11.02.13

Autor Grossman

Der Schmerz des Vaters um den gefallenen Sohn

2006 starb der Sohn von Israels bekanntem Schriftsteller David Grossman im Krieg gegen die Hisbollah. Nun hat der Vater ein Buch über Trauer, Leid und die Widrigkeiten des Nahostkonflikts geschrieben.

Foto: picture-alliance/ dpa

Trauernde israelische Soldaten im Dorf Dalyat El-Carmel bei der Beerdigung eines Kameraden im Dezember 2008
Trauernde israelische Soldaten im Dorf Dalyat El-Carmel bei der Beerdigung eines Kameraden im Dezember 2008

David Grossman ist als Schriftsteller weit über die Grenzen seines Landes Israel bekannt. Er ist nicht nur mit zahlreichen Romanen hervorgetreten, sondern auch als politischer Aktivist, und für sein Engagement im Nahostkonflikt wurde er 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Kurz zuvor war der international preisgekrönte Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" erschienen, der einen Höhepunkt in seiner Karriere bezeichnet und zugleich einen schweren Schicksalsschlag in Grossmans Leben. Ein Sohn hat sich freiwillig zur Front gemeldet, seine Mutter hat Angst um ihn und verlässt ihr Haus, um das Böse nicht zu hören, das ihm zu geschehen droht.

Grossman beginnt diesen Roman im Frühling 2003. Gleichzeitig wird sein jüngerer Sohn Uri eingezogen; drei Jahre später, als das Buch schon weit gediehen ist, bricht der zweite Libanonkrieg aus; in der letzten Panzerschlacht dieses Krieges wird Uri getötet, und nach der Trauerwoche findet Grossman die Kraft, den Roman zu beenden und 2008 zu veröffentlichen. In einem kurzen Nachwort heißt es: "Ich hatte damals das Gefühl – oder genauer gesagt, die Hoffnung –, dass das Buch, das ich schreibe, ihn schützen wird."

Wunden offen halten

Der Zusammenhang zwischen Grossmans Tragödie und diesem Buch ist so ungeheuerlich, dass der Außenstehende kaum mehr als seinen Umriss wahrnehmen kann. Kein Kommentar wird solchem Unglück gerecht. Nur David Grossman selbst darf ihm noch etwas hinzufügen.

Das hat er getan. Zwei Jahre lang, von 2009 bis 2011, setzte er sich schreibend dem Schmerz aus. Sein Klagelied trägt den Titel "Aus der Zeit fallen". Als das hebräische Original erschien, merkte der Dichter und Kritiker Avraham Balaban über die Not des Künstlers an: "Eine Trauerarbeit, wie Freud sie geschildert hat, kann hier nicht stattfinden, weil der Schreibende seine Wunde nicht schließen, sondern offen halten will, um sie so, im Akt des Schreibens, auszuloten."

Jetzt liegt das Buch auf Deutsch vor, und Anne Birkenhauer, die Grossmans Werk seit vielen Jahren begleitet, hat wieder die Übersetzung übernommen. Gemeinsam mit dem Autor erhielt sie für "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" den renommierten Albatros-Preis, und auch diesmal beeindruckt ihre Leistung. "Aus der Zeit fallen" ist eine kunstvolle Collage aus Lyrik und Prosa und Sprechdrama, sie lässt sich keinem Genre zuordnen, weil Grossman Worte für das Unsagbare sucht, und an die Übersetzung stellt das die höchsten Anforderungen.

Sehnsucht nach dem "Dort"

"Beim gemeinsamen Abendessen kippt das Gesicht des Mannes plötzlich. Mit einem Ruck schiebt er den Teller von sich. Besteckklappern. Er steht auf, steht da, als wisse er nicht, wo er ist. Die Frau zuckt auf ihrem Stuhl zusammen." Mit diesen Sätzen beginnt das Buch. Sie werden von einer Figur notiert, die Grossman "Chronist der Stadt" nennt: Im Auftrag des Herzogs stellt er einen Bericht über das Stadt-Unglück zusammen.

Das Abendessen eines Ehepaars, das plötzlich abbricht, und ein karger Dialog: "Ich muss gehn. – Wohin? – Zu ihm. – Wohin? – Zu ihm, nach dort. – An den Ort, wo es geschah? – Nein, nein. Nach dort. – Was ist das: dort? – Ich weiß nicht. – Du machst mir Angst." Es ist der Mann, der gehen will, es ist die Frau, der er Angst macht, daran lässt die Szene keinen Zweifel. Aber wer sind dieser Mann und diese Frau? Zwar erinnern sie sich bald darauf an eine Nacht vor fünf Jahren, in der die Nachricht kam – "hier standen wir / Schulter an Schulter, du und ich, / und sie / auf der Schwelle / stehen da / anteilnehmend / gemessen / still / und hauchen uns Totenodem ein" –; zwar hält das Bild ein in Israel gefürchtetes Ritual fest, in dem eigens dafür ausgebildete Soldaten ihre Hiobsbotschaft bringen. Aber diesen Mann und diese Frau mit dem Ehepaar Grossman gleichzusetzen ist unzulässig.

"Aus der Zeit fallen" ist ein sehr viel subtilerer Text. Als Grossman für seinen Schmerz eine literarische Form suchte, ging es ihm nicht um Selbstentblößung, und er hat öffentlich über das Buch gesprochen, nie aber über sein persönliches Unglück. Literatur ist für ihn eine andere Form der Veröffentlichung.

Stichwort Liebe

Die erste Szene des Textes lässt den Augenblick anklingen, in dem sein eigenes, autobiografisches Leben eine unwiderrufliche Wende genommen hat, doch sie verwandelt diesen Augenblick zugleich. "Ich muss gehn", sagt der Mann zu seiner Frau, und dieses Gehen wird allem Weiteren seine Struktur geben. Aber es ist weniger eine physische als eine metaphorische Bewegung, und in dem "Dort", auf das sie sich richtet und von dem der Mann nicht weiß, was es ist, hat sie ihre Utopie.

In der israelischen Literatur hat die Rede vom "Dort" ihre eigene Geschichte. Während der Gründerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Wort für die Welt der Shoa, von der der junge Staat sich deutlich abgrenzte. Es bezeichnete eine Tabuzone des Todes, die der nach vorne gerichtete Blick auszublenden suchte, und mit seinem frühen Roman "Stichwort: Liebe" (1986) war es Grossman selbst, der dieses Tabu als erster Autor der Nachkriegsgeneration gebrochen hat.

Auch das klingt an, wenn sich der Mann in der Eingangsszene auf seinen Weg macht, freilich schon in der symbolischen Umkehrung. Das "Dort", von dem das Israel der frühen Jahre nichts wissen wollte, wäre jetzt als "Hier" zu lesen und der Tote nicht als ein Opfer im fernen Europa, sondern als israelischer Soldat. Grossman aber bettet seine persönliche Tragödie nicht in die nationale Tragödie ein, er geht einen Schritt weiter: Nirgends weist sein Text auf Israel hin. Das Unglück, das er beschreibt, ist universal.

Chronist der Stadt

Das zeigt bereits der Chronist an, dessen Worte der Eröffnungsszene vorausgehen. Er führt das Ehepaar ein und auch alle anderen Figuren, die Grossman in seinem Klagelied auftreten lässt, und erfüllt damit eine doppelte Funktion. Er ist nicht nur der "Chronist der Stadt", der im Auftrag eines "Herzogs" aufschreibt, was er sieht; als begleitender Erzähler macht er die Szenenfolge auch zum epischen Theater, das wie bei Bertolt Brecht mit Verfremdungseffekten arbeitet. Indem Grossman dem Leser immer zu verstehen gibt, dass er sich in einer Kunst-Welt bewegt, schützt er sich vor der Unmittelbarkeit des Schmerzes.

Ein erster Verfremdungseffekt ist schon der Herzog, mit dem Grossman seinen Text aus allen aktuellen Bezügen löst. Er hat seinem Chronisten aufgetragen, über das Unglück der Stadt zu berichten, doch dem Auftrag ging ein Verbot voraus: Über sein eigenes Unglück habe der Chronist zu schweigen.

Denn keinem der hier auftretenden Menschen bleibt das Leid erspart – weder dem Chronisten und seiner Frau noch dem Herzog selbst –, und nicht nur das Ehepaar in der Eingangsszene, sondern alle haben ein Kind verloren: der Chronist und der Herzog; die Hebamme, der es die Sprache verschlagen hat und die seither stottert; ihr Mann, ein Schuster, der sich mit Nägeln zwischen seinen Lippen zum Schweigen zwingt; die Netzflickerin und der greise Rechenlehrer, die das Unglück um ihren Verstand gebracht hat. Sie alle schließen sich dem Mann an, der sein Haus verlässt.

Herzog, Hebamme und Schuster

Der Herzog, die Hebamme und der Schuster, die Netzflickerin und der Rechenlehrer: Es ist ein weit in die Vergangenheit reichender Trauerzug, an deren Spitze der Mann auf das "Dort" zugeht, und das macht den Titel verständlich. Nicht nur der tote Sohn ist aus der Zeit gefallen, sondern auch der Text für ihn, und dass ein Chronist seine Zeitlosigkeit begleitet, ist eine traurige Ironie.

Grossman bannt seinen Schmerz, indem er ihn auf mehrere Personen verteilt. Dem Leser bleibt es überlassen, wie er die Verteilung wahrnimmt. Der Chronist schreibt alles auf, und Grossman mag ein Stück seines Ichs in ihm deponiert haben, es gibt aber noch einen zweiten Mann, der sich bemüht zu schreiben. "Am Stadtrand", meldet der Chronist dem Herzog, sitze "in einem kleinen Haus mit nur einem Zimmer, am Fenster – ein Zentaur. So nennt man ihn in der Stadt."

Diesen Spitznamen trägt er, weil sein Kopf mit einem Fremdkörper verwachsen scheint; wenn auch nicht mit einem Pferd, so doch mit seinem Schreibtisch. Es ist ein seltsames Bild, das Grossman hier erfindet, und es erinnert an Kafka. "Schreiben ist ein tieferer Schlaf", heißt es in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer, "also Tod, und so, wie man einen Toten nicht aus seinem Grabe ziehen wird und kann, so auch mich nicht vom Schreibtisch in der Nacht."

Der Blöckchenschreiber

Kafka hat seine Verlobte nicht geheiratet, denn er hat es nie gewagt, eine Familie zu gründen. Bei dem Zentaur aber ist es anders. Er hat ein Kind gezeugt, und seit Langem ist es tot. An seinem Fenster verflucht er den Chronisten, der ihn ständig auszufragen sucht. Er nennt ihn "Blöckchenschreiber" und "Beamtenzwerg", doch dann – in der letzten Szene – darf er die Stimme des Kindes hören.

Sie kommt aus dem Gerümpel des Spielzimmers, in dem sein Schreibtisch steht. Der Zentaur erhebt sich und spricht die letzten Zeilen des Buches: "Und mir bricht es das Herz, mein Augenstern, / wenn ich dran denk, dass ich / – ist's möglich?! – / dass ich dafür die Worte fand."

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