19.02.13

Kino

Die letzten Geheimnisse aus dem Kampusch-Verlies

Mit gemischten Gefühlen haben viele die Kinoversion der Entführung von Natascha Kampusch erwartet. Doch "3096 Tage", das letzte Eichinger-Projekt, ist ein würdiger und beeindruckender Film geworden.

18.02.13 1:51 min.
Natascha Kampusch ist 10 Jahre alt, als sie 1998 von dem Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführt wird. Achteinhalb Jahre lang wird sie in einem unterirdischen Verlies gefangengehalten.

Wer über den Fall Natascha Kampusch schreibt – oder gar einen Film dreht – sieht sich mit einem wuchernden Gespinst vorgefasster Meinungen, moralischer Urteile und wilder Verschwörungstheorien konfrontiert. Fast jeder von uns hat sich ein Bild von den 3096 Tagen im Kerker des Wolfgang Priklopil gemacht, und weil das so ist, kommt dies fast einem Bilderverbot für einen Film gleich.

Der Voyeurismus in unseren Köpfen, der soll also erlaubt sein, aber fixiert auf Film, beliebig reproduzierbar, nein, das wollen wir nicht, das muss ich mir nicht antun, da werde ich nicht reingehen. Viele Bekannte reagieren so, kommt man auf Bernd Eichingers letztes Projekt zu sprechen.

Das Schlimmste, es hat vor fremden Blicken geschützt zu bleiben. Im eigenen Kopf, den eigenen vier Wänden, der eigenen Familie. Die Kinokamera, sie blendet im schlimmsten Moment fast immer ab, bei Kindesmissbrauch, bei Vergewaltigung, bei Hinrichtungen. Die Entführung der Natascha Kampusch jedoch ist vom ersten bis zum letzten Tag ein schlimmer Moment, eine Kumulierung von Albträumen: Freiheitsberaubung, Klaustrophobie, Einsamkeit, Hungerfolter, sexuelles Ausgeliefertsein, Hoffnungslosigkeit. Und nichts davon kann ein Film auslassen, der sich nicht der Verharmlosung und Verfälschung anklagen lassen möchte.

Die letzten Geheimnisse des Verlieses

Das heißt: Natürlich könnte er. Es hat bereits zwei Filme gegeben, die den Fall Kampusch zum Anlass nahmen ohne den Namen zu nennen, und sie respektierten die letzten Geheimnisse des Verlieses. Auch Natascha hatte sich immer geweigert, selbst in ihrer Autobiografie, Details über Priklopils sexuelle Avancen preiszugeben; dies sei "der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir bewahren möchte". Es war aber natürlich auch, wollte man es zynisch sehen, der letzte Rest an Geheimnis, den sie für eine spätere Auswertung in einem Film noch zurückhalten konnte.

In "3096 Tage", dem Film von Sherry Hormann, der am 28. Februar in die Kinos kommt, gibt es keine Geheimnisse mehr, und es bleibt auch nicht beim Kuscheln. Es ist ein Film mit glasklaren Bildern, ohne düstere Schatten, dunkle Ecken, dräuende Wolken. Die Bilder grieseln nicht, weil es bei den elektronischen Kameras das Korn des Zelluloids nicht mehr gibt, ihnen wohnt diese beinahe hyperreale Klarheit inne, welche Realismus suggeriert – und absolute Sachlichkeit.

Hormann, im Tandem mit ihrem Kamera- (und Ehe)mann Michael Ballhaus, verzichtet auf jegliche inszenatorische Mätzchen. Sie heroisiert Kampusch nicht, sie dämonisiert Priklopil nicht. Es gibt, fällt einem irgendwann auf, so gut wie keine Filmmusik, die sonst immer dazu dient, unsere Emotionen hervorzukitzeln. Das Drehbuch – knapp die Hälfte stammt noch von Eichinger, nach seinem Tod schrieb Ruth Toma ("Ein Lied von Liebe und Tod -– Gloomy Sunday") es zu Ende – spitzt die Handlung nicht auf dramaturgische Höhepunkte hin zu, sondern folgt chronologisch den Schlüsselereignissen der achteinhalbjährigen Gefangenschaft.

Warum gibt es keine Filmmusik?

Die Emotionen, sie sind trotzdem da. Doch Hormann und Toma (zwei Frauen, auch das spielt hinein) haben erkannt, dass ihr potentester Helfer der riesige Kontrast zwischen der Sachlichkeit der Inszenierung und der Empathie des Betrachters ist. Die Szene, die einen als Zuschauer endgültig einfängt, hat mit der Gegensprechanlage zu tun, die der Entführer in Nataschas Zelle einbaut.

Bald danach stellt sie sich davor hin – gefilmt wird das, als ob in dem Apparat eine Kamera versteckt wäre, sie blickt uns also direkt an – und versucht, mit all der manipulativen Kraft, die in einem zehnjährigen Kind schon stecken kann, ihrem Entführer ein Zugeständnis zu entlocken. Doch die Sprechanlage bleibt stumm. Und nun gibt es zum Glück keinen See von Tränen, keine aufwallenden Geigen. Das Gesicht, die Situation, die direkte Ansprache – das ist mehr als genug.

Natürlich folgt "3096 Tage" einer Master-Erzählung, und deren Motto steht am Anfang und am Ende: "Es war klar… nur einer von uns beiden würde überleben… Und das war ich, letztendlich… Und er nicht." Seit dem "Highlander" vor fast drei Jahrzehnten ist dieses "Es kann nur einen geben" von unzähligen Hollywood-Filme geraunt worden, die solche Zweikämpfe zelebrieren. Hormann und Toma plustern die achteinhalb Jahre nicht filmisch zum Zweikampf auf, weil sie es nicht waren, nicht sein konnten, bei den völlig ungleichen Machtverhältnissen.

"Nur einer von uns würde überleben..."

In "A moi seule", der voriges Jahr auf der Berlinale lief, erkämpft sich das Opfer im Keller zuerst seine innere Freiheit und macht sich dann daran, ihren Entführer mit den Reizen einer Frau in die Hand zu bekommen. Diese Strategie des Opfers, die langsam Früchte trägt, ist auch in Markus Schleinzers "Michael" vorhanden, wo ein kleiner Junge in einem Keller eingesperrt ist.

"3096 Tage" versagt sich diesen wohlfeilen Trost für seine Figur und seine Zuschauer, denn was auch immer Kampusch sich im Lauf der Zeit an kleinen Rebellionen erlaubt hat: Die Realität war, dass Priklopil sie jederzeit aufs Neue schrecklich bestrafen konnte, vor allem durch Essensentzug.

Die klapperdürre Irin Antonia Campbell-Hughes ist zunächst ein verstörender Widerspruch zu der pausbäckigen Kampusch, die sich aus Talkshows eingeprägt hat. Eine Weile lang stören auch die Bewegungen der Lippen, die nicht zu der deutschen Synchronisation passen.

Eine Irin spielt Natascha Kampusch

Man kann der Constantin glauben, dass sich im deutschen Sprachraum keine geeignete Darstellerin gefunden habe, oder man darf vermuten, dass dieser Film auf Englisch gedreht werden musste, um international vermarktbar zu sein. Wie dem auch sei, Campbell-Hughes ist verletzlich und stark, und sie kommt ohne Erinnerungsgepäck daher; für die Dauer des Films legt sich ihr Gesicht vollständig über das millionenfach bekannte.

"3096 Tage" ist ein klarer Film, aber kein voyeuristischer. Er ist zurückhaltend, zeichnet aber nichts weich. Er erreicht unsere Gefühle, und ist kein bisschen tränendüsig. Wenn die Geschichte der Natascha Kampusch schon verfilmt werden musste – worüber man akademische Debatten führen kann, was aber in unserer Medienrealität unvermeidlich war – dann auf diese Weise.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Stundenlang hatte ein Großaufgebot der Polizei nach dem achtjährigen Mädchen gesucht
15:15Verschwundenes Kind
Fall Sharlyn – Nachbar der Großmutter unter Verdacht

Wende im Fall der vorübergehend verschwundenen achtjährigen Sharlyn: Die Polizei verdächtigt einen Anwohner, das Kind mit in seine Wohnungen genommen zu haben. Der Mann unternahm einen Suizidversuch. mehr...

Two girls stand in rubble after a tornado struck Moore, Oklahoma, May 20, 2013. A 2-mile-wide (3-km-wide) tornado tore through the Oklahoma City suburb of Moore on Monday, killing at least 51 people while destroying entire tracts of homes, piling cars atop one another, and trapping two dozen school children beneath rubble. REUTERS/Gene Blevins (UNITED STATES - Tags: ENVIRONMENT DISASTER)
15:50Tornado
Das Sterben der Kinder von Oklahoma im entfesselten Sturm

Mindestens 24 Tote forderte ein drei Kilometer breiter Tornado in Oklahoma. Zwei Grundschulen wurden zu Todesfallen für 20 Kinder. Dabei meinten es die Lehrer nur gut, als sie die Kleinen da behielten… mehr...


Herthas Maik Franz (l.) und Sami Allagui
15:12Vereinsfinanzen
Hertha BSC bekommt so viel Geld aus TV-Vertrag wie nie zuvor

Hertha BSC plant für die Bundesliga mit einem deutlich gestiegenen Etat von 69 Millionen Euro. Ablösepflichtige Profis können nur verpflichtet werden, wenn im Gegenzug Geld für Abgänge reinkommt. mehr...


Vor Geschäftsstelle der BVG protestierten die Beschäftigten für höhere Löhne
14:20Tarifkonflikt
BVG-Mitarbeiter könnten noch heute über Streik entscheiden

Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen spitzt sich die Tarifrunde bei den Berliner Verkehrsbetrieben zu. Scheitern die Gespräche, will die Gewerkschaft Ver.di umgehend über Warnstreiks beraten. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Tornado in Oklahoma Familie filmt die Zerstörung aus dem Sturmkeller
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados wüten in vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. PanoramaRiesen-TornadoNur die Wand mit den Rucksäcken der Schüler steht noch
  2. 2. PanoramaOklahoma-HäuserWarum bauen Menschen in Tornado-Gegend instabil?
  3. 3. Natur & UmweltBrutale NaturgewaltTornados – Monsterwalzen mit Bombenkraft
  4. 4. DeutschlandVerkehrDer ewige Kampf gegen Deutschlands Suff-Radler
  5. 5. WirtschaftBundesbankDer deutsche Staat baut seinen Schuldenberg ab
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote