15.02.13

Meteoriten-Einschlag

Warum Russen Armaturenbrett-Kameras haben

In Russland wird fast jeder Neuwagen mit "Dash-Cam" verkauft: Die laufende Kamera auf dem Armaturenbrett sorgt für Beweise im anarchischen Straßenverkehr - und jetzt für die Astronomie-Geschichte.

Foto: dpa

Fast jeder Russe, der ein neues, westliches Auto fährt, lässt es mit einer Dash-Cam ausstatten. Genau diese haben den Einschlag tausendfach gefilmt
Fast jeder Russe, der ein neues, westliches Auto fährt, lässt es mit einer Dash-Cam ausstatten. Genau diese haben den Einschlag tausendfach gefilmt

Ein Meteorit am Ural? Noch vor zehn Jahren hätte es diese Nachricht wahrscheinlich nicht einmal in die Meldungsspalten geschafft. Fast 1000 Menschen wären verletzt worden – und niemand, der nicht gerade am Ural lebt, hätte davon erfahren.

Heute ist es anders. Der Ural liegt seit Freitagfrüh im Zentrum des globalen Dorfs. Der Meteorit, der hier einschlug, ist die Spitzennachricht von RTL bis CNN. Der Ural, nur zur Info, ist das Grenzgebirge zwischen Europa und Asien. Die Stadt Tscheljabinsk, in deren Nähe das Spektakel passierte, zählt gut 1 Million Einwohner, aber man darf sie doch ungescholten als Provinz bezeichnen.

Der Grund für das weltweite Medieninteresse ist leicht gefunden: Der Einschlag wurde tausendfach gefilmt. Er ist das wahrscheinlich am besten filmisch dokumentierte astronomische Naturereignis, das die Welt je gesehen hat.

"Dash-Cams" als Grundaustattung

Aber warum hat in einem sibiriennahen Riesendorf offenbar jeder eine Kamera bereit, um ein nur Sekunden währendes Naturereignis zu dokumentieren? Darum: Fast jeder Russe, der ein neues, westliches Auto fährt, lässt es mit einer Videokamera ("Dash-Cam") ausstatten. Diese filmt nonstop die Ereignisse im Cockpit und auf den Straßen – ähnlich den Kameras, mit denen sich Banken und Villenbesitzer gegen Überfälle schützen.

Warum nur sind ausgerechnet die Russen so medial vernetzt? Wieder liegt die Antwort fast auf der Hand. Es liegt an der Rechtslage des Landes. Die Kamera als permanent mitlaufendes Beweismittel gibt vielen Russen das Gefühl von Sicherheit, das ihnen die staatlichen Institutionen nicht vermitteln können.

Der Rechtsstaat, der in den russischen Weiten noch nie besonders stark ausgeprägt war, ist in den vergangenen Jahren des Wirtschaftswachstums weiter zurück geblieben.

Gesetz des dicksten Autos

Im Straßenverkehr herrschen zum Teil anarchische Verhältnisse. Bei 200.000 Unfällen starben im vergangenen Jahr 28.000 Menschen. Präsident Medwedjew hat die Fahrweise seiner Landsleute im Jahr 2009 als "undiszipliniert und kriminell rücksichtslos" bezeichnet.

Die wichtigste dort herrschende Verkehrsregel ist das Gesetz des fettesten Schlittens. Je größer das Auto, je dicker die Brieftasche seines Fahrers, desto rücksichtsloser wird es durch den Verkehr crashen – das ist eine Erfahrung, die jeder, der einmal auf Russlands Straßen unterwegs war, schnell zu berücksichtigen lernt.

Nicht erwähnt hat Medwedjew den verheerenden Zustand der Straßen in Russland. Schlaglöcher, Spurrillen, oft fehlende Kanalisation und Fahrbahnbeschriftung und Beleuchtung machen das Fahren zum Abenteuer.

Schlaglöcher, Spurrillen, Dunkelheit

Nicht erwähnt hat Medwedjew auch die großen Probleme der russischen Verkehrspolizei. Die Journalistin Marina Galperina beschreibt die Verkehrspolizei des Landes als "bekannt für Brutalität, Korruption, Erpressung und dafür, ihr Einkommen mit Bestechungsgeld aufzubessern". Transparency International hat Russland auf Platz 133 der am wenigsten korrupten Länder gesetzt.

Erst seit die "Dash-Cams" zur Ausstattung von Fahrzeugen gehören, hat sich die Lage gebessert. Die Filme sollen also Beweise vor Gericht liefern. Sie tun es auch.

Die hervorragende filmische Dokumentation eines Meteoriteneinschlags am Ende der Welt ist also ein erfreulicher Nebeneffekt des nicht sehr erfreulichen Rechtszustands des Landes im Osten.

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