11.02.13

Rügener Kreidefelsen

Welterbe der Unesco, den Elementen überlassen

Die Saison der Erdrutsche an Rügens Kreidefelsen steht wieder bevor: Jetzt streiten sich Naturschützer und Anwohner, ob man der Natur ihren Lauf lassen oder das Weltnaturerbe schützen soll.

Foto: picture alliance / dpa
Die Kreideküste auf Rügen ist einzigartig. Große Abbrüche verändern aber immer wieder ihr Gesicht
Die Kreideküste auf Rügen ist einzigartig. Große Abbrüche verändern aber immer wieder ihr Gesicht

Geißeltierchen, Wurzelfüßer, Muschelkrebse, nichts davon war größer als ein Zehntel Millimeter, als all dies vor vielen Millionen Jahren hier, an diesem Ort, das Urmeer bevölkerte.

Jetzt aber, in ihrer geballten, versteinerten Masse, bilden die Skelette der Mikroben einen der mächtigsten Bergrücken der Norddeutschen Tiefebene, den markantesten allemal, über 100 Meter hoch. Und gleichzeitig den Boden einer mächtigen Halle, deren Dach aus Baumwipfeln von schlanken, ebenmäßig hinaufgewachsenen Buchenstämmen getragen wird.

Gut 3000 Hektar misst das Gesamtkunstwerk der Natur, der größte Buchenwald an der Ostsee, oben auf den Kreidefelsen der Halbinsel Jasmund im Nordosten Rügens. Andächtige Stille im Wald. Stubbenkammer nennen die Rügener die Gegend.

Der Feind: das Meer

Die Geißeltierchen und Wurzelfüßer sind längst tot, Stubbenkammer aber lebt, im Untergrund. Besonders jetzt, in der zweiten Winterhälfte, verändert sich seine Topografie bisweilen deutlich. Gewaltigen Angriffen ist der Höhenzug ausgesetzt, vorne, an seiner Wasserfront. 10.000, 50.000, auch mal 100.000 Kubikmeter auf einen Rutsch verliert das Land immer mal wieder über Nacht an seinen Feind, das Meer. Die weiß glänzenden Wände stürzen dann donnernd hinab, mit ihnen die Buchen.

Unten, in der Ostsee, bilden die Trümmer des gefallenen Landes neue Halbinseln. Nach zwei Monaten sind sie wieder verschwunden, von der Brandung in die Tiefe gezogen, machen Platz für den nächsten Rutsch. 2005 und 2011 kamen bei solchen Bergstürzen unten am Strand Menschen ums Leben.

Die Kreidefelsen von Rügen sind einzigartig im Land, fast einzigartig auf der Welt. Mal abgesehen von der Insel Möen, hinten am Horizont in Dänemark. Und von den Klippen bei Dover in England. Seit 1990 sind sie Teil des Nationalparks Jasmund.

Das ist die höchste Schutzstufe, die einer Landschaft zuteilwerden kann. Und ausgerechnet dieses Unikat, auch noch Welterbe der Unesco, soll schutzlos den Elementen überlassen bleiben? Der Königsstuhl, die Viktoria-Sicht, der Kieler Bach und sein höchster Wasserfall Norddeutschlands (vier Meter, immerhin) – alles unwiderruflichem Verfall preisgegeben?

Kommen und Gehen ist das Prinzip

Die Wissower Klinken etwa, jene so spitzen Kreidezinnen, von denen man lange Jahrzehnte annahm, sie hätten das Motiv von Caspar David Friedrichs berühmtem "Kreidefelsen auf Rügen" abgegeben. Erst vor acht Jahren sind sie zur Hälfte zusammengebrochen. Heute weiß man, dass der Romantiker mit Leinwand und Pinsel im Jahr 1818 woanders gestanden haben musste, weil die Erosion damals die Klinken noch gar nicht freigelegt hatte.

Modell gestanden hatten wohl die einstigen Kreidesäulen der Großen Stubbenkammer – die wiederum vor vielen Jahrzehnten selbst im Meer verschwanden. Kommen und Gehen ist für die Kreideformationen Prinzip, seit vielen Tausend Jahren, die fossilierten Wurzelfüßer sind zu schwach, das Land zusammenzuhalten.

Johannes Brahms, der auf Rügen seine erste Sinfonie komponierte, hin- und hergerissen zwischen mehreren Themata und Tonarten, schrieb nach der Vollendung begeistert an seinen Freund und Verleger Fritz Simrock: "An den Wissower Klinken ist eine schöne Sinfonie hängen geblieben." Heute ist sein Andante sostenuto in c-Moll heimatlos. Dort, wo Fontanes Effi Briest auf dem Hochufer spazierte, ist in unseren Tagen nichts als Luft, könnte man allenfalls im Mastkorb eines ankernden Großseglers sitzen.

Bettina von Arnim, Ernst Moritz Arndt – für viele Protagonisten der Romantik und des aufkommenden Nationalbewusstseins nach Napoleon war die Stimmung an den Nordklippen Deutschlands sinnstiftend. Ob ihnen die Vergänglichkeit der Szenerie klar war? Viel Aufhebens hatte man damals nicht darum gemacht. Heute gibt es darüber Streit.

"Die richtigen Felsen sind stabil"

"Unser Auftrag für den Nationalpark lautet: Prozessschutz", sagt Ingolf Stodian, "es geht nicht darum, den Status quo zu erhalten, wir lassen der Natur ihren Lauf." Der Hydrogeologe ist Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung. Auch jetzt, im Winter, lässt es den Besucher nicht kalt, wenn Stodian ihm dieses Prinzip ausgerechnet in der kleinen, von Maschendraht umzäunten Gitterbox hoch oben auf der Viktoria-Sicht erzählt.

Ein Blick wie von der Brückennock eines Ozeanriesen, 70 Meter über dem Meer. 1865 stand hier der spätere Kaiser Wilhelm I. mit seiner Schwiegertochter Viktoria. Vor fast eineinhalb Jahrhunderten, wäre dieser so besondere Ort da nicht auch langsam reif für den Absturz?

"Keine Angst, die richtigen Kreidefelsen, der Königsstuhl, hier die Viktoria-Sicht, sind eher stabil", beruhigt Stodian, "gefährdet sind vor allem die Stellen, wo die Kreide mit Sand vermischt ist." Er zeigt auf die benachbarten Wände, in denen sich schon Risse gebildet haben, erläutert, wo demnächst etwas abgehen dürfte. Dort, wo man damals, zu Wilhelms und Viktorias Zeiten spätabends brennendes Reisig hatte hinunterrieseln lassen, um die Romantik des Ortes bis ins Letzte auszukosten. Als man sich nicht viel Gedanken machte über die Tiefe, den Absturz, und von "Prozessschutz" noch keine Rede war.

Hier habe das Meer schon immer die Küste zurückgesetzt, sagt Stodian, pro Jahr im Durchschnitt um 30 Zentimeter, "wieso sollen wir das jetzt plötzlich stoppen". Und überhaupt: Die weiße Kreideküste gäbe es gar nicht mehr, wenn hier nichts mehr herunterkäme, sagt er. Dann würde nämlich alles zuwachsen und begrünen. Keine weiße Küste glänzt dann mehr nachts aufs Meer hinaus. Erhalt durch Veränderung, Verjüngung durch Häutung.

Einige Häuser stehen an der Abbruchkante

Johannes Feuerbach sieht das anders. "Natürlich ist der Königsstuhl auch gefährdet", sagt der Geologe, der mit seiner Mainzer Firma "Geo International" weltweit immer dort unterwegs ist, wo Erde rutscht oder Gebirge stürzt. "Und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Aussichtsplattform dort oben so lassen würde."

In der Tat hatte das Besucherzentrum letztes Jahr auf Anraten von Stodian aus der Nationalparkverwaltung den Zaun bereits um ein paar Meter von der Kante zurückverlegt. Wohl nicht zum letzten Mal. Für Feuerbach führt kein Weg daran vorbei, die Kreidewände zu stabilisieren. Auch er kennt die Situation auf Rügen.

Gerufen hatte ihn Matthias Ogilvie, Bürgermeister und Hotelier in Lohme, ein Dorf unmittelbar an der westlichen Grenze des Nationalparks, dort, wo die Steilküste langsam abflacht. Vor einigen Jahren hat er 200 Meter seines Steilufers ans Meer verloren. Mehrere Häuser stehen jetzt an der Abbruchkante.

Tief in ihre Taschen mussten Gemeinde und Land greifen, um mit Feuerbachs Expertise den nun flacheren Hang zu sichern, mit Erdbeton, einer Mischung aus Zement und Erdreich.

Stolz ist Ogilvie auf seine vier Dränagerohre tief im Hang, die den inneren Wasserdruck lindern. "Wenn etwas herunterkommt, war es immer das Wasser. Entweder die See, die die Wände von unten aushöhlt, oder das, was von oben in den Berg einsickert." Auch jenseits des Nationalparks, in der Hafenstadt Sassnitz im Osten, sackte vor wenigen Jahren an mehreren Stellen mitten im Ort der Hang in die Ostsee.

Sich der Natur zu unterwerfen ist purer Romantizismus

Ogilvie kann seinen Stammbaum bis ins achte Jahrhundert auf ein schottisches Geschlecht zurückführen. Keinen Kubikmeter Küste will er jetzt mehr hergeben. Er verlangt dies auch vom Nationalpark, sorgt sich um die Touristenattraktionen. "Wir müssen doch wenigstens die Punkte mit hoher kultureller Bedeutung schützen."

Der studierte Philosoph und Historiker, der gleich nach der Wende auf die Insel kam, sieht gar nicht ein, dass man sich dem Lauf der Natur zu unterwerfen habe. "Das ist doch purer Romantizismus, dann müssten wir wieder Wölfe ansiedeln und eigentlich auch Neandertaler."

Nach Ansicht Ogilvies sollte es doch möglich sein, mit unsichtbaren Kunststoff-Emulsionen, eingefüllt in die neuralgischen Spalten der Kreide, weiteren Abbrüchen vorzubauen. Und obendrein mit großen Findlingen unten im Meer die Elemente zu bremsen, so die Aushöhlung einzudämmen.

Für Stodian wäre das ein Unding. "Dadurch könnten sie hier nichts festhalten, das will auch keiner im Nationalpark." Die Findlinge, gut, die würde er noch gelten lassen, die waren früher ja auch hier, bis sie die Sassnitzer vor gut 100 Jahren holten, um ihre Hafenmole zu bauen. "Aber keine Silikonfelsen im Naturpark."

Gastwirte und Hoteliers kritisieren Nationalpark

Dabei wäre so etwas für diejenigen, die die Dynamik der Kreidefelsen bremsen wollen, für Feuerbach, Ogilvie, aber auch für andere aus seinem Dorf, nur ein Teil der Lösung. "Wir leben im Anthropozän", sagt der Hotelier, im Menschenzeitalter, und da müssten manche Prinzipien auch des Nationalparks überprüft werden.

Sie hegen den Verdacht, dass die Moore oben im Park den Wasserdruck von innen auf die Wände erhöhen. Und zwar erst seit alles unter Schutz steht, denn vorher hatten diejenigen, die oben Wald und Wiesen bewirtschafteten, Abwasserkanäle direkt zum Meer gezogen und ständig unterhalten, sodass kaum etwas versickert ist.

Diese Eingriffe sind nun untersagt. "Deshalb haben die Wissower Klinken nicht mal 20 Jahre Nationalpark überstanden", schimpfte im Norddeutschen Rundfunk kürzlich Uwe Kasten, ein weiterer Gastwirt in Lohme. Er und die anderen Kritiker bemängeln, dass die Abbrüche in jenen 20 Jahren stärker und häufiger wurden.

Stimmt alles nicht, sagt Nationalpark-Mann Stodian und verweist auf seine eigenen Untersuchungen, nach denen so gut wie gar nichts versickert und wenn, dann nur in die entgegengesetzte Richtung, ins Boddengewässer hinter Jasmund. Er macht den Meeresspiegelanstieg für die gewachsene Dynamik verantwortlich. Das will Geogutachter Feuerbach nicht anerkennen, er regt ein Gutachten an, fachlich geprüft und veröffentlicht.

Jasmund ließ sich vom Eis nicht plattmachen

Die Küste wird weiter abbrechen, 30 Zentimeter pro Jahr, im Schnitt. Und die Diskussion wird anhalten. Man geht respektvoll miteinander um, sieht es nicht einmal als Streit, versteht die unterschiedlichen Interessenstandpunkte. Und so wird auch Stubbenkammer weiterleben.

Es hat schon härteren Zeiten getrotzt, damals, in der Eiszeit, als die Gletscher von Norden kamen, über halb Europa. Jasmund mit seinen versteinerten Mikroben hat die Eismassen gespalten, den Oder-Eisstrom nach Osten und den Belt-Eisstrom nach Westen umgeleitet. Jasmund ließ sich nicht platt machen. Im Gegenteil, es richtete sich auf am Schub der mächtigen Gletscher, als Fels in der eisharten Brandung. Deshalb dürfen wir heute seine weiße Kreideküste bewundern.

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