistorius' Version, er habe gedacht, auf einen Einbrecher zu schießen, spreche für einen Vorsatz: "Dann ist es immer noch geplant", sagte der Staatsanwalt, "er schoss, um zu töten."

Richter Nair muss zudem abwägen, ob Fluchtgefahr und Gefahr für die Öffentlichkeit und Zeugen im Besonderen bestehe, sollte Pistorius für die Dauer des Prozesses gegen Kaution freigelassen werden. Die Staatsanwaltschaft hielt der Behauptung der Verteidigung, wonach Pistorius keine Immobilien im Ausland besitze, eine Interviewaussage des Sportlers entgegen. Dort erzählte er locker plaudernd, ein Haus in Italien zu besitzen: "Ich verbringe vier Monate im Jahr dort."

Schwerer wiegen für Nair aber offenbar Fälle, in denen Pistorius erhöhte Aggressivität gezeigt hat. "Es gibt Hinweise, dass der Angeklagte drohte, jemandem die Beine zu brechen", sagte er. Der Richter erwähnte auch einen Vorfall in einem Restaurant in Johannesburg, wo Pistorius offenbar versehentlich einen Schuss abgefeuert hatte.

Seine Entscheidung könnte er Freitag um neun Uhr deutscher Zeit bekannt geben. Es wäre nur das Ende der ersten Etappe in einem Prozess, der wohl ähnliche Aufmerksamkeit erregen wird wie der Mordprozess gegen den American-Football-Star O.J. Simpson im Jahr 1994.

Quelle: Reuters
19.02.13 1:07 min.
Der südafrikanische Paralympics-Star soll vorsätzlich seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen haben, davon ist die Staatsanwaltschaft in Pretoria überzeugt. Pistorius´ Anwalt argumentierte dagegen.
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