21.02.13

Türkei

Gericht prüft höhere Strafen für Alkohol-Panscher

Drei deutsche Teenager starben 2009 während des Urlaubs in der Türkei an gepanschtem Schnaps. Mehrere Getränke-Lieferanten wurden verurteilt. Jetzt prüft ein Gericht, ob das Urteil zu milde war.

Von Laura Waßermann und Boris Kálnoky
Foto: dpa
Anklage nach Alkohol-Tod von Schülern in Türkei
Trauer in Lübeck: Drei Jugendliche starben 2009 während eines Urlaubs in der Türkei an Methanol-Vergiftung. Das Revisionsgericht in Ankara rollt den Fall neu auf. Die schon gefällten Urteile wurden aufgehoben, sowie die freigesprochenen Beteiligten erneut angeklagt

Der Tod von drei Lübecker Schülern hat im Jahr 2009 in ganz Europa für Aufsehen gesorgt. Die Schüler Rafael, Jan und Jean-Pierre starben an einer Methanol-Vergiftung, als sie im türkischen Ferienort Kemer auf Klassenfahrt waren und gepanschten Wodka tranken. Das Revisionsgericht in Ankara hat die Urteile für die Alkohol-Lieferanten Ende 2012 wegen neuer Ermittlungen aufgehoben. Am Donnerstag wird der Prozess neu aufgerollt.

Der 21-jährige Rafael erlag der schweren Vergiftung noch in der gleichen Nacht. Jan (19) und der 17-jährige Jean-Pierre fielen zunächst ins Koma, starben kurze Zeit später in Lübeck.

Im darauffolgenden Prozess wurden die Lieferanten Cengiz und Halil E., die zugleich Brüder und Hauptangeklagte sind, bereits zu einer Haftstrafe von je 60 Jahren verurteilt. Von dem Hotel Anatolia Beach haben sowohl der Restaurant-Chef als auch der Einkaufsmanager Gefängnisstrafen von jeweils fünf Jahren erhalten.

Strafmaß soll zu niedrig sein

Das Revisionsgericht hat diese Urteile aufgehoben sowie die freigesprochenen Beteiligten erneut angeklagt. Der Grund für die Wiederaufnahme ist, dass die Minderjährigkeit des toten Jean-Pierre V. in dem ersten Prozess zu wenig beachtet wurde.

Frank-Eckhard Brand, Anwalt der Opferseite, bestätigt: "Das Gericht findet, dass das Strafmaß in diesem Fall zu niedrig ist. Dafür wurde ein neues Gutachten in Auftrag gegeben."

In dem ersten Prozess wurden die E.-Brüder schuldig gesprochen, weil sie den Methanol-Wodka an das Hotel verkauft hatten und somit verantwortlich für den Tod der jungen Männer sind. Lars Neca, Rafaels Vater erklärte bereits 2009, wie wichtig diese richterliche Entscheidung für ihn und seine Familie war.

"Der Schmerz wird nicht kleiner"

Und auch die Revision wird er verfolgen. "Die Staatsanwaltschaft muss klären, ob in juristischer Sicht ein zu mildes Urteil gefällt wurde", sagt Neca im Gespräch mit der "Welt". Für ihn persönlich mache es aber keinen Unterschied, ob die Schuldigen 60 oder 70 Jahre im Gefängnis säßen. "Der Schmerz wird nicht kleiner. Mein Sohn kommt dadurch auch nicht zurück."

Er sei nicht auf Rache aus. Necas Ziel sei von Anfang an gewesen, die Gefahr von gepanschtem Alkohol aufzuzeigen. "Durch unseren Einsatz hat es Gesetzesänderungen gegeben und die Sicherheit ist nun auch für Urlauber größer."

Denn diese Sicherheit war durchaus gefährdet. Man sollte annehmen, dass alleine der Tod der Jungen ein Warnschuss gewesen sei. Allerdings haben türkische Alkoholpanscher 2011 erneut ein ganzes Partyboot mit jungen Leuten vergiftet, drei junge Russinnen sogar tödlich.

Alkohol-Panscher als Tourismus-Gefahr

"Falscher Alkohol ist dort an der Tagesordnung", sagt Lars Neca. Daher stieß das Engagement des Vaters auf viel Zuspruch: "Viele Menschen, darunter auch Türken, haben sich bei mir bedankt." Immerhin war er beim ersten Prozess als Nebenkläger 14 Mal selbst in Antalya vor Ort.

Laut türkischen Medienberichten haben auch die Behörden in Antalya großes Interesse an einem höheren Strafmaß. Aus dem Fall sei mittlerweile eine wirtschaftliche Debatte geworden. Die Politik sehe nämlich den für die Türkei so wichtigen Tourismus durch die Alkohol-Panscher in Gefahr.

Umso dringender ist, dass die Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens alle noch offenstehenden Fragen beantwortet. Nachdem bereits verschiedene Medien über neue Beweismittel auf Seiten der Nebenklage berichteten, bestätigt auch die Anwältin der Angehörigen Deniz Yildirim, dass "die Geschäftsbeziehungen zwischen den Panschern und dem Hotel vor Gründung der Firma der Panscher untersucht wird."

Die Firma sei ein Jahr vor den Todesfällen gegründet worden, Yildirim wisse aber, dass die Panscher auch in den fünf Jahren davor Hotels beliefert hätten. "Falls eine länger bestehende Geschäftsverbindung nachgewiesen werden kann, könnten höhere Haftstrafen die Folge sein" – sowohl für die Lieferanten als auch für die Hotel-Angestellten.

Wenige Milliliter bereits tödlich

"Die bislang verhängten Haftstrafen von 60 Jahren für die Panscher bedeuten in der Realität, dass sie zwei Drittel davon absitzen müssen, es sei denn eine der in der Türkei öfter erlassenen Teilamnestien verkürzt die Strafe", sagt Yildirim.

Wie gefährlich Methanol für den Menschen ist, wissen viele gar nicht. Bereits wenige Milliliter können zu einer Vergiftung führen und aufgrund der Farblosigkeit ist die Substanz gar nicht erst zu erkennen. Das macht den Alkohol-Panschern ihr Geschäft sehr leicht. So war es auch bei den Jungen aus Lübeck.

Allerdings wird selbst die Verurteilung der Panscher nicht überall als Beweis für den dreifachen Mord gesehen. "Der Versicherungsträger der Schule von Rafael stellt es immer noch in Frage, ob sein Tod nicht selbstverschuldet war", betont Neca.

Daher erhalten weder Rafaels Eltern noch die Familien von Jan und Jean-Pierre finanzielle Unterstützung. "Ich habe aufgehört zu zählen, aber 50.000 bis 60.000 Euro habe ich während des ersten Prozesses mindestens schon bezahlt." Neca kämpft seit dem Tod seines Sohnes also an doppelter Front.

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