13.02.13

"Quellen des Lebens"

Hau weg die Gartenzwerge für den ersten Sex!

Oskar Roehler wagt sich in seinem neuen Film "Quellen des Lebens" an eine autobiografisch geprägte, deutsche Familiensaga. Das geht allerdings nur gut, solange sie nicht von ihm selbst handelt.

Von Tilman Krause
Foto: picture alliance / dpa

Moritz Bleibtreu spielt in „Quellen des Lebens“ den Vater Klaus Freytag. Hier stellt er Gisela Ellers (Lavinia Wilson, r.) seine Mutter Elisabeth Freytag (Meret Becker) vor
Moritz Bleibtreu spielt in "Quellen des Lebens" den Vater Klaus Freytag. Hier stellt er Gisela Ellers (Lavinia Wilson, r.) seine Mutter Elisabeth Freytag (Meret Becker) vor

Große Verletzungen können gewaltige Antriebskräfte sein. Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hat einmal behauptet, im Grunde müsse er dem Holocaust dankbar sein. Ohne ihn wäre er nicht der Schriftsteller geworden, der er ist. Der 1959 geborene Filmregisseur und Buchautor Oskar Roehler kann natürlich nicht für sich in Anspruch nehmen, Opfer des Holocausts zu sein. Aber er sieht sich doch als Opfer eines Elternpaares, das eine egozentrische, verantwortungslose Art, mit seinem einzigen Kind umzugehen, als legitim empfand und sich dabei vom linken Zeitgeist bestätigt sah.

Man war ja Künstler! Dichter! Oppositioneller! Zählte zum Establishment der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur: Gisela Elsner stellte um 1960 in der Tat neben und nach der Bachmann für kurze Zeit so etwas wie das erste Fräuleinwunder der "Gruppe 47" dar. Und Klaus Roehler, der zwar als Autor weitgehend unbeachtet blieb, ging doch zumindest in die Annalen der Literaturgeschichte als begnadeter Lektor ein.

Als Eltern stellten diese Beiden allerdings, wenn man dem Sohn Glauben schenken darf, die komplette Katastrophe dar. Sie ließen das Kind gnadenlos spüren, dass es nur im Wege war. Aus der erschreckenden Verwahrlosung, in die es so geriet, befreiten es in letzter Minute zwei Großmütter, denen fortan Oskars ganze Liebe galt.

Gnadenlos als Versager dargestellt

Aus dieser Ausgangssituation seiner Biografie hat Oskar Roehler weidlich Kapital geschlagen: Sein Durchbruch, der geniale Schwarzweißfilm "Die Unberührbare", mit Hannelore Elsner in der mit großer Aura versehenen Rolle von Roehlers Mutter Gisela Elsner, handelte zum ersten Mal von seiner Kindheitswelt und ihren Protagonisten.

Inzwischen hat er auch einen 600 Seiten umfassenden "Roman" über seinen Werdegang vorgelegt: "Herkunft". Vom Charisma der Mutter, von der intellektuellen Leistung des Vaters bleibt hier kaum mehr etwas übrig. Sie werden gnadenlos als Versager dargestellt. Umso heller leuchtet hier die Großelternwelt, die im ländlichen Unterfranken, später in Nürnberg angesiedelt ist.

Eindringlich schildert das Buch die Aufbaujahre, mütterliche wie väterliche Familie, die der Autor als repräsentativ für Nachkriegs-Deutschland hinstellt: Ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus "unbewältigt" hinter sich lassend, werfen sie sich umso energischer auf die Gegenwart. Sie rackern sich ab, gelangen schnell zu Wohlstand – der Roehlersche Großvater als Hersteller von Gartenzwergen: welch großartiges Symbol für die frühe Bundesrepublik!

Die dritte Stunde sitzt man ungeduldig ab

Doch diese Großelterngeneration bewahrt sich auch ein Gefühl für familiäre Solidarität und sieht die Eskapaden von Oskars Eltern mit der verständnislosen Skepsis des Spießers, der, so die beherzte Umwertung durch den Enkel, zwar ohne Sinn für Geschmack sein Leben führt, dafür aber das Herz auf dem rechten Fleck hat und einem Kind jenes Urvertrauen zurückzugeben vermag, das die ach so avantgardistischen Eltern ihm nahezu ausgetrieben hatten.

Auf dieser Grundkonstellation fußt "Quellen des Lebens", ein dreistündiges Leinwand-Epos, das man getrost als Verfilmung von "Herkunft" bezeichnen darf. Seine ersten beiden Stunden sind voller starker Momente und einprägsamer Szenen – bis hinunter zu den Chargenspielern, wenn beispielsweise unter den Kleinbürger-Machos der "Gruppe 47" Heribert Sasse den Obermacker und Gläser zerbeißenden Verleger Ledig-Rowohlt mimt.

Dem Elternpaar, verkörpert von Moritz Bleibtreu als Vater Klaus, während die Gisela von Lavinia Wilson gespielt wird, ist sogar eine wunderbar leichte, an Truffauts "Jules et Jim" erinnernde Szene gegönnt: der Orangen-Klau ("Juchhe, wir sind Diebe!"). Und auch jene Passage, die schon im Roman eine Wucht ist, kommt hier gut raus, in der Klaus seiner Gisela das Gartenzwerg-Lager des Papa vorführt, Gisela höhnisch an den Regalen rüttelt, so dass die Zwerge donnernd runterpurzeln und die Regale frei werden für den ersten Sex des zukünftigen Ehepaares.

Doch problematisch wird die letzte Stunde. Schon in "Herkunft" fiel die Schilderung von Oskars Jugendirresein sehr ab. So wie seine Eltern sich ohne wenn und aber dem linken Zeitgeist hingaben, versackte dieser Typ offenbar vollkommen im "Null Bock"-Gefühl der Nachfolgegeneration. Dafür fallen Roehler nicht nur keine einprägsamen Bilder ein, das ist auch inhaltlich so uninteressant, dass man die dritte Stunde nur noch ungeduldig absitzt.

Hier geht auch die Rechnung von der repräsentativen Familien-Saga nicht auf, denn Roehlers Eltern sind all ihren irrlichternden Umtrieben zum Trotz doch an ein historisches Projekt gebunden; Sohn Oskar hingegen war, bis er dann endlich den Filmregisseur in sich entdeckte, offenbar nur ein einsamer, selbstzerstörerischer Narzist.

Quelle: X-Verleih
09.02.13 3:38 min.
In "Quellen des Lebens" kehrt Erich Freytag (Jürgen Vogel) aus der Kriegsgefangenschaft zurück und wird nicht so herzlich empfangen, seinem Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) ist er fremd.
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