20.02.13

Fall Pistorius

Die fragwürdige Rolle von Chefermittler Botha

Die Staatsanwaltschaft in Südafrika erhebt weitere Vorwürfe gegen den mordverdächtigen Oscar Pistorius. Seine Verteidigung kann dem Chefermittler der Polizei jedoch handwerkliche Fehler nachweisen.

Foto: Infografik Die Welt

Rekonstruktion der Geschehnisse in der Tatnacht
Rekonstruktion der Geschehnisse in der Tatnacht

Im Fall des mordverdächtigen Olympia-Stars Oscar Pistorius sieht der Chefermittler Hilton Botha Fluchtgefahr und rät deshalb von einer Freilassung auf Kaution ab. Bei der Anhörung vor dem Magistratsgericht in Pretoria sagte Botha, er habe schon Leute "wegen einer möglichen Haftstrafe von fünf Jahren" fliehen sehen und es sei "auf keinen Fall Notwehr" gewesen.

Pistorius droht im Fall einer Verurteilung wegen vorsätzlichen Mordes eine lebenslange Inhaftierung, er hat nach Angaben der Anklage ein Konto und ein Haus im Ausland.

Pistorius hatte am Morgen wie schon am Vortag die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wortlos und unter Tränen angehört. Demnach gebe es eine Zeugin, die unter Eid ausgesagt habe, kurz vor den tödlichen Schüssen des Südafrikaners auf seine Freundin Reeva Steenkamp am vergangenen Donnerstag laute Schreie gehört zu haben, auch von einer Frau. Die Einschusslöcher in der Tür zum Badezimmer, in dem Steenkamp getroffen wurde, seien zudem so hoch, dass Pistorius seine Prothesen benutzt haben müsse.

Der beidseitig beinamputierte Sportler hatte ausgesagt, er habe Geräusche gehört und sei in Panik in der Dunkelheit auf seinen Stümpfen Richtung Badezimmer gegangen und habe in der Annahme geschossen, hinter der Tür verstecke sich ein Einbrecher. Kann die Staatsanwaltschaft belegen, dass er zunächst die Prothesen angelegt hatte, würde das Pistorius Darstellung widerlegen und für eine vorsätzliche Tat sprechen. Der Richter hatte am Dienstag die Anklage auf "vorsätzlichen Mord" zugelassen, die eine Freilassung auf Kaution in Südafrika erschwert.

Es sind schwere Vorwürfe, denen sich Pistorius ausgesetzt sieht. Sein Verteidiger Barry Roux, der als einer der teuersten des Landes gilt, wählte in der Befragung Bothas die Strategie, zunächst den Ermittler und dann dessen Belege unglaubwürdig zu machen. So gab Botha zu, dass er den Tatort betreten habe, ohne eine Schutzbedeckung über seine Schuhe zu ziehen, "es waren nicht genug da".

Zudem haben Pistorius' eigene Forensiker in dem Bad Munition gefunden, die von der staatlichen Spurensicherung übersehen worden war. Die Entfernung des Hauses der Zeugin gab Botha zunächst mit 600 Metern an, später korrigierte er sich auf 300. Er bestätigte auch, dass sie anstelle der vier abgefeuerten Schüsse von acht gesprochen habe und nicht sicher sagen konnte, ob es sich bei den Schreien um die von Steenkamp und Pistorius gehandelt habe.

"Keine dopingrelevanten Wirkstoffe"

Voreilig gingen die Behörden offenbar bei zwei beschlagnahmten Kartons mit Ampullen und Spritzen vor. Sie wurden inzwischen von der Staatsanwaltschaft als Testosteron-Steroide bezeichnet. Nach Angaben der Verteidigung handele es sich aber um "ein legales homöopathisches" Mittel, "das Pistorius nehmen durfte".

Die Schreibweise der Substanz wurde vor Gericht nicht geklärt. Doch offenbar handelte es sich nach Angaben der Verteidigung um Testis Compositum, das mit Hilfe von Spritzen eingenommen wird. "Dies ist offensichtlich ein homöopathisches Präparat und ist aus meiner Sicht kein Präparat, das dopingrelevante Wirkstoffe enthält", sagte Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Dopinganalyse-Labors in Köln der Berliner Morgenpost.

Botha musste zugeben, dass die Untersuchung der Substanz noch nicht abgeschlossen ist und er dem Gericht einen unbestätigten Beleg als Tatsache präsentiert hatte. Berichte der englischen Zeitung "The Sun" über beschlagnahmte Steroide hatten schon am Montag den Eindruck nahe gelegt, Pistorius sei gedopt gewesen und habe Steenkamp womöglich nach der Einnahme von Steroiden getötet. Sie bewirken erhöhte Aggressivität. "Es war auf keinen Fall Notwehr", sagte Botha nach Angaben von Prozessbeobachtern.

Rechtsexperten sehen Interessenkonflikt

Die Anhörung in Pretoria ist ungewöhnlich detailliert, der Beginn des eigentlichen Prozesses ist noch gar nicht bekannt. Ursprünglich sollte noch am Mittwoch über den Antrag entschieden werden, nun gilt es nicht einmal als sicher, dass die Anhörung heute enden wird.

Die Forensiker des Staates und der Verteidigung werden Einschätzungen vorlegen. Die Staatsanwaltschaft gab sich zuversichtlich, dass ihr Bericht belegen werde, dass Pistorius aus erhöhter Position geschossen habe. Zudem hat Staatsanwalt Gerrie Nel ein mögliches Mordmotiv angedeutet, das er aber bislang nicht ausgebreitet hat.

Neben der Fluchtgefahr muss Richter Desmond Nair abwägen, ob von Pistorius Gefahr für die Öffentlichkeit ausgeht. Der 26-Jährige ist nicht vorbestraft, gegen ihn wurde aber mehrfach ermittelt, unter anderem wegen Körperverletzung an einer 19-Jährigen. Die Klage wurde fallen gelassen, Pistorius aber erstattete Anzeige gegen die Polizei, weil er eine Nacht auf der Polizeiwache festgehalten worden war. Einer der Ermittler war ebenfalls Hilton Botha, was Rechtsexperten als Interessenkonflikt zu seiner Rolle als Chefermittler sehen.

Die Staatsanwaltschaft beharrt auch unter dem Eindruck eines anderen spektakulären Falls auf eine Ablehnung des Antrags. Seit über zwei Jahren fordert sie vergeblich die Auslieferung des Engländers Shrien Dewani, der in Kapstadt den Mord an seiner Frau Anni in Auftrag gegeben haben soll. Dessen Anwälte in England verzögern das Auslieferungsverfahren immer wieder, eine Entscheidung wird frühestens im Sommer erwartet.

Behindertengerechte Gefängnisse, in denen Pistorius während der Untersuchungshaft untergebracht werden könnte, gibt es in Südafrika. Seit Donnerstag befindet er sich in Polizeigewahrsam in Pretoria.

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