12.02.13

Kloster Pernegg

Fasten macht fit und glücklich? Der Selbstversuch

Wie verkraften es Körper und Seele, wenn man eine Woche nichts isst? Unsere Autorin hat das gemacht. In einem kleinen Kloster. Ein Bericht über heiße Zitrone ohne Zucker zwischen Krise und Euphorie.

Von Kathrin Spoerr
Foto: Kathrin Spoerr

Ankunft. Was auf die Fastenden zukommt, ist ungewiss.

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Mein altes Ich hätte heute Morgen beinahe das Flugzeug verpasst. Mein altes Ich hat das Flugzeug zwar erreicht, aber sehr knapp. Weil die Zeit knapp war, wurde es hektisch. Und weil es hektisch war, stellte es sich in der falschen Schlange an, für die Sicherheitskontrolle. Es waren nur vier Schalter geöffnet. Die Schlange war 100 Meter lang.

Als es merkte, dass es sich falsch angestellt hatte, war es für die richtige Schlange zu spät. Darum rannte es, als alle seine Taschen durchleuchtet waren, es rannte lange, um dahin zu kommen, wo die richtige Schlange es hingeführt hätte – zu Gate 68. Als es dort ankam, stiegen sie gerade ein. Mein altes Ich war pünktlich. Und nass. Und völlig fertig.

Später sank mein altes Ich in den Flugzeugsitz, zu erschöpft zum Lesen und zu aufgekratzt zum Schlafen, und dachte: "Warum kriegst du es nicht besser hin?" Dann kam der Bordservice.

Ein Leben im Stress

Mein altes Ich hatte absolut keinen Hunger, weil es schon gefrühstückt hatte, zu Hause. Zu Hause hatte es auch keinen Hunger gehabt. Es war noch satt vom Abendessen gewesen. Und jetzt fragte die Stewardess, was es wolle. Käse? Oder Hühnchen? Mein altes Ich tat, was es immer tut im Flugzeug: Es nahm eins von beidem. Hühnchen war es vielleicht.

Die Stewardess reichte ein Sandwich, von Pappe und Plastikfolie hygienisch verschlossen. Es wickelte es aus und merkte, dass es keine Lust hatte, in dieses Gebilde zu beißen. Und dann biss es hinein. Das Gebilde schmeckte nach nichts. Weder nach Brot noch nach Butter noch nach den Salatblättern.

Und dann tat es etwas, was es schon im Moment, in dem es das tat, nicht verstand. Es biss immer wieder in das Sandwich hinein, so oft, bis nichts mehr davon übrig war. Es hatte ein geschmackloses Stück Industrietoastbrot, belegt mit neutraler, organischer Materie, aufgegessen. Ohne Hunger, ohne Appetit. Einfach so. "Warum kriegst du es nicht besser hin?", fragte sich mein altes Ich zum zweiten Mal an diesem Morgen.

Sehnsucht nach Zäsur

Ich möchte mein altes Ich gern hinter mir lassen, denn es führte ein anstrengendes Leben. Ich kann wirklich nicht sagen, wie oft ich in meinem Leben schon gerannt bin, um einen Zug, ein Flugzeug, einen Termin zu erreichen. Genauso wenig weiß ich, wie viele Zentner Nahrungsmittel ich ohne Hunger und ohne Vergnügen gegessen und verdaut habe.

In der Woche, die jetzt vor mir liegt, will ich mein Ich ändern. Vielleicht habe ich meine Hektik und meine Essgewohnheiten deswegen so kritisch beobachtet. Vielleicht habe ich deswegen schon zwei Mal an diesem Morgen das Wort "Problem" gedacht. Ich sitze in diesem Flugzeug, um mich an die Problemlösung zu machen.

Ich fliege nach Wien. Von dort fahre ich anderthalb Stunden Richtung Norden, in einen Ort namens Pernegg. Dort werde ich eine Woche lang fasten. Im Kloster Pernegg, Niederösterreich, Waldviertel.

Fort von zu Hause

Ich hätte natürlich auch zu Hause fasten können. Das hätte aber nicht funktioniert. Ich kenne mich. Zu Hause ist Alltag. Mit Internet, WLAN, Fernseher, Auto und mit einer voll ausgestatteten Küche, in deren Schubladen meine Feinde lauern.

Es gibt ein Schubfach mit Keksen und Schokolade und Nüssen. Es gibt ein Schubfach mit verlockenden Knistertüten. Kartoffelchips mit Paprikageschmack, karamellisiertes Popcorn, das ich zusammen mit den Kindern esse, wenn wir einen Film aus der Videothek ansehen.

Und es gibt mehrere Schubfächer mit Zutaten für das, was ich abends am liebsten mache: kochen und backen. Außerdem steht in der Mitte meiner Küche ein großer Kühlschrank. Der hält lauter Dinge kalt, die ich gern kalt oder liebend gern aufgewärmt esse.

Cola und Käse und Leberpastete und die Reste vom Kartoffelgratin, das es gestern bei uns gab, und vier übrig gebliebene Crêpes von vorgestern. Und dann noch dieses Tiramisu, das es neuerdings bei Aldi gibt und das ich paketweise verschlingen könnte.

Auf ins Kloster

Würde ich zu Hause fasten, müsste ich nicht nur den Hunger aushalten, sondern auch die Versuchung, die von Tiramisu, Leberpastete und Cola ausgeht. Ich müsste gegen die Abläufe und Routinen meines eigenen Hauses ankämpfen. Mein Haus ist voller Routinen.

Fernsehen kann ich nur mit Chips oder Schokolade, Videos sehen kann ich nur mit Popcorn. Wenn ich länger telefoniere, mit meinen Freundinnen oder mit meiner Mutter, schneide ich mir gern ein Stück Kuchen ab. Ich habe fast immer Marmorkuchen im Haus. Ich liebe Marmorkuchen. Diese vielen Routinen sind nach aller meiner bisherigen Erfahrung stärker als ich.

In Kloster Pernegg gibt es keine Routine. Es ist sehr weit weg von allem. Vielleicht sogar zu weit. Darum hatte ich mich letzte Woche ein bisschen reingesteigert in die Sorge, dass ich die Fastenwoche in Pernegg nicht aushalten würde. Nicht essen ist schlimm. Aber eine Woche ohne Fernseher? Ohne Telefon? Und am schlimmsten: ohne Internet?

Und jetzt bin ich da.

Pernegg: ein Prämonstratenserkloster, 1153 gebaut. Die letzte Nonne starb 1585. Der letzte Mönch zog 200 Jahre später aus. Ein paar Hundert Jahre lang verfiel das Kloster dann vor sich hin, bis der Prämonstratenserorden in den 1990er-Jahren die Sanierung begann. Es war ein großer Kraftakt für den kleinen Orden, und er ruinierte sich an der Aufgabe fast. Es gibt einen Kreuzgang, eine Kapelle, eine Zisterne, jede Menge Säle und Hallen. Sehr verwinkelt, sehr kalt. Und leer.

60 Zimmer hat das neu gebaute Gästehaus. Eine Küche gibt es vermutlich nicht. Alle, die sich hier einbuchen, wollen ja aufs Essen verzichten. Pernegg ist ein Fastenkloster. Ein reines Fastenkloster. Das einzige in Österreich. Und in Deutschland gibt es so etwas auch nicht.

Eine philosophische Hungerwoche

Zehn Zimmer sind jetzt belegt. Alle, die mit mir die Woche verbringen werden, haben den Kurs "Fasten, Philosophieren, Natur erkunden" gebucht. Um 17 Uhr treffen wir uns im Turmzimmer. Der Fastenkurs: Das sind Angelika, Helmut, Irmi, Brigitte, Christian, Renate, Juliane. Und ich. Die Fastenleiter: Aneta. Ernährungsberaterin. Sie ist für unsere Körper da. Sie erklärt uns, was wir essen und was mit uns passiert, wenn wir nicht essen. Sie weiß außerdem alles über Gifte und Schlacken. Sie passt auf, dass es uns in dieser Hungerwoche gut geht.

Und Harald. Buchautor, Philosoph. Er ist fürs Geistige zuständig. Und fürs Seelische. Seelisch bedeutet: Er erzählt Geschichten. Oder er schweigt. Wir schweigen dann auch. Harald geht gern barfuß, auch im Februar. Darum weiß ich über ihn, dass seine beiden großen Zehen richtig groß sind. Riesengroß. Er hat die Angewohnheit, den Menschen genau in die Augen zu gucken. Das irritiert mich. Harald hat etwas von einem Guru. Natürlich wird er mit uns meditieren.

Es ist Kennenlernabend. Jeder schreibt auf ein Kärtchen, warum er da ist. Ich lese die Wörter: "Runterkommen", "Auszeit", "Innehalten", "Reinigung". Wir sind vier Selbstständige und vier Angestellte. Zwischen 40 und 55 Jahre alt. Wir sind sehr verschieden.

Verschiedene Arbeit, verschiedene Ausbildung, verschiedene Wohnorte. Was uns verbindet, ist die Sehnsucht nach einer Zäsur. Niemand ist dick, nicht einmal ansatzweise. Vom Essen, auch vom Nichtessen ist gar nicht die Rede, und die Einzige, die auf ihr Kärtchen geschrieben hat, dass sie hier "anders essen lernen" will, bin ich. Bin ich hier falsch?

Harald schaut mir direkt in die Augen und sagt: "Du bist hier genau richtig."

Ein bisschen peinlich

Der Abend vergeht. Ich warte auf das Abendessen. Als ich unseren Speisesaal betrete, bin ich aufgeregt. Es gibt eine Gemüsesuppe. Karottenwürfel schwimmen darin und Sellerie und Kartoffeln. Von heute an wird die Nahrung langsam heruntergefahren. Das sind die beiden Entlastungstage, steht im Programm. Ich hole mir Nachschlag, obwohl ich noch immer keinen Hunger habe.

Ich nehme mehr Würfel als Brühe. Vor dem Essen haben wir uns bei der Sonne und bei der Erde für diese Mahlzeit bedankt. Dafür haben wir uns an die Hände gefasst – mit nach links gedrehten Daumen.

"Dann", sagt Harald, "kann die eine Hand geben, die andere empfangen." Wir sortieren unsere Daumen. Ich beobachte meine Nachbarn, Juliane und Brigitte, auf der Suche nach Anzeichen von Peinlichkeit.

Beim Essen, sagt Harald, wollen wir schweigen. Ich will eigentlich nicht schweigen. Aber natürlich schweige ich mit. Nur die Suppe plätschert, und die Löffel klirren. Und das Knäckebrot kracht zwischen den Zähnen, ein schrecklicher Lärm.

Um halb neun bin ich müde. Ich lege mich auf mein Klosterbett und betrachte das Kreuz an der Wand. Ich gebe zu, ich würde jetzt lieber fernsehen. Die Suppe gluckert in meinem Bauch, ich schlafe ein.

Tag 1

Mein Wecker klingelt um sieben. Ich habe zehn Stunden geschlafen. Zehn Stunden, ohne einmal aufzuwachen. Trotzdem bin ich müde. Ich zwinge mich aus dem Bett. Als ich aufstehe, merke ich, dass mein Kopf wehtut. Ich bin in einer Glocke gefangen. Gepolstert und wattiert. Die Geräusche dringen nur sparsam herein zu mir.

Meine Beine sind schwerer, mein Kopf größer als sonst. Wüsste ich nicht, dass ich gestern Abend Gemüsesuppe hatte, würde ich es für erste Anzeichen des Verhungerns halten. Es gibt zwei Dinge, die mich jetzt in Blitzgeschwindigkeit in Hochform bringen würden: ein sehr starker, sehr heißer Kaffee. Und eine Ibuprofen 400.

Beides gibt es hier nicht.

Ich habe keinen Hunger.

Aber einen unbeschreiblichen Appetit auf Kaffee. Ibu und Kaffee, denke ich, ist das wohl zu viel verlangt? Reicht es nicht, dass ich auf Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate verzichte? Muss auch das Koffein gestrichen werden?

Entzugserscheinungen

Trotz kommt in mir auf. Ich bin zum Fasten hergekommen. Nicht zum Foltern. Ich war auf Hunger eingestellt. Nicht auf Entzug. Ich nehme mir vor: Sobald sich die Gelegenheit ergibt, werde ich dem Dorfladen einen Besuch abstatten. Vom Kloster zum Dorfladen von Pernegg sind es keine 1000 Meter. Einen Instantkaffee, den ich auf dem Zimmer bunkern kann, werden sie dort wohl haben.

Wir treffen uns zum Morgengang. So heißt der Spaziergang am Morgen. Mit leerem Magen und Kopfschmerzen und den schwersten Beinen, die ich je hatte. Aneta sieht mir die Kopfschmerzen an. "Ich brauche einen Kaffee", sage ich und höre, dass meine Stimme ziemlich schwach klingt, und tue mir selbst ein bisschen Leid.

"Nicht mehr lange", sagt sie. "Du glaubst nur, dass du Kaffee brauchst. Morgen hast du es überstanden." Sie sagt, dass das normal ist. Am Entlastungstag kommen die Kopfschmerzen. Ich bin nicht die Einzige mit Kopfschmerzen. Auch nicht die Einzige, die an Kaffeeentzug leidet. Renate, Christian, Brigitte und Helmut sehen genauso leidend aus. Am schlimmsten hat es Irmi erwischt. Sie schleppt einen anflutenden Migräneanfall mit sich herum.

Viel bewegen, nichts essen

Wir sind ein stiller, kleiner, kopfschmerzgeplagter Trupp. Es geht durch den Wald, ein starker Wind weht. Es ist sehr kalt. Wir gehen nicht länger als 20 Minuten. Ich aber habe nach dieser Minimalanstrengung das Gefühl, keinen Schritt weiter zu können. Ich schleppe mich auf mein Zimmer, drehe die Heizung hoch und setze mich ganz dicht daneben.

Die Heizung ist so heiß, dass ich mich fast verbrenne. Aber warm wird mir nicht. Und jetzt gibt es Frühstück. Ich habe zwei dicke Pullover angezogen, Wollsocken und einen Schal. Der Frühstücksraum ist warm. Ich spüre die Wärme, kann aber nicht aufhören zu frieren. Alle frieren. Alle sind in Wolle gewickelt. Brigitte hat einen großen Poncho, grau mit schwarzen und roten Streifen. Ich beneide sie darum.

Es gibt ein Tellerchen Obst. Ich mag Obst. Ich versuche, die Orangenscheibe, die Apfel- und Birnenstücke zu genießen. Es gelingt nicht. Das, was ich jetzt wirklich und richtig genießen könnte, ist Kaffee, und den kriege ich nicht. Ich bin ein Junkie auf Entzug. Ich bin ein Junkie, der gar nicht wusste, dass er süchtig ist. Und dann beschließe ich, den Entzug mitzumachen.

Fluchtgedanken

Ich werde nicht zum Dorfladen gehen. Ich beschließe, darauf zu warten, dass mein Körper aufhört, sich Kaffee zu wünschen. Ich beschließe, mit den Kopfschmerzen auszukommen und mit der Müdigkeit und mit der Kälte und mit der Watteglocke, die mich gefangen hält. Aneta bringt mir ein Fläschchen aufs Zimmer.

Gelsemium sempervirens D12 "Spagyra" Globuli. "Fünf Kügelchen jede Viertelstunde". Ich glaube nicht an die Kräfte der Homöopathie. Ich bin vom Typ her eher jemand, der der Schulmedizin vertraut. Ibuprofen hilft mir, das weiß ich. Trotzdem nehme ich die Kügelchen. Aneta zuliebe.

Nach dem Frühstück falle ich in mein Klosterbett. Zwei Decken. Ich verschlafe den nächsten Programmpunkt – eine schamanische Wanderung durch das Waldviertel. Ich bin froh, dass ich ihn verschlafe. Schon der Gedanke an die Anstrengung und die Kälte da draußen bringt mich an den Rand eines Kreislaufkollaps. Ich glaube, ich werde krank.

"Ich glaube, ich werde krank", sage ich Aneta. Sie schaut mich an. Dann sagt sie: "Nein. Du wirst nicht krank. Du siehst gesund aus. Dein Körper stellt nur gerade um. Du entgiftest." Lieber Gott, denke ich. Wenn ich jetzt entgifte, was war ich dann bisher? Ver-giftet?

Hunger!!!

Es ist Mittag. Und ich habe Hunger. Das erste Mal, seit ich hier bin. Wenn ich es recht überlege, ist es der erste Hunger seit ... Wochen, vielleicht Monaten. Oder Jahren? Ich habe noch immer Kopfschmerzen. Mir ist noch immer kalt. Und noch immer fühle ich mich schwach und kraftlos.

Aber jetzt freue ich mich richtig auf das Essen. Es gibt die letzte halbwegs sättigende Nahrung. Danach ist die Entlastungsphase zu Ende. Danach wird nicht mehr gegessen, nur noch getrunken. Nach diesem Mittagessen wird also ernsthaft und richtig gefastet. Gemüse liegt auf dem Teller. Ich erkenne Mohrrüben und Sellerie, Petersilienwurzeln und Kartoffeln. Ich liebe Gemüse. Und ich liebe auch Kartoffeln. Ich stürze mich auf die heiße Speise. Und zucke zurück. Es fehlt das Salz.

"Es fehlt das Salz", sage ich und merke, noch während ich das sage, dass ich etwas Falsches sage. Das Salz fehlt nicht. Salz gehört nicht ran an unser Essen. Kein Kaffee, kein Salz. Ich füge mich. Die Kartoffeln duften. Auch ohne Salz. Tiere, denke ich, essen salzlos. Kein einziges Tier dieser Erde kippt sich Salz auf die Beute. Der Mensch ist auch nur ein Tier.

Nicht mal Salz?

"Ich bin ein Tier", denke ich und schiebe mir eine Kartoffel pur in den Mund. Ich konzentriere mich auf ihren Geschmack. Sie schmeckt anders. Sie schmeckt gut. Wenn ich ehrlich bin, schmeckt sie sogar besonders gut. Sie schmeckt nach Erde.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Kartoffeln gegessen habe, die nicht verarbeitet waren: zu Püree, zu Gnocchi, zu Puffern oder zu Klößen. Ich beschließe, dass ich es gut finde, dass das Essen ungesalzen ist. Mein Teller ist leer. Aber ich bin weit weg von einem Zustand, den ich "satt" nennen würde. In der Mitte auf dem Tisch steht eine Schüssel. Darin ist mehr. Niemand nimmt davon. Es ist fast so, als würden wir es nicht erwarten können, auf null gesetzt zu werden.

Mittagspause. Wie kann ein Mensch so viel schlafen? Und gleichzeitig frieren? Und gleichzeitig leiden? An Hunger, an Kopfweh, an Ganzkörperkaffeeentzug. Hätte man mich gelassen, ich hätte den ganzen Tag verschlafen. Aber wer ernsthaft fastet, lässt sich nicht gehen. Darum jetzt noch eine Yogaeinheit, bei der Irmi ganz, ich fast zusammenbreche.

Ein neues Ritual

Und dann, endlich, das Abendessen. Ich weiß nicht, warum ich mich darauf freue. Es ist ja kein Essen zu erwarten. "Suppe" steht auf dem Plan. Wir werden sie schweigend löffeln. Ohne Salz und ohne Knäckebrot. Und trotzdem freue ich mich darauf. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einem Ritual, die Freude am Verstreichen der Zeit, die Hoffnung, das eigene Leiden mit den Leiden der anderen teilen zu können.

Alle, außer Angelika, leiden jetzt ein bisschen. Und alle genießen es auch. Denn darum sind sie ja hier. Schluss machen, Zäsur, Runterkommen. Die Suppe schmeckt, wie soll ich sagen, sie schmeckt einfach nur wunderbar. Wahrscheinlich hätte mir jetzt auch heißes Wasser geschmeckt.

Aber diese Suppe ist dünn, fruchtig und würzig. Sie schmeckt nach dem, was drin ist: Kürbis. Ich weiß nicht, ob mir je eine so einfache Speise so gutgetan hat. Es ist, als würde diese salzlose Suppe alles wegspülen, was mich gerade noch beschwert hat. Den Hunger, die Kaffeesehnsucht, die Müdigkeit und, ja, die Kopfschmerzen.

"Meine Kopfschmerzen sind weg", sage ich zu Aneta. Auch die Kopfschmerzen von Juliane, Renate, Brigitte und von Christian sind verschwunden. Und Irmi erscheint lächelnd, ohne Migräne.

Was wir gerade hinter uns gelassen haben, ist die sogenannte Fastenkrise. Sie dauert zwei, manchmal drei Tage lang. Dann folgt, ebenso gesetzmäßig, die Fasteneuphorie. "Ihr liegt alle voll im Programm", sagt Aneta. Und Harald lächelt wissend.

Tag 2

Ich erwache um halb sieben. Ich bin sehr wach. Die Fastenkrise ist vorbei. Ich spüre Tatendrang. Um sieben beginnt die Meditation. Danach der Morgengang. Das ist die Klosterroutine. Mein Blick fällt aufs Programm. Heute ist Glaubern dran.

Die Fasteneuphorie, die ich für heute erwartet habe, sackt zusammen auf die Größe dieser acht Buchstaben. Was Glaubern ist, wird uns Aneta erklären. Aneta weiß alles übers Fasten, und das Glaubern gehört nun mal dazu.

Die Depots, sagt Aneta in einer Vortragseinheit, die Depots sind das Ziel dieser Woche. Der Darm soll ruhen. Er wird gereinigt und stillgelegt. Wenn der Darm leer ist, fällt der Körper über seine Depots her. Die Depots – das ist ein nettes Wort für das, was uns nicht gefällt an uns. Beim Mann der Bauch, bei der Frau der Po, die Hüften und die Beine.

Gifte und Schlacken

Und in den Depots lagert das Gift. Oder die Schlacken, wie es bei Fastenprofis heißt. Das kommt alles raus, beim Reinigungsprozess. Ich persönlich glaube nicht an die Gifte und Schlacken. Aber dass ein leerer Darm Hunger beseitigt, erlebe ich gerade. Und gegen eine Attacke auf meine persönlichen Depots habe ich gar nichts einzuwenden.

Natürlich musste der Mensch schon immer fasten. Früher unfreiwillig, wenn Nahrung knapp war. Nahrung ist in Europa schon lange nicht mehr knapp. Ich zum Beispiel. Ich esse zu viel, falsch und ungesund. Manche Leute glauben, dass das Überangebot an Nahrung Krankheiten verursacht. Diabetes, Bluthochdruck, Adipositas.

Fasten ist ziemlich alt. Inder fasten, Mönche fasten, Asketen fasten. Kranke fasten. Seit ungefähr 100 Jahren fasten auch normale Menschen – zum Spaß sozusagen. Die bekannteste Fastenmethode kommt aus Bad Pyrmont, wo die Mutter aller Fastenkliniken ihren Sitz hat. Das ist die Buchinger-Klinik, geführt von der Familie Buchinger. Die Buchingers haben jede Menge Fastenbücher geschrieben. Wo immer man eine Fastenkur bucht – fast überall wird nach der Methode Doktor Buchinger gefastet.

Jetzt wird es ernst

Und jetzt sprechen wir über das Glaubern. Das Glaubern ist fester Bestandteil des Buchinger-Fastens. Später werden wir über die Einläufe sprechen. Auch Buchingers Idee. Doch erst mal Glaubern.

Glaubern ist eine unappetitliche Sache. Darum zucke ich auch zusammen, als ich den Programmpunkt unmittelbar vor mir sehe. Aber wer richtig fasten will, kommt einfach nicht drum herum. Wer nicht glaubern will, kommt nicht an seine Schlacken ran. Glaubern bedeutet eigentlich nichts anderes als das Einnehmen eines Abführmittels. Das Abführmittel heißt Glaubersalz. Es wird in heißem Wasser aufgelöst und getrunken. Natürlich muss die richtige Menge bestimmt werden.

Das macht Aneta mit einem Ding, das pendelt. Es handelt sich um einen Bergkristall, der auf geheimnisvolle Weise die Energien desjenigen empfängt, auf den er gerichtet wird. Ich persönlich glaube nicht an menschliche Energien, schon gar nicht an mit Bergkristallen messbare menschliche Energien. Bei mir kommen 30 Gramm Glaubersalz heraus. Bei den meisten anderen auch. Die Männer kriegen 40 Gramm. Nur Angelika wird auf 25 Gramm gemessen, denn sie ist sehr dünn. Angelika protestiert. Sie möchte gern mehr.

Das Glaubern, sagt Aneta, ist eine effektive Sache. Es reinigt (man könnte auch sagen: es leert) den Darm mit einfacher Osmose. Es entzieht dem Darm Wasser und spült es mit der Kraft der Peristaltik Richtung Darmausgang. Der Darminhalt wird mit hinausgeschwemmt.

Nicht sauber, sondern rein

Das Glaubersalz wirkt im Darm also ungefähr so wie Ariel in der Wäsche. Aber Ariel allein hilft bei der Wäsche auch nicht immer. Manchmal ist der Schmutz einfach stärker. So ist es auch mit dem Darm. Aneta rechnet vor, wie groß der ist, mit allen Zotten und Ausstülpungen. Nämlich fast 400 Quadratmeter. "Ein Tennisplatz". Glaubern allein macht dieses große Organ nicht sauber genug.

Und darum sprechen wir jetzt über Einläufe. Der Einlauf holt den richtig starken Schmutz aus der Wäsche, pardon, aus dem Darm. Es wirkt also so ähnlich wie Vanish – gegen besonders hartnäckige Flecken. Einfaches Wasser, lauwarm, und eine Apparatur, die aus Beuteln und Schläuchen besteht. Mehr braucht es nicht für einen Einlauf. Aneta hat für jeden von uns ein Einlaufgerät dabei.

Welcher Schlauch wohin gesteckt wird – erklärt sich das nicht vielleicht von selbst? Aneta geht lieber auf Nummer sicher. Sie unterrichtet uns: Wie der Irrigator, so die korrekte Bezeichnung des Einlaufgeräts, zusammengeschraubt wird und dann, ohne Pardon, welche Öffnung des Geräts in welche Öffnung des Menschen ... und so weiter.

Möglich ist der Einlauf in mehreren Körperstellungen. Nämlich beispielsweise im Vierfüßlerstand und in der Rückenlage. Wasser rein, warten, warten und noch ein bisschen warten, bis es nicht mehr geht – und dann erst Wasser raus. "Mindestens jeden zweiten Tag" sollen wir den Darm auf diese Weise reinigen. "Noch besser wäre täglich."

Ich finde, dass genau das das Problem des Einlaufs ist: Flüssigkeiten in Körperöffnungen. In meiner Vorstellung sieht so ein Darkroom aus. Kein Kloster.

Leberwickel, Schröpfnäpfe, Massagen

Dann sind die Leberwickel dran. Sie gehen ganz einfach. Wärmflasche, nasser Lappen – ins Bett und auf die rechte Bauchseite damit. Fertig. Schön einfach und unschuldig. Zum Schluss des Entgiftungskurses werden wir mit dem Schröpfen vertraut gemacht, denn auch das Schröpfen entgiftet. Schröpfen geht mit Schröpfnäpfen.

Sie werden auf die Haut gepfropft, überall dort, wo die Gifte sitzen. Die Gifte sitzen bei jedem Menschen anderswo. Bei dem einen am oberen Rücken, bei den anderen in der Mitte. Oder an der Stirn, den Knien, den Schultern.

"Wo es wehtut, da sitzt das Gift." Und wenn es abgesaugt wird, hinterlässt es eine blaue Verfärbung der Haut, was ziemlich unschön ist, aber nach ein paar Tagen von allein wieder weggeht. Ich persönlich glaube nicht an Gifte.

Rückenschmerzen ade

Aber dann fällt mir der ziehende Schmerz im Unterrücken ein, den ich seit meinen Schwangerschaften nicht mehr loswerde und der seit den Entlastungstagen stärker geworden ist. Ich greife zu den Schröpfnäpfen. Aneta schlägt für das Schröpfen die Sauna vor. Wenn die Haut nass ist, hält der Schröpf-Saugnapf besser. Herrlich, denke ich, nachher noch in die Sauna und Gift rausziehen. Schön ist es, das Leben ohne Essen und ohne Kopfschmerzen.

Und dann treffen wir uns zum gemeinsamen Glaubern. An jedem Platz ein Namensschild und eine persönliche Thermoskanne. Wir trinken tapfer. Jeder hat einen anderen Geschmackstipp. Schmeckt es nach Waschmittel? Oder nach Natron? Manche nehmen Zitronensaft dazu.

Ich trinke und schlucke meinen Liter und finde, nach allen Horrorgeschichten übers Glaubern, mit denen wir uns zuvor gegenseitig verrückt gemacht hatten, dass es absolut erträglich schmeckt. Der Rest des Vormittags dient dem Abwarten der Wirkung. Das macht jeder mit sich allein aus, in seiner Klosterkemenate. Bei mir setzt die Wirkung schon nach einer halben Stunde ein. Und hört nach drei Stunden auf.

Wahrscheinlich wird nirgendwo, in keinem Fünfsternehotel und in keinem Gourmetrestaurant so viel und so genau auf das Essen geachtet wie in einem Fastenkurs. Das erste echte Fastenmittag muss erwähnt werden. Ich erwarte es gespannt. Auf dem Tisch stehen zehn Gläser – blutroter Inhalt, Löffel daneben. Der "Vitaminsaft".

Vitaminsaftmesse

Wir versammeln uns, alle frisch ausgeglaubert, um diese Gläser wie zu einer Messe. Schweigend, ja andächtig löffeln wir den Saft und spüren seinen Zutaten nach. Rote Beete, Karotten, Orange, Apfel und Banane. Ein Festmahl war das, da sind sich alle einig.

Eine Wanderung am Nachmittag. Durch das hügelige Waldviertel. Es stürmt und schneit. Ein bisschen Regen ist auch dabei. Aneta hat heißes Wasser in der Thermoskanne für uns mitgenommen. Die Schwäche des Vortages ist verschwunden. Sogar Irmi ist tatendurstig und schreitet kraftvoll aus. Der Wind reißt an unseren Gesichtern. Zwei Stunden durch den Schneeregensturm – das tut richtig gut.

Und endlich wieder eine Mahlzeit. Eine Kartoffelbrühe ist das Abendessen heute. Sie macht natürlich nicht satt. Das muss sie aber auch gar nicht, denn niemand hat Hunger. Niemand hat Heißhunger. Niemand hat Appetit.

Das Beste an der Brühe ist, dass sie heiß ist. Und auch, dass wir sie zusammen löffeln. Ich fange an, meine Fastenkollegen zu mögen.

Und am Abend ist Harald dran. Es geht, na klar, um Philosophie. Harald liebt nicht nur die Philosophie, er ist selbst auch ein Philosoph. Er erklärt uns den "philosophischen Kompass", den er entwickelt hat, ein magisches Viereck, in dem sich Lust und Pflicht, Freiheit und Determinismus gegenüberstehen.

Harald spricht über Platon und Schopenhauer, über Nietzsche, Epikur, Kant, Aristippos und Diogenes und über die Lieblingsfragen aller Philosophen, den Sinn des Lebens und den Weg zur Glückseligkeit. Ich höre ihm zu, versuche zu folgen. Ich persönlich bin philosophisch eher auf Anfängerniveau. Aber wenn Magen und Darm leer, der Kühlschrank und der Fernseher und das Internet so weit weg sind wie jetzt, kann ich mir fast nichts Schöneres vorstellen, als Harald auf der Suche nach dem Stein der Weisen zuzuhören.

Tag 3

Ich erwache. Es ist fünf Uhr. Zu früh, finde ich. Ich versuche wieder einzuschlafen, was nicht gelingt und mich nach einer halben Stunde richtig sauer macht. Ich finde, dass eine Auszeit dazu da ist, so lange zu schlafen, bis ich aufstehen möchte. Und ich möchte nicht um fünf Uhr aufstehen. Warum kann ich nicht schlafen? Liegt es am Fasten?

Ich habe weder Hunger noch irgendwelche Wehwehchen. Ich bin einfach nur wach. Und wenn ich es recht bedenke, will ich auch gar nicht mehr schlafen. Ich werde jetzt das tun, was hier im Fastenkloster das oberste Gebot ist: sich mit sich beschäftigen. Mich mit mir beschäftigen. Ich stehe auf und beschäftige mich mit mir.

Ich dusche. Ich lasse mir für alles Zeit, was sonst morgens in der Dusche ruck, zuck gehen muss. Als ich fertig bin, höre ich die Glocke der Kapelle läuten. Sechs Uhr. Ich koche Wasser im Wasserkocher, den ich gestern noch für ein überflüssiges Utensil meines Klosterzimmers hielt, hole eine Zitrone von der Fastenbar und presse sie hinein.

Heiße Zitrone ohne Zucker. Hatte ich nicht auch ein Buch dabei? Und plötzlich ist es sieben Uhr. Zeit für die Meditation – den Auftakt der Klosterroutine. Heute geht es Angelika schlecht. Sie holt ihre Fastenkrise nach.

Pflegen, pflegen, pflegen

Alle pflegen und experimentieren an sich herum. Es hält uns auf Trab, das Schröpfen und Leberwickeln. Manche schieben zwischendurch eine Massageeinheit ein. Renate zum Beispiel – die braucht das jeden Tag. Ich eher nicht. Ich bin kein Massagetyp. Ich kann für mich nicht nachvollziehen, was schön daran sein soll, mir von einer fremden Person den Körper kneten zu lassen. Andererseits ist da diese brennende Stelle in meinem Unterrücken.

Die Giftstelle, wie Aneta sagt. Dort hat es sich halt zusammengezogen. Das ist das Schöne am Klosterfasten. Man hat Zeit, sich nur mit sich und seiner Fleischlichkeit zu beschäftigen. Bei Lichte betrachtet hat man sogar die Pflicht dazu. Wie gesagt, ich glaube nicht an Gifte. Aber weh tut's schon an der Giftstelle. Und – bin ich nicht hier, um das Gift loszuwerden?

Gute Hände

Ich beschließe folgende Therapie für den Unterrücken: erst Schröpfen, danach Massage. Täglich. Das Setzen der Schröpnäpfe tut nicht weh. Es brennt ein bisschen. Das muss es aber auch.

Die Stelle, an der der Schröfnapf besonders unangenehm ist, ist die richtige, hatte Aneta gesagt. Danach ist Daisy dran, die Masseurin. Daisy sieht thailändisch aus, was mich eine Sekunde lang verunsichert, denn eine Thai-Massage will ich ganz sicher nicht.

Ach, die dummen Gedanken der Welt draußen. Ich bin froh, dass Daisy sie nicht lesen kann. Sie hat gute Hände. Sie massiert ohne Öl, weil sie so das Bindegewebe, in dem die Gifte sitzen, besser erreichen kann, wie sie in feinstem Österreichisch erläutert. Nach dieser Entgiftungseinheit horche ich natürlich genau in mich hinein. Hat sich schon was getan? Ich könnte schwören, dass: ja. Aber schon eine Stunde später, beim Mittagstrunk, zwickt es wieder.

Schon wieder Angst

Wir haben gerade unseren Vitaminsaft auf. Heute ist er gelb. Und jetzt bringt uns Aneta die heilende und reinigende Wirkung des Einlaufs in Erinnerung. Die Gläser stehen noch auf dem Tisch, der Saft war lecker. Aber echte Fastende sind nicht etepetete, der Körper, sein Inhalt, seine Ausscheidungen – wo ist das Problem?

Wer es bis jetzt noch nicht vollbracht hat (so wie ich), sollte spätestens heute den Darm spülen – Aneta schaut streng in die Runde. Fünf von uns schauen plötzlich ängstlich aus. "Was soll das bringen?", frage ich Aneta.

"Ich habe keinen Hunger, keine Kopfschmerzen. Geht es nicht auch ohne Einlauf?" Aneta sagt: "Nein". Und weil sie sich wirklich um unser Wohlsein sorgt, bietet sie allen, die allein nicht können oder wollen, ihre Hilfe beim Applizieren des Einlaufs an.

Ich mag Aneta, wirklich. Aber wenn es jemanden gibt, den ich mir einen Einlauf machen lasse, dann bin das ich. Gerade jetzt, nach dem Mittagstrunk, wo keine Müdigkeit, keine Kopfschmerzen, keine aufsteigende Kälte, kein noch so kleines Zipperlein und nicht einmal Hunger an meiner Befindlichkeit nagt, jetzt, beschließe ich, ist der Zeitpunkt für meinen Einlauf gekommen.

Um es kurz zu machen: Ein Einlauf ist nicht sehr schlimm. Er tut auch nicht wirklich weh. Das richtige Wort dafür ist: unangenehm. Er ist ungefähr das Unangenehmste, was ich mir selbst je zugefügt habe. Wer wissen möchte, wie es ist, möge es bitte selbst ausprobieren. Erwähnte ich, dass ich den ganzen Tag lang keinen Hunger hatte?

Tag 4

Ich erwache. Es ist halb fünf. Gerade bin ich dabei, mich darüber fürchterlich aufzuregen, als mir wieder einfällt, was ich gestern im Ernährungsseminar gelernt habe.

Nämlich: Der Darm frisst 30 Prozent des Energiebedarfs des Körpers. Weitere 30 Prozent braucht das Gehirn. Den Darm habe ich mit Fasten und Glaubern und Einlauf ganz ausgeschaltet. Mein Gehirn läuft beim Wandern und Meditieren allerhöchstens halbe Kraft.

Das heißt, dass ich 45 Prozent weniger erschöpft bin. Der Organismus muss sich 45 Prozent weniger erholen. Wenn er damit fertig ist, wacht er auf. Um halb fünf ist er offenbar fertig. Und ich habe 45 Prozent Energieüberschuss. Das ist doch eigentlich eine gute Nachricht.

Noch etwas fällt mir ein. Heute ist Stilletag. Ein Muss jedes Fastenkurses. Heute darf nicht gesprochen werden. Inzwischen ist die Liste recht lang. Ich fasse zusammen: kein Essen, kein Kaffee, kein Salz, kein Schlaf, keine Wörter. Bis sieben Uhr ist das einfach. Dann geht der Tag los. Ich habe Angst, er könnte hart werden.

Ist Schweigen Gold?

Ich habe noch nie geschwiegen. Natürlich schweige ich, wenn ich schlafe oder wenn ich allein bin. Aber doch nicht unter Menschen. Erst recht nicht unter – ich würde jetzt gern "unter Leidensgenossen" sagen. Aber wir leiden ja nicht. Das heißt doch. Jetzt leide ich wieder. An diesem albernen Nichtredendürfen. Ob die anderen auch leiden, weiß ich nicht. Sie dürfen es ja nicht sagen.

Wir treffen uns, grußlos. Lächeln ist erlaubt. Immerhin. Wir machen unseren Morgenspaziergang – ohne ein Wort. Renate stürzt auf dem eisigen Waldboden. Sie schreit, aber nicht sehr laut. Niemand fragt, ob sie sich wehgetan hat. Hilfloses Hantieren.

Wenn die Worte nicht fließen, kann man dann auch nicht handeln? Wir essen und trinken unsere Fastenmahlzeiten und danken diesmal weder der Erde noch der Sonne. Während des Essens zu schweigen – das ging ja gerade noch. Aber danach? Davor? Ich gebe zu – damit komme ich schwer klar. Und ich vergesse natürlich auch einmal, während der Meditation, wo heute der Hammer hängt, und plappere danach munter drauflos, bis ein allgemeines "Ssssccchhh" mich zurückholt.

Man gewöhnt sich

Ein Tag ohne Worte ist lang. Viel länger als sonst. Die Lippen werden spröde, der Mund wird trocken, der Geschmack bitter, und irgendwie verliert sich auch der Blick nach außen. Alles kehrt sich nach innen. Die Augen, die Betrachtungen. Die Gedanken denken, und weil sie nicht rauskönnen, gehen sie im Innern eigene Wege.

Und dann passiert es: Nach ein paar Stunden habe ich mich an diesen Zustand gewöhnt. Mit den Wörtern ist auch viel Spannung weg, Anspannung. Auf einmal fühle ich mich sehr gelassen. Das war so gegen Nachmittag.

Wir treffen uns um 17 Uhr im Kräuterlabyrinth, um das Schwei gen zu brechen. Es ist, als ob nach einer langen Nacht plötzlich der Wecker klingelt.

Tag 5

Heute habe ich mit Juliane ein bisschen geschwelgt. Ich weiß nicht, warum. Also warum uns das passiert ist. Wir kommen gerade zurück vom Morgengang. Plötzlich sage ich: "Jetzt einen Schweinebraten". Nein, ich bin nicht hungrig. Ich hatte ja kürzlich erst einen blitzsauberen Einlauf.

Der Gedanke an Schweinebraten schießt aus einer unbekannten Stelle meines Unterbewusstseins mitten ins Zentrum meines Bewusstseins. Ich sehe auch das Bild. Der Schweinebraten, den ich sehe, glänzt rosa und hat eine dicke, extrem knusprige Kruste – schwarz an manchen Stellen. Und die Bratenscheibe auf meinem Teller schwimmt in brauner Soße. Dazu gibt es Klöße. Ja, Kartoffelklöße.

Juliane sieht mich so an, wie man von jemandem angesehen wird, der genau weiß, was gemeint ist. Sie lächelt und sagt: "Und ein Wiener Schnitzel."

Wiener Schnitzel! Ich weiß nicht, wie das Wiener Schnitzel aussieht, das Juliane sich vorstellt. Aber das Wiener Schnitzel, das sofort vor meinem inneren Auge erscheint, wie ein gestochen scharfes Kodak-Dia, sieht genauso aus wie das Wiener Schnitzel aus der Werbung am Flughafen von Wien vor fünf Tagen. Es ist so groß wie der Teller, auf dem es liegt. An manchen Stellen hängt es über den Teller hinüber. Es ist wellig und verschrumpelt und sehr kross, goldgelb gebraten.

Vor dem Ziel

Das Wiener Schnitzel auf dem Werbeplakat des Wiener Flughafens war ungefähr fünf Quadratmeter groß. Es war das erste, was ich sah, als ich das Flugzeug verlassen hatte. Solche Schnitzel können nur die Wiener.

Vielleicht kam der Gedanke an den Schweinebraten daher, dass Schweinebraten und Schnitzel jetzt irgendwie in erreichbare Nähe gerückt sind. Nur noch ein Fastenmenü, einmal Tee, Vitaminsaft, Brühe liegt vor uns. Es ist der letzte Tag der Fastenwoche. Wir dürfen wieder reden, wieder lachen. Und morgen dürfen wir auch wieder essen.

Ich fühle mich ein bisschen so, wie man sich fühlt, wenn etwas sehr Anstrengendes, aber auch sehr Schönes zu Ende ist. Ich bin zwar noch nie Marathon gelaufen, aber das Ankommen im Ziel nach einem Marathon stelle ich mir so ähnlich vor. Man ist glücklich, dass es vorbei ist, schaut aber auch gern zurück auf die Strapazen.

Tag 6

Manchmal besteht ein Tag nur aus Warten. Heiligabend zum Beispiel. Und Silvester. Oder der Tag des Endspiels der Fußball-WM. Natürlich gibt es immer Dinge, die solche Tage füllen. Die Routinen, die Pflichten. Trotzdem sind diese Tage ein Lauern und Kreisen. Und man spürt im Bauch die Uhr, die auf diesen einen Moment zu tickt.

Acht Fastende im Kloster Pernegg warten.

Wir erwarten nichts Großes. Das Ding, auf das wir warten, ist sogar ziemlich klein, und der Tag kriecht langsam darauf zu. Sehr langsam.

Wir warten auf den Apfel. Mit dem Apfel brechen wir das Fasten. Seit einer Woche ist es das erste Mal, dass wir etwas essen, wofür wir unsere Zähne brauchen. Ein festes Nahrungsmittel. "Apfelmeditation" heißt es im Programm.

Am Ziel

Ich muss noch einmal daran erinnern, dass ich kein Mensch bin, der mit Meditation besonders viel anfangen kann. Ich hatte nie die Zeit und das Bedürfnis dazu.

In der letzten Woche habe ich so viel meditiert, wie in meinem ganzen Leben nicht. Aber eine Woche in Klausur, in einer Gemeinschaft, die sich in Askese, in Stille, in Ritualen und philosophischen Betrachtungen geübt hat, sind an mir nicht spurlos vorbeigegangen. Die Apfelmeditation erscheint mir jetzt als die einzig richtige Art, diese Woche zu beschließen.

Auf unseren Tellern steht diesmal kein Gefäß mit flüssigem Inhalt, sondern ein kleiner, gesund aussehender Bioapfel. Wir danken der Erde, wir danken dem Apfel. Harald hat uns mit den passenden Worten versorgt. Zwei Gedichten. Sie liegen neben dem Teller. Mir fällt auf, dass ich weder nach rechts noch nach links schaue, um den Peinlichkeitsfaktor abzuschätzen. Uns ist nach dieser Woche gar nichts mehr peinlich.

Der Apfel schmeckt. Wir schneiden ihn in Achtelstücke und essen langsam und, ein letztes Mal, schweigend. Juliane mag keine Äpfel, sie bekommt eine Kartoffel, mit ein wenig Schnittlauch garniert. Sie schneidet die Kartoffel mit dem Messer. Für jeden Bissen nimmt sie drei, vier Röllchen Schnittlauch. Nichts bleibt auf ihrem Teller zurück. Sie sieht zufrieden aus. Alle sehen zufrieden aus. Auf Angelikas Teller bleibt ein Apfelschnitz liegen.

Tag 7

Abreise Mein neues Ich fährt mit der Wiener Stadtbahn zum Flughafen. Es ist 13 Uhr, der Flug geht in zwei Stunden. Mein Neues Ich ist ausgesprochen gut gelaunt. Mein altes Ich hätte sich eigentlich ganz gern noch schnell den Stephansdom angesehen. Aber meinem neuen Ich war klar, dass das zu Zeitmangel geführt hätte, und es nicht um 13 Uhr in der Stadtbahn zum Flughafen hätte sitzen können.

Mein altes Ich hätte genau das getan. Es hätte den Dom gesehen, es hätte danach noch auf die Schnelle einem Wiener Caféhaus einen Besuch abgestattet. Und hätte dann den Rest des Tages den Stress zu bewältigen gehabt, den die Panik, das Flugzeug zu verpassen, ausgelöst hätte.

Mein neues Ich ist rechtzeitig am Flughafen. Zu früh, wenn es ehrlich ist. Was tun mit der Zeit? Mein neues Ich setzt sich in ein Flughafencafé. Nein, das Wiener Caféhausflair kommt hier nicht auf, aber mein Neues Ich will nicht verpassten Gelegenheiten nachtrauern.

Mein neues Ich bestellt einen Kaffee. Endlich.

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Futtern, fasten, schauspielern

Fasten
  • Ursprung

    Der Begriff geht auf das gotische Wort „fastan“ zurück: festhalten, beobachten. Das Fasten gibt es in allen Weltreligionen: Moses fastete, bevor er Gottes Wort empfing. Jesus zog sich zum Fasten für 40 Tage in die Wüste zurück, um sein öffentliches Wirken vorzubereiten. Mohammed fastete, bevor ihm der Koran offenbart wurde.

  • Christentum

    Die Fastenzeit für Christen beginnt an Aschermittwoch. Sie ist die Vorbereitung auf Ostern, das Fest der Auferstehung Christi. Im Jahr 325 legte das Konzil von Nicäa den Ostertermin fest und schrieb ein vorangehendes 40-tägiges Fasten vor. Früher galten für diese Zeit strenge Regeln. Nach der katholischen Lehre sind heute nur noch Aschermittwoch und Karfreitag echte Fastentage, an denen jeweils nur eine – fleischlose – Mahlzeit erlaubt ist.

  • Sieben Wochen ohne

    Die Evangelische Kirche in Deutschland ruft jährlich zu der Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ auf. Teilnehmer sollen von Aschermittwoch bis Karsamstag etwa auf Fleisch, Alkohol, Zigaretten oder Süßigkeiten verzichten. In diesem Jahr steht die Aktion unter dem Motto „Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht“. Es soll dazu einladen, im Gespräch unterschiedliche Ansichten auszutauschen, statt hinter einer Mauer des Schweigens und des Desinteresses zu verschwinden.

  • Islam

    Für Muslime ist Fasten eine im Koran verankerte Pflicht. Fasten gilt neben dem Glaubensbekenntnis, täglichen Gebeten, dem Geben von Almosen und der Wallfahrt nach Mekka als einer der fünf Grundpfeiler des Islams. Im neunten Monat des islamischen Mondkalenders sollen Muslime von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex verzichten. Der Fastenmonat Ramadan als Zeit der Besinnung soll den Glauben und die Selbstdisziplin der Gläubigen stärken.

  • Heilfasten

    Auch bei nicht-religiösen Menschen ist die Tradition längst zum Trend geworden: In Klöstern oder beim Fastenwandern können sich gestresste Großstädter eine Auszeit nehmen. Beim Heilfasten stehen statt fester Nahrung Tee, Saft, Wasser oder Gemüsebrühe auf dem Speiseplan. Es sollte jedoch nicht als Maßnahme zum Abspecken verstanden werden.

  • Gefahren

    Ernährungswissenschaftler weisen darauf hin, dass der Körper dabei extrem viel Wasser abbaut. Nach einer Fastenkur nimmt man oft mehr zu, als man dabei abgenommen hat. Heilfasten kann ein Impuls für eine Änderung des Lebensstils sein.

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