09.02.13

Böses Omen

Grützwurst-Politik und der Fluch des Grünkohls

Jedes Jahr wählt Niedersachsen den Grünkohlkönig. Mysteriös: Fast jeder, der den Titel erhielt, verlor später sein Amt -– darunter Kinkel, Wulff, Guttenberg. Titelträgerin '09 war Annette Schavan.

Von Felix Müller
Foto: pa/dpa (2)

Grünkohlkönige: Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff sowie Annette Schavan. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Brauch und politischem Absturz?
Grünkohlkönige: Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff sowie Annette Schavan. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Brauch und politischem Absturz?

Jedes Schulkind kennt die Geschichte: Die Griechen (oder wie Homer sie nannte: Danaer) schenken den Trojanern ein hölzernes Pferd. Die Trojaner sind komplett von den Socken.

Nachts, als alle schlafen, klettern dann Soldaten aus dem Bauch der Statue, und vorbei ist es mit Trojas Herrlichkeit. "Ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen", schrieb deshalb Homer. Heute würde er vielleicht schreiben: Ich fürchte die Oldenburger, selbst wenn sie Grünkohl bringen.

Dazu muss man etwas ausholen. Der gemeine Grünkohl (brassica oleracea oder sabellica), auch Braun-, Hoch-, Strunk-, Winterkohl oder gar Lippische Palme genannt, wird zur Winterszeit in weiten Teilen Norddeutschlands wollüstig verzehrt, meist begleitet von Salzkartoffeln, Fleisch, Würsten und alkoholischen Exzessen.

Kinkel, Scharping, Gabriel

In vielen Gemeinden hat man es sich zur Gewohnheit gemacht, vorher ein bisschen durch die Landschaft zu latschen, dabei einen Bollerwagen hinter sich herzuziehen und ortstypische Geländespiele wie "Bosseln" oder "Klootschießen" zu spielen.

Dann kehrt man, unterkühlt und ein bisschen angeheitert, in einen Gasthof ein, wo der gewaltige Appetit mit ebenso gewaltigen Portionen gebändigt wird. Am Ende kürt man nach wechselnden Kriterien einen Grünkohlkönig oder gleich ein Grünkohlkönigspaar, dann Schnaps und auf Wiedersehen. So weit, so folkloristisch schön und allseits beliebt.

Doch nun scheint sich ein Schatten auf das heitere Treiben zu legen. Ausgerechnet der Oldenburger Grünkohlkönigstitel, dem im Reich der Kohlfreunde fast der Rang der Kaiserwürde zukommt, hat sich in den letzten Jahrzehnten häufig als Fluch für die Geehrten erwiesen.

Beim "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten", das Jahr für Jahr in Berlins niedersächsischer Landesvertretung stattfindet, wurde schon 1994 dem damaligen Bundesaußenminister Klaus Kinkel die Krone verliehen – ein Jahr später war sein FDP-Vorsitz Geschichte. Gleich danach erwischte es Rudolf Scharping, den 1995 das gleiche Schicksal traf.

Auch für Sigmar Gabriel erwies sich der Kasseler-und-Pinkel-Thron als Schleudersitz: Er hatte es sich gerade darauf bequem gemacht, als er 2003 die Landtagswahl in Niedersachsen verlor und damit seinen Posten als Ministerpräsident.

Eine Königin sitzt fest im Sattel

Wer noch? Ganz genau: Christian Wulff und der notorische Karl-Theodor zu Guttenberg. Und, bitte nicht erschrecken: Annette Schavan.

Die Oldenburger Stadtväter haben jeden Zusammenhang zwischen ihrem Brauch und beruflichen Abstürzen stets bestritten. Doch vielleicht hätte die jüngst zurückgetretene Bundesbildungsministerin, Grünkohlregentin des Jahres 2009, lieber ein mulmiges Gefühl entwickeln und etwas zaghafter zur Grützwurst greifen sollen.

Eine Königin gab es aber, die schon vor mehr als zehn Jahren den Titel erhielt und heute sicherer im Sattel sitzt als je zuvor. Ihr Name: Dr. Angela Merkel.

Quelle: Reuters
05.02.13 1:29 min.
Der Fakultätsrat der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat im Plagiatsverfahren um Bildungsministerin Annette Schavan nach einer langen Sitzung entschieden und erkennt nun ihren Doktortitel ab.
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