08.02.13

Kreuzworträtselmord

Bringt ihr Roman die Autorin ins Gefängnis?

Sie hat ein Buch geschrieben, das ihr zum Verhängnis werden könnte: Kerstin Apel war 1981 mit dem Täter des "Kreuzworträtselmordes" befreundet. Der Roman könnte ihr Beihilfe zum Mord einbringen.

Foto: dpa
Kerstin Apel
Schriftstellerin Kerstin Apel und ihr Buch "Der Kreuzworträtselmord - Die wahre Geschichte": Der Kriminalroman ist Auslöser dafür, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in dem Mordfall aus dem Jahr 1981 wieder aufnimmt

Er wollte "Däumelinchen" sehen. Ganz allein, im Kino. Sieben Jahre war Lars Bense aus Halle-Neustadt alt, als er sich an jenem 15.Januar 1981 auf den Weg machte. Die Eltern hatten es erlaubt. Ein Stück ging die große Schwester noch mit ihm. Dann trennten sich ihre Wege.

Lars Bense hat "Däumelinchen" nicht gesehen. Als er am Abend nicht nach Hause kam, alarmierten die Eltern die Polizei. Es gab eine öffentliche Suche mit Lautsprecherdurchsagen, was in der DDR ungewöhnlich war. Der Siebenjährige blieb verschwunden. Nach zwei Wochen entdeckte ein Streckenwärter an der Bahn zwischen Halle und Leipzig die Leiche des Jungen: Sie lag in einem alten Reisekoffer, der offenbar aus dem fahrenden Zug geworfen worden war.

Der Mord an Lars Bense gehörte zu den spektakulärsten Kriminalfällen der DDR. Grund dafür war nicht nur die unfassbare Grausamkeit des Verbrechens, sondern auch die einzigartigen Ermittlungen. Als "Kreuzworträtselmord" ging der Fall in die Geschichte ein, weil in dem Koffer mit der Leiche alte Zeitungen mit ausgefüllten Kreuzworträtseln lagen – Spuren, die zur Grundlage für die bis heute weltweit umfassendste Auswertung von Schriftproben wurden.

Sämtliche Einwohner von Halle-Neustadt mussten ihre Handschrift mit Beispielen dokumentieren. Darüber hinaus analysierte die Volkspolizei Kreuzworträtsel in Zeitungen aus dem städtischen Altpapier, Kaderakten, Autoanmeldungen, Preisausschreiben. Nach zehn Monaten hatten die Ermittler Erfolg: Urheber des Kreuzworträtsels war eine Frau aus Halle-Neustadt, auf die die Polizei nur deshalb so spät aufmerksam wurde, weil sie seit Monaten an der Ostsee als Kellnerin arbeitete.

Ihre Tochter Kerstin war mit einem jungen Mann befreundet, dessen Profil mit dem des mutmaßlichen Täters weitgehend übereinstimmte. Und es dauerte nicht lange, bis der 18-jährige Matthias S. gestand, Lars vor dem Kino angesprochen zu haben, ihn mit Versprechungen in die Wohnung der Mutter seiner Freundin gelockt und missbraucht zu haben. Weil der 18-Jährige fürchtete, Lars könnte ihn verraten, tötete er den Jungen.

Beihilfe zum Mord?

Jetzt, mehr als 30 Jahre später, wird der Fall wieder aufgerollt. Anlass ist der Kriminalroman "Der Kreuzworträtselmord: Die wahre Geschichte" von Kerstin Apel. Apel ist jene Frau, die 1981 mit Matthias S. befreundet war und nun die Ereignisse von damals verarbeitet hat. Sowohl in dem Buch als auch in Interviews, etwa mit dem MDR Thüringen, behauptet sie, Matthias S. in der Wohnung ihrer Mutter mit dem Siebenjährigen überrascht zu haben. Der Junge habe in der Badewanne gelegen, schwer verletzt, sterbend. Sie hätte Hilfe holen wollen, aber Matthias S. habe sie daran gehindert.

Als das Kind tot war, habe Matthias S. sie gezwungen, ihm bei der Beseitigung der Spuren zu helfen. Mit ihrer Hilfe hätte er die Leiche des Jungen in den Koffer gepackt, gemeinsam seien sie mit der Straßenbahn zum Bahnhof gefahren, sie sei auch dabei gewesen, als Matthias S. den Koffer aus dem Fenster warf. "Meine Erlebnisse als Teenagerin haben mich über Jahrzehnte belastet", sagt Kerstin Apel heute. "Das Buch zu schreiben war eine Möglichkeit, einen Schritt zur Bewältigung zu tun."

Für die Staatsanwaltschaft Halle ist der Roman Anlass, ein Ermittlungsverfahren gegen Apel einzuleiten. Denn ihre aktuellen Angaben stimmen nicht mit dem überein, was sie 1981 ausgesagt hatte. Damals hatte Apel behauptet, zum Tatzeitpunkt nicht in Halle gewesen zu sein. Sollte sie sich tatsächlich in der Wohnung aufgehalten haben, als der kleine Lars noch am Leben war, dann müsste geklärt werden, inwieweit sie sich der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht hat.

Buch "Verhöhnung der Opferfamilie"

Dass Kerstin Apels Buch Fragen aufwerfen würde, das sei dem Sutton Verlag durchaus bewusst gewesen, sagt Sebastian Thiem. "Monatelange Diskussionen", so der Geschäftsführer, wären der Veröffentlichung vorangegangen. "Aus unserer Sicht ist Kerstin Apel in jedem Fall auch ein Opfer", sagt Thiem. "Die Tat ihres damaligen Freundes und die Ereignisse danach haben sie tief traumatisiert." Dennoch bleibt die Frage, warum Apel so lange geschwiegen hat. "Erst vor vier Jahren", sagte die heute 49-Jährige der Berliner Morgenpost, "habe ich den Mut gefunden, mir alles von der Seele zu schreiben."

Bis dahin habe sie mit niemandem über ihre Erlebnisse gesprochen. "Ich hatte nach der Tat meines damaligen Freundes über Monate Todesangst, ich dachte, dass er mir etwas antun würde, wenn ich ihn anzeigen würde. Dass er dazu fähig war, das wusste ich ja." Kerstin Apel hatte Matthias S. mit 15 in der Tanzschule kennengelernt. Sie mochte ihn, weil er so ruhig war. Während des Prozesses gab S. an, aufgrund eines traumatischen Kindheitserlebnisses schon lange Tötungsfantasien gehabt zu haben. Apel sagt, sie habe damals nichts davon bemerkt.

Im Internet wird Kerstin Apels "Kreuzworträtselmord" bereits diskutiert. "Dieses Buch ist eine Verhöhnung der Opferfamilie", heißt es in einem Kommentar auf der Seite des Versandhauses Amazon. Und im Online-Forum LovelyBooks fragt ein User: "Warum hat Frau Apel nicht versucht, unter Einsatz ihres Lebens den kleinen Lars zu retten?"

Auch Kai Meyer, Autor des 1993 erschienenen Sachbuchs "Der Kreuzworträtsel-Mörder", findet den aktuellen Kriminalroman fragwürdig. "Man sollte im Interesse des Opfers die Geschichte ruhen lassen", sagt er. "Jede neue Legende, die man daran strickt, hilft nur denen, die damit noch einmal ein Geschäft machen wollen."

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