18.02.13

Südafrika

Pistorius schoss "nur Zentimeter neben meinen Fuß"

Kurz vor den tödlichen Schüssen auf seine Freundin gab Paralympics-Star Oscar Pistorius einen Schuss in einem Restaurant ab – aus Versehen, wie Beteiligte beteuern. Der Vorfall wurde nicht gemeldet.

Von Christian Putsch
Foto: dpa

Paralympics-Star Oscar Pistorius im Gerichtsgebäude in Pretoria. Am Dienstag wird über einen Kautionsantrag entschieden. Selbst wenn diesem stattgegeben werden würde, was als unwahrscheinlich gilt, dürfte er das Land nicht verlassen
Paralympics-Star Oscar Pistorius im Gerichtsgebäude in Pretoria. Am Dienstag wird über einen Kautionsantrag entschieden. Selbst wenn diesem stattgegeben werden würde, was als unwahrscheinlich gilt, dürfte er das Land nicht verlassen

Der südafrikanische Karikaturist Jonathan Shapiro, Künstlername "Zapiro", gilt als verlässlicher Sensor für die Stimmung des Volkes in Südafrika. Er hat die Wahrnehmung des mordverdächtigen Leichtathleten Oscar Pistorius in einer Zeichnung treffend zusammengefasst, die am Sonntag in der südafrikanischen Zeitung "Sunday Times" erschienen ist.

Darauf ist Pistorius als gebrochener Sportler zu sehen, neben ihm steht in großen Buchstaben "Icon" (Ikone) geschrieben, allerdings mit durchgestrichenem "I". Übrig bleibt "Con" – Verurteilter.

"Wir wollen wissen, warum unsere Tochter auf diese Weise sterben musste", sagte Steenkamps Mutter June der "Times of South Africa" und brach damit ihr Schweigen. "Warum mein kleines Mädchen? Warum ist das passiert? Warum hat er das getan?", sagte June Steenkamp. "Alles, was wir haben, ist dieser entsetzliche Tod, mit dem wir fertig werden müssen. Alles, was wir wollen, sind Antworten."

Aufnahmen einer Überwachungskamera

In Südafrika glauben nach zahlreichen verbreiteten Mutmaßungen nur noch wenige an die zunächst verbreitete Version, Pistorius habe seine Freundin Reeva Steenkamp in der Nacht zu Donnerstag irrtümlich für einen Einbrecher gehalten und deshalb auf sie geschossen.

Mehrere Zeitungen berichteten, Steenkamp habe bereits am Mittwoch gegen 18 Uhr die Wohnanlage betreten, in der sich Pistorius' Haus befindet, das hätten die Auswertungen von Aufnahmen einer Überwachungskamera ergeben.

Die Schüsse fielen zwischen drei und vier Uhr in der Nacht. Danach soll Pistorius zunächst seinen Freund Justin Divaris verständigt haben. "Oscar hat mich um 3.55 Uhr angerufen und gesagt, dass er Reeva erschossen habe", sagte er der britischen Zeitung "Sunday People".

Offiziell von der Polizei bestätigt wurden diese Meldungen bislang nicht, die Behörden halten sich mit Stellungnahmen seit Donnerstagnachmittag zurück. Auch Pistorius' Verteidiger kommentierten bislang keines der angeblichen Details der Tatnacht.

Wettkämpfe komplett abgesagt

Am Sonntag hatte sein Manager Peet van Zyl alle Wettkampfteilnahmen von Pistorius' abgesagt: "Ich sehe keine andere Möglichkeit", sagte er vor Journalisten. Dieser Schritt solle es Pistorius ermöglichen, sich "auf die anstehenden Gerichtsverfahren zu konzentrieren".

Der Sprinter hatte sich unter anderem zu Rennen in Australien, Brasilien und den USA gemeldet. Zudem standen im August als Höhepunkt die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau auf dem Programm. Heute wird in Pretoria über Pistorius' Kautionsantrag entschieden. Selbst wenn diesem stattgegeben werden sollte, was als unwahrscheinlich gilt, dürfte er das Land nicht verlassen.

Seit seiner Festnahme am Donnerstag befindet sich der Sportler in Polizeigewahrsam in Pretoria, wo er viel Besuch erhält. Der 26-Jährige empfing am Wochenende nach Medienberichten Familienangehörige, Anwälte, Freunde, Berater und Geistliche. Pastor AJ Wilson kam der "Cape Times" zufolge am Sonntag mit seiner Tochter zu Pistorius.

Tränenreiches Treffen mit Geistlichem

Der Athlet habe bei diesem Treffen durchweg geweint, berichtete der Pastor. "Wir haben zusammen über die Gegebenheiten geweint, mit denen er nun konfrontiert ist", sagte der Geistliche. Pistorius, der Geistliche und dessen Tochter hätten sich zudem an den Händen gehalten und gebetet. Auch die Schwester von Pistorius, Aimee, war der Zeitung zufolge zu Besuch gekommen, habe sich aber nicht dazu geäußert.

Zahlreiche Journalisten, Fotografen und Kamerateams umlagern das Polizeirevier in der südafrikanischen Hauptstadt, seitdem der behinderte Profisportler dort untergebracht ist. Offenbar wurden ihm dort besondere Rechte eingeräumt, so hat das Team seiner Verteidiger auch außerhalb der Besuchszeiten Kontakt zu ihm. "Wir haben die ganze Zeit Zugang zu ihm", sagte sein Anwalt Kenny Oldwage.

Pistorius ist am Donnerstag medizinisch untersucht worden, dabei wurde ihm auch eine Blutprobe abgenommen. Damit sollte festgestellt werden, ob der 26-Jährige zur Tatzeit Drogen, Dopingmittel oder Alkohol im Blut hatte.

Die Polizei will durch Sicherung dieser Fakten verhindern, dass sich Pistorius bei seiner Verteidigung auf die Einnahme von Substanzen beruft, die sich strafmildernd auswirken könnte. Ein Ermittlungsergebnis steht noch aus.

Der Waffennarr Pistorius

Am Montag wurde bekannt, dass es im Januar einen Zwischenfall mit Pistorius in einem Restaurant mit einer Waffe gegeben hat. Die Zeitung "Beeld" zitierte den Profiboxer Kevin Lerena mit den Worten, Pistorius habe mit einer Pistole "nur Zentimeter neben meinen Fuß" geschossen.

Er habe einen großen Schreck bekommen, "aber es war wirklich ein außergewöhnlicher Unfall", sagte Lerena. Es habe sich um die Waffe eines Freundes von Pistorius gehandelt, der Leichtathlet habe sie sich lediglich ansehen wollen, dann löste sich nach Angaben des Boxers ein Schuss. "Er hat sich über mehrere Tage hinweg immer wieder bei mir entschuldigt", sagte Lerena, der mit Pistorius befreundet ist.

Der Manager des Johannesburger Restaurants "Tashas", Jason Loupis, bestätigte der Zeitung, dass sich an dem besagten Abend ein Schuss gelöst habe. "Ich habe einen Schuss gehört und wollte sehen, was passiert ist, aber sie (die Personen an Pistorius' Tisch) haben es alle abgestritten", sagte Loupis. Deshalb habe er den Vorfall nicht gemeldet.

Die Leiche der getöteten Reeva Steenkamp soll eingeäschert und am Dienstag in einer privaten Trauerfeier beigesetzt werden. Die Medien dürfen der Zeremonie nicht beiwohnen.

Foto: AP

Tragödie in Südafrika: Nachdem der Paralympics-Star Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hat, wird er abgeführt. Er sagt, es sei „aus Versehen“ passiert.

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