11.02.13

Notrufnummer

Ein tragisches Unglück stand am Anfang der "112"

Wenn das Leben in Gefahr ist, gibt es Hilfe unter 112, und das mittlerweile seit 40 Jahren. Dafür gesorgt hat ein Vater aus Winnenden – nachdem sein neunjähriger Sohn tödlich verunglückt war.

Foto: dpa

Wer hat´s gemacht? Er hat´s gemacht: Siegfried Steiger sorgte vor 40 Jahren dafür, dass die Notrufnummer 112 eingeführt wurde
Wer hat´s gemacht? Er hat´s gemacht: Siegfried Steiger sorgte vor 40 Jahren dafür, dass die Notrufnummer 112 eingeführt wurde

Siegfried Steigers Hartnäckigkeit ist legendär. Schon der damalige Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD, 1966-1972) wurde per Zettel vor ihm gewarnt: "Vorsicht! Steiger ist sehr aggressiv." Dem Starrsinn des Gründers der Björn-Steiger-Stiftung sind die zentralen Notrufnummern 110 und 112 zu verdanken, die in diesem Jahr 40 werden. Am Montag, dem 11. Februar, ist der Europäische Tag des Notrufs 112.

Am Anfang stand ein Schicksalsschlag. Im Jahr 1969 stirbt Steigers Sohn Björn nach einem Unfall. Nicht etwa schwere Verletzungen sind die Ursache, sondern ein Schock, in dessen Folge der damals Neunjährige zu atmen aufhört. Als fast eine Stunde später endlich ein Rettungswagen eintrifft, ist es zu spät. Damals schwört sich sein Vater aus Winnenden (Rems-Murr-Kreis), alles zu tun, um das Rettungssystem zu verbessern.

Ein zentraler Notruf gilt zunächst als zu teuer. "Nicht finanzierbar" heißt es, als Steiger nachhakt. Zahlen gibt es allerdings nicht. Deshalb erkundigt er sich kurzerhand selbst bei der Deutschen Post, was es koste, in allen Ortsnetzen des Regierungsbezirks Nordwürttemberg die Notrufnummern 110 und 112 einzurichten. "Eine Stunde später hatte ich den Preis", erinnert er sich.

Die Feuerwehr noch kostenlos dazu

387.000 D-Mark (197.869 Euro) fallen für den Regierungsbezirk an. Bei vier Millionen Einwohnern sind das etwa zehn Pfennig pro Person. Pro Kreis muss Steiger rund 20.000 Mark eintreiben. Er geht Klinken putzen. Meist gibt schon bei der 110 ein spontanes "Ja". Wer zögert, dem verspricht er die 112 für die Feuerwehr noch kostenlos dazu. Am Ende ziehen alle Kreise mit.

Doch Steigers Ziel ist ein bundesweites System. Er klagt gegen das Land auf Einführung der Nummern. Zwar verliert er, aber das Medieninteresse ist geweckt und eine neue Diskussion kommt in Gang. Am 20. September 1973, nach einer Sitzung der Ministerpräsidenten, ruft Bundespostminister Horst Ehmke (SPD, 1972-74) an. "Ich darf Ihnen sagen: Ihr Dickschädel hat sich durchgesetzt. Wir haben den Notruf beschlossen", zitiert ihn der 83-jährige Stiftungsgründer.

Seit 1991 gilt die 112 sogar EU-weit. Die Europäische Notruf-Assoziation (EENA) spricht von mehreren hundert Millionen Anrufen. Zahlen für Deutschland und Baden-Württemberg gibt es kaum, weil die Leitstellen regional geführt werden. Nach dem jüngsten Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) von 2009 gehen an einem Werktag bundesweit rund 35.000 rettungsdienstliche Anrufe bei den Leitstellen ein. Am Wochenende sind es im Schnitt 25.000 pro Tag. Knapp die Hälfte würden vom Team als Notrufe eingestuft.

Bei Missbrauch droht Freiheitsstrafe

Das Deutsche Rote Kreuz, das im Südwesten etwa 85 Prozent der Rettungseinsätze fährt, war im Jahr 2011 knapp 661.100 Mal im Land im Einsatz. 2010 gab es im Südwesten rund 615.600 Rettungseinsätze beim DRK und insgesamt gut 691.700. Die Zahl der Anrufe unter 112 sei etwa doppelt so hoch, sagt DRK-Landessprecher Udo Bangerter.

"Die Rufnummer 112 ist aus dem heutigen Rettungssystem nicht mehr wegzudenken", betont er. 2012 koordinierten 34 Leitstellen die Einsätze im Land. Zur Verfügung stehen hier nach DRK-Angaben 268 Rettungswachen, 202 Notarztfahrzeuge und 499 Rettungswagen. Feuer werde im Schnitt in einem von zehn Fällen gemeldet. Auch die 110 bewährt sich täglich. Allein bei der Polizei in Stuttgart gehen jährlich rund 150.000 Notrufe unter dieser Nummer ein.

Unter den Anrufern sind dem DRK zufolge eine ganze Reihe sonstiger Anliegen. Da werde auch mal die 112 gewählt, wenn sich jemand ausgesperrt habe. "Sehr zum Ärger des Personals gibt es immer wieder auch absichtliche "Scherzanrufe"", sagt Bangerter.

Mit ärgerlichen Folgen, berichtet Sprecherin Melanie Storch von der Steiger-Stiftung. Seit 2009 sei es nicht mehr möglich, einen Notruf von einem Handy ohne SIM-Karte abzusetzen, weil vermeintliche Witzbolde zu oft falschen Alarm von Pausenhöfen oder aus Elektromärkten gegeben hätten. Für die Ende das aber nicht immer lustig: Bei vorsätzlichem Missbrauch drohe eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr.

Quelle: dpa/jds
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