11.02.13

Gehackter Account

Bush-Bilder im Blick der Pseudo-Psychoanalyse

Ein Hacker hat den Email-Account von George W. Bush geknackt und Gemälde entdeckt, die der selbst gemalt haben soll. Für viele Kritiker die Gelegenheit, in die Seele des Ex-Präsidenten zu blicken.

Von Uwe Schmitt
Foto: Reuters

Der ehemalige US-Präsident George W. Bush soll selbst unter die Freizeitmaler gegangen sein, wie ein Hacker enthüllt hat. Sein offizielles Porträt für das Weiße Haus stammt jedenfalls nicht aus seiner Feder
Der ehemalige US-Präsident George W. Bush soll selbst unter die Freizeitmaler gegangen sein, wie ein Hacker enthüllt hat. Sein offizielles Porträt für das Weiße Haus stammt jedenfalls nicht aus seinem Pinsel

Der Freizeitmaler George W. Bush wolle sich unterbewusst von den Sünden des Politikers reinwaschen, meint ein Kritiker. Der 43. US-Präsident werde vom Waterboarding in Tagalbträumen verfolgt, vermutet ein anderer. An Hitchcocks Duschszene in "Psycho" dachte ein Dritter.

An Interpretationen der Ölgemälde von der Hand George W. Bushs herrscht kein Mangel, seit das investigative Portal "Smoking Gun" am vergangenen Freitag gehackte Emails und Fotos von Mitgliedern der Bush-Familie veröffentlichte. Statt sich mit den ethischen Fragen von VIP-Diebesgut und der Hehlerrolle von Medien zu befassen, die der anonyme Hacker namens "Guccifer" provozierte, sammelte man lieber die Expertisen von Kunstkritikern.

Problematisch, um es zurückhaltend zu sagen, ist die Veröffentlichung von gestohlenen, privaten Informationen. "Smoking Gun", gewöhnlich das erste Portal, das "Mug shot"-Bilder von zugedröhnten Prominenten in Polizeigewahrsam anbietet, bekam Emails, Fotos, Privatadressen und Telefonnummern von einer Reihe von Mitgliedern der Bush-Familie zugespielt.

Ein Foto, das den siechen 41. Präsidenten George H. W. Bush im Dezember in seinem Krankenhausbett zeigte, verschwand nach wenigen Stunden wieder von der Webseite. Ebenso eine Email, in der George W. Bush den Rat eines Familienmitglieds für seine (offenbar vorbereitete Trauerrede) über den Vater erbat. Die "New York Times" und andere seriöse Medien ignorierten die Hacker-Story ganz und gar.

Missratene Perspektive

Im Oktober vergangenen Jahres erst soll George W. Bush (Jahrgang 1946) mit der Ölmalerei begonnen haben. Die Fairness geböte es, den Pensionär in Dallas für seine durchaus ordentlichen Fortschritte zu loben. Bill Clinton hat gewiss nicht virtuoser Tenorsaxophon gespielt als Bush pinselt. Über Barack Obamas Golfspiel weiß man zu seinem eigenen Schutz auch nur, dass er Linkshänder ist und, anders als seinerzeit George W. Bush, keine prahlerischen Prognosen vor seinen Abschlägen abgibt.

Strenge Kritiker entdecken in der Duschszene den Hang zur Angeberei, der in dem College-Frat-Boy in Yale zu Tage trat: "Willst Du uns weismachen, dass Du wirklich so viel Rückenmuskulatur hast?" Dabei sollte man die Fitness des Mountain-Bikers und passionierten Buschwerk-Jäters nicht unterschätzen.

Ein anderer Kritiker bemängelt, die Perspektive sei völlig missraten. Der Mann, der in den Handspiegel schaut, könne unmöglich stehen, wo er steht. So streng monierte der britischen "Guardian".

Obendrein verriss der Kritiker des Blatts die Perspektiv-Verzerrung des Badebilds als "technisch schlampig": "Die Badewanne muss die schmalste und längste sein, die es gibt". Armer Dubya. So lautet der Spitzname: ein in texanisch gekautes "W". Die Geringschätzung seines künstlerischen Talents bringt die Plumpvertraulichkeit gegenüber dem Kandidaten Bush wieder zum Vorschein.

"Reinheit des amerikanischen Farmers"

Während ernst gemeinte Urteile über den naiven Maler Bush und seine Badebilder freundlich herablassend ausfallen, haben die pseudo-psychoanalytischen Interpretationen wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert. Jerry Saltz ("New York") erkennt die "Reinheit des einsamen amerikanischen Farmers … American Gothic".

Das Badewannen-Bild sei das "stärkste und seltsamste", meint Saltz, der darin "Abgehobenheit, Exil, Versteck" sieht. Demgegenüber kann. Die "Los Angeles Times" spricht von einer Shakespeare-Tragödie, die sich in des Sünders (vergeblichen) Reinwaschungen entfalte. Dass in beiden Gemälden das Wasser läuft, deute auf verdrängte Waterboarding-Phantasien.

George W. Bush hat sich nicht zu den Kritiken seiner ungewollten ersten Ausstellung geäußert. Eine kluge Unterlassung. Der Secret Service wird sich intensiver um den Personenschutz früherer Präsidenten im Cyberspace kümmern müssen: Attentate in Form des Raubes und Rufmords enden nicht tödlich. Verletzend, ohne Erkenntnisgewinn für die Öffentlichkeit, sind sie allemal.

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