15.02.13

ESC-Vorentscheid

Global gesehen ist Cascada kein Fremdschäm-Grund

Verwunderung über den Sieger-Titel "Glorious". Ja, er klingt wie der Vorjahressieger. Na und? Beim ESC kommt das dauernd vor. Und die Bayern von LaBrassBanda sind sowieso die Sieger der Herzen.

Von Holger Kreitling
Foto: dpa

So sehen Sieger aus ...

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Wie konnte das passieren, fragten sich Donnerstagabend und Freitagmorgen die Deutschen, jedenfalls jene, die sich für musikzurechnungsfähig halten? Cascada singt "Glorious" für Deutschland beim ESC in Malmö? Antwort: Es war leicht. Alles passte.

Mit am Ende doch recht deutlichem Abstand siegte die Dancepop-Band Cascada aus Bonn vor der bayerischen Bläser-Truppe LaBrassBanda, die barfuß und mit Live-Gebläse ihr feines Lied "Nackert" fulminant aufgeführt hatten. Dritte wurden die Söhne Mannheims.

Cascada-Sängerin Natalie Horler (31) war sichtlich verwirrt, als sie am Ende von "Unser Star für Malmö" durch Flure und über Treppen auf die Bühne stolzierte, um ihr Lied erneut zu schmettern. Sie sei sehr geschockt – aber "unheimlich glücklich".

Dancepop klingt einfach immer gleich

Zwischendurch jubelte sie enthusiastisch wie Fußballtrainer Jürgen Klopp, wenn ein Tor für Dortmund fällt. Auf Fragen, ob "Glorious" nicht so ein wenig zu deutlich dem Vorjahressieger "Euphoria" ähnlich würde, sagte sie dem NDR-Mitarbeiter Jan Feddersen in der "taz", diese Art Tanzmusik ähnele sich eben grundsätzlich.

Das stimmt in allen Teilen. "Glorious" ist nicht abgekupfert, aber doch deutlich nach dem Vorbild modelliert. Und natürlich sind Rezeptabweichungen bei Songs für die Mainstream-Diskothek nur begrenzt möglich. Der Stil von Cascada wird schlicht und stilvoll als "Hands up" bezeichnet. Es muss stampfen, es muss von Sängerin und Publikum gewinkt werden. Schmacht und Marsch: Das liebt das ESC-Publikum noch ein bisschen mehr als coole, überraschende Livebands.

Sogar das wuchtige Walkürenkorsett von Natalie Horler, die weiße Schleppe und die ehrliche Arbeit der Windmaschine im Rücken der Sängerin gehören dazu. Wer unbedarft in diese Szenerie hineingerät, glaubt sich in einem schlechten Film. Doch die ESC-Wirklichkeit ist Cascada näher als die meisten Acts an diesem doch schwachen Musikabend (bei schlecht ausgesteuerter Akustik).

Eben ein paar Nummern kleiner als Lena

Teutonisch ist das gar nicht, eher international. In jedem Jahr treten beim Song Contest Sänger mit den Erfolgsrezepten der Vorjahressieger auf, niemand stört sich daran. Ganz vorne landen sie allerdings auch nicht. Tanzmuckensound wie "Glorious" gibt es aus verschiedenen Ländern immer wieder, recht austauschbar, oft von der Fanbase für gut befunden. Kein Grund zur Aufregung.

Nicht vergessen: 2010 gewann Deutschland mit einem sehr guten Dancepop-Song, der clever produziert war und eine hinreißende Sängerin aufbot. Diesmal eben zwei Nummern kleiner. Cascada ist global gesehen also kein Anlass zum Fremdschämen.

Es gibt die Band seit 2002, das Trio ist im Ausland erfolgreicher als hierzulande. Sie erreichten mit Coverversionen die Hitparaden in den USA, in Großbritannien, in Schweden und Frankreich. Eigene Songs erreichten ähnliche Höhen, ein Album von 2009 trug die tolle Drohung "Evacuate the Dancefloor" als Titel.

Das komplizierte Voting bei "Unser Star für Malmö" konnte kaum unterschiedlicher sein. Während Radio-Deutschland klar LaBrassBanda favorisierte und Cascada auf Platz zwei hievte, setzte die Jury komplett andere Akzente, gab aber auch einige Punkte an Cascada. Das Fernsehpublikum entschied sich für Cascada als Sieger, und das war's.

Text von "Nackert" war nicht zu verstehen

Natürlich schade: LaBrassBanda hatten angekündigt, im Siegesfall mit dem Trecker vom Chiemsee nach Malmö zu fahren, das wäre ein hübscher Spielmannszug geworden. Ihre Live-Qualitäten hätten sie dort nicht ausspielen dürfen, Instrumente sind beim ESC live untersagt.

Im Grunde hat die Band auch so mitgenommen, was geht. Sie sind jetzt bekannt als Sieger der Herzen und können bei Konzerten sowieso mehr punkten als in der künstlichen, hochdressierten Welt des Song Contests. International wären LaBrassBanda Exoten gewesen wie die russischen Omas, die auf udmurtisch sangen. Viel verständlicher war der Text von "Nackert" übrigens auch nicht.

Ob sich ein ESC-Fieber einstellt? Vorerst wohl nicht. 3,24 Millionen Zuschauer sahen die Sendung, das ist wenig. Cascada muss jetzt durchs Land touren, vielleicht nicht gerade wie LaBrassBanda mit dem Trecker. Doch aus der glorreichen Nummer kommen wir nicht mehr heraus.

Foto: NDR/Bella Lieberberg

Die Kandidaten im Schnelldurchlauf: Saint Lu singt in Hannover das Lied „Craving“. Die kräftige, kratzige Stimme ist das Markenzeichen der gebürtigen Österreicherin und Wahlberlinerin.

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