14.02.2013, 08:30

Diamantene Hochzeit Das Geheimnis einer langen und glücklichen Ehe


Lilli und Helmuth Schattschneider bei ihrer Hochzeit und 60 Jahre danach

Foto: . / privat

Von Claudia Becker

Während die Scheidungsrate in Deutschland weiter hoch bleibt, sind Lilli und Helmuth Schattschneider seit 60 Jahren glücklich verheiratet. Wie machen die sie das bloß? Ein Erklärungsversuch.

Es war der erste Tag im Frühling, als für die 24-jährige Lilli und deren Eltern die Flucht endete. Am 18. Januar waren sie im damaligen Westpreußen mit zwei Pferdewagen aufgebrochen, hatten sich eingereiht in den langen Treck, der Richtung Westen zog. Kälte, Entbehrung und Angst waren ihre Begleiter. Doch nun, am 21. März 1945, waren sie auf einem Bauernhof in Syke bei Bremen angekommen.

Zwei Jahre später tauchte Helmuth Schattschneider, der gerade aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, zum Arbeiten auf den Syker Bauernhof auf. Lilli und Helmuth verliebten sich. "Als ich irgendwann eine Stelle als Haushälterin in Bremen bekam, fuhr ich einmal in der Woche 25 Kilometer mit dem Fahrrad, um ihn zu sehen", sagt sie.

Lilli Schattschneider (91) aus Syke spricht Schwäbisch, die Sprache ihrer Vorfahren, die um 1813 aus dem Raum Stuttgart dem Angebot des Zaren Alexander folgten und Bessarabien, einen Landstrich im heutigen Moldawien und der Ukraine, gegen Steuerfreiheit urbar machten. 1940 verließ Lilli mit den meisten anderen Deutschen die Gegend am Schwarzen Meer.

60 Jahre Ehe bleibt eine Ausnahme

Sie wurden umgesiedelt, bevor das Land im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes von sowjetischen Truppen besetzt wurde. Sie kam nach Westpreußen, dort hatte sie erst ein paar Jahre gelebt, bevor sie in den Westen floh und schließlich Helmuth traf.

Im Juli 1952 heirateten sie. Helmuth bekam Arbeit in einem Betonwerk. Sie bauten ein Haus, bekamen drei Kinder, wurden Großeltern. Die Enkel wurden erwachsen. Lilli und Helmuth Schattschneider sind noch immer zusammen. Wie machen sie das bloß?

Eine Ehe in Deutschland, die nicht durch den Tod eines Partners endet, hält durchschnittlich etwas mehr als 14 Jahre. Die Scheidungsrate liegt bei mehr als 50 Prozent. Die Partnervermittlung ElitePartner.de hat für eine breit angelegte Studie mit mehr als 25.000 Befragten jene Faktoren ermittelt, die eine glückliche Beziehung ausmachen.

"Die in der Paarforschung gängige Ähnlichkeitshypothese zur Erklärung von partnerschaftlicher Zufriedenheit wird in der ElitePartner-Studie bestätigt", sagt die Psychologin Lisa Fischbach, die die Untersuchung geleitet hat. Deutliche Unterschiede mögen eine Zeit lang eine Beziehung anheizen. Für längerfristiges Glück gilt: Gleich und gleich gesellt sich gern. Mehr Harmonie, das Gefühl, verstanden zu werden, sich im anderen wiederzuerkennen.

Keineswegs Dauerharmonie

Bei Lilli und Helmuth Schattschneider ist das anders, sie empfinden sich als äußerst unterschiedlich. "Meine Frau ist ein Tagmensch", sagt Helmuth (88). Das ist höflich gesagt. Tatsächlich geht ihm das bisweilen ziemlich auf die Nerven. Lilli hat Hühner. Wenn die es sich abends im Stroh gemütlich machen, geht auch Lilli zu Bett.

Und wenn die Hühner im Garten gackern, dann ist auch Lilli schon wieder in ihren Beeten oder in der Küche zugange. Helmuth bleibt gerne lange auf. Und er liebt es, richtig auszuschlafen. Helmuth bezeichnet sich als "gesellig". Lilli ist nicht menschenscheu, aber sie mag es lieber ruhig. Und sie mag es nicht, wenn Helmuth so lange schläft.

Im Sommer haben die beiden ihre Diamantene Hochzeit gefeiert. Als die Pastorin sie fragte, was sie aneinander mögen, sagte Lilli: "Dass ich mich auf meinen Mann verlassen kann."

Und Helmuth sagte: "Dass sie so gut für mich kocht."

Genauer betrachtet unterscheidet sich ihre Beziehung nicht allzusehr von jenen Paaren, die in der aktuellen Umfrage beteuert haben, richtig gerne zusammen zu sein. Gerade die glücklichen Frauen und Männer betonen, dass ihre Beziehung keineswegs aus Dauerharmonie besteht, dass es bei ihnen auch mal richtig kracht – dass sie damit aber gut umgehen können. Das sagen 89 Prozent der sehr zufriedenen Paare im Gegensatz zu den 47 Prozent der unzufriedenen.

"Liebe ist kein Zustand"

Lilli würde bei Problemen manchmal gerne mehr mit Helmuth reden. Sie will ihren Ärger nicht herunterschlucken, sie will nicht still vor sich hin leiden. Aber das ist nicht immer so einfach, mit dem Mann ins Gespräch zu kommen. Und auch für ihn ist es nicht so einfach. "Wenn sie pfeift, muss er tanzen."

Das sagt er, weil er weiß, dass sie die Dominante in der Partnerschaft ist. Das war schon immer so. "Manchmal, wenn es richtig Streit gibt, dann schimpfen wir uns aus", sagt Lilli. Die kleine zierliche Frau kann sehr energisch klingen. "Dann sagen wir uns die Wahrheit. Und dann ist wieder gut."

Manchmal genügt das nicht. Manchmal ist es wichtig, auch mal mit anderen zu reden. Mit den Kindern am besten. Sie sind füreinander da, wenn es darauf ankommt. Auch wenn bei den Eltern schlechte Stimmung ist.

Kinder stehen an erster Stelle

"Liebe ist kein Zustand", sagt Lisa Fischbach. "Liebe ist gemeinsame Entwicklung und das immer wieder neue Ausloten, was einen verbindet." Wenn man Lilli und Helmuth Schattschneider fragt, was in ihrem Leben an erster Stelle steht, dann antworten sie fast gleichzeitig: "Die Familie!"

Dass die Kinder an erster Stelle stehen, haben die beiden immer aneinander geschätzt. Auch damals, in den 50ern, als sie ihr Haus bauten. Den Kindern sollte es gut gehen, "Lilli hat in der Zeit auch noch beim Bauern gearbeitet", sagt Helmuth. "Wir hatten damals nicht viel Zeit füreinander", sagt Lilli. Doch sie hatten ein gemeinsames Ziel.

Wenn die beiden sich später kennen gelernt hätten? Vor zehn Jahren? Als es keine Katastrophe mehr war, sich scheiden zu lassen? Wäre die Beziehung anders verlaufen? "An Trennung habe ich nie gedacht", sagt Helmuth. Lilli nickt.

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