18.02.13

Antidepressiva

Die mörderischen Nebenwirkungen von Glückspillen

Mord, Suizid, Raub: Die ARD-Doku "Gefährliche Glückspillen" zeigt anhand von Einzelschicksalen die eschütternden Nebenwirkungen gängiger Antidepressiva auf. Ein analytischer Pharmakrimi.

Foto: pa/maxppp/PHOTOPQR/L'AL
 PROZAC Antidepressiva
Eine ARD-Dokumentation mit dem Titel "Gefährliche Glückspillen" warnt nachdrücklich vor den Risiken und den erheblichen Nebenwirkungen: auch "Prozac" wird angesprochen

Wissen Sie, was ein "Blockbuster" ist? Bestimmt: Ein mit hohem Budget in der Hoffnung auf ein noch viel höheres Einspielergebnis produzierter, spektakulärer Kinofilm. Den Begriff des Blockbusters gibt es aber auch in der Pharmabranche – hier bezeichnet er ein Medikament, das einen Profit von mindestens einer Milliarde Dollar pro Jahr einbringt.

Was dem Kino Harry Potter oder die Hobbits aus Mittelerde sind, das sind den Arzneimittelherstellern die Antidepressiva. Mittlerweile geben die Amerikaner elf Milliarden Dollar jährlich für diese angeblichen Stimmungsaufheller aus, es sind die am häufigsten verschriebenen Medikamente des Landes. Doch auch in Deutschland nehmen schon fünf Prozent der Bevölkerung Antidepressiva ein, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

Mit ihrer Dokumentation "Gefährliche Glückspillen" warnen die Autoren John Goetz und Poul Eric Heilbuth nun nachdrücklich vor den Risiken und den erheblichen Nebenwirkungen dieser Medikamentengruppe. Vielleicht sogar ein wenig zu nachdrücklich, denn ein reißerisches, manipulatives Element ist offensichtlich im Film.

Doppelmord auf Prozac

Das erste, was er zeigt, sind verwischte Bilder eines U-Bahnsteigs, die Schemen eines gewaltvoll vorbeiratternden Zuges. Und bald darauf hört man die Stimme eines Mannes aus North Carolina, der einen Notruf absetzt. Monika Kranz hat sich 2005 vor einen Zug geworfen, "aus heiterem Himmel", wie ihre Tochter Berit sagt.

Neun Tage zuvor hatte sie mit der Einnahme von Zoloft begonnen, einem Antidepressivum aus dem Hause Pfizer. David Crespi, ein ehemaliger Banker, erstach seine beiden Zwillingstöchter nach sieben Tagen auf Prozac.

Es sind geradezu unfassbare Schicksale, von denen Goetz und Heilbut erzählen. Der Schock, die emotionale Überwältigung, das Kopfschütteln – all diese beabsichtigten Reaktionen überdecken aber das womöglich eben doch Fassbare an diesen Katastrophen, die gefühlige Keule erschlägt den wissenschaftlichen und fachlichen Hintergrund, der im Film ja durchaus vorkommt.

"Erhöhte Suizidgefahr" auf Beipackzetteln

So hatte ein niederländischer Richter eine Untersuchung angeordnet, die zu dem Schluss kam, dass Antidepressiva durchaus die Aggressivität bestimmter Patienten steigern können. Auch ein Hinweis auf die unter Umständen erhöhte Suizidgefahr findet sich mittlerweile auf vielen Beipackzetteln.

Diese Informationen jedoch haben es nicht leicht in einer Dramaturgie, die auf den größtmöglichen Effekt setzt. Ein Mann schluckte Psychopharmaka und wurde zum Serienräuber. Ein anderer nahm Antidepressiva, seit er zehn war, und im Alter von 15 Jahren schoss er einer Frau in den Kopf.

Auf Anfrage in den Fällen Kranz und Crespi verweisen die Pharmafirmen unisono auf das "positive Verhältnis von Nutzen und Risiko" – was in diesem geschlossenen erzählerischen Kosmos, in dem vom Nutzen nie die Rede ist, natürlich unendlich zynisch erscheint.

Das Heilsversprechen der Antidepressiva

Doch die eindeutige Stärke der Dokumentation liegt in den Gesprächspartnern. Der Pharmakologe Bruno Müller-Oerlinghausen etwa berichtet von dem "beinahe religiösen" Versprechen, das die ersten Antidepressiva geleistet hätten. Blair Hamrick, lange Jahre Pharmavertreter von GlaxoSmithKline, bringt es ein wenig burschikoser auf den Punkt: "Die Glücklich-, Geil- und Schlanksein-Pille" habe er verkaufen sollen.

Dass auf einen solchen Rausch ein Kater folgen muss, ist da schon gar nicht mehr verwunderlich. Die Annahme, eine Depression folge lediglich aus einem zu niedrigen Serotoninspiegel, verwirft Müller-Oerlinghausen als "Unsinn". Genau darauf basiert aber die Funktionsweise der zahlreichen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, kurz SSRI, die den Markt dominieren.

In den 80er-Jahren hatten die deutschen Behörden dem Medikament Prozac die Zulassung verweigert, positive Effekte seien nicht feststellbar. Der zuständigen amerikanischen "Food and Drug Administration", die durch diesen negativen Bescheid hellhörig geworden war, legte der Konzern Eli Lilly geschönte Unterlagen vor. Prozac wurde durchgewunken und stieg zu einem der beliebtesten Medikamente der USA auf.

Viele Fragen bleiben offen

Blair Hamrick half damit als Undercover-Ermittler nachzuweisen, dass sein Arbeitgeber GlaxoSmithKline auch zur Verschreibung von Antidepressiva an Minderjährige gedrängt hatte. Die Firma ließ sich im vergangenen Jahr auf einen Vergleich ein, der sie drei Milliarden Dollar kostete – mit einem ordentlichen "Blockbuster" sollte das Geld in ein paar Jahren wieder drin sein.

Anrührende Einzelschicksale, gepaart mit fundierter Analyse: Grundsätzlich haben Goetz und Heilbut das Standardrezept für die klassische "aufrüttelnde" Dokumentation befolgt. Doch sie rütteln nicht nur ein wenig zu heftig, sondern lassen die fundierten Informationen, die ja tatsächlich das Zeug zum veritablen Pharmakrimi haben, so schnell am Zuschauer vorbeifliegen, dass viele Fragen offen bleiben.

Was nützen denn Antidepressiva nun wirklich – oder vielleicht tatsächlich gar nichts? Weiß man überhaupt etwas Verlässliches darüber, wie Depression entstehen? Und, vielleicht am wichtigsten: Warum sind immer mehr Menschen nicht in der Lage, ihren Alltag ohne die Einnahme von Psychopharmaka zu bewältigen?

Montag, 18. Februar, 22.45 Uhr, Das Erste

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