08.02.13

"Paradies"-Trilogie

Lolitas keusches Doktorspiel im Diät-Camp

Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl schließt im Wettbewerb der Berlinale seine "Paradies"-Trilogie ab. Diesmal hat er sich adipöse Jugendliche vorgenommen, die in einem Diät-Camp trainieren.

Foto: © Ulrich Seidl

In der Filmtrilogie „Paradies: Liebe. Glaube. Hoffnung“ (2012) zeigt der österreichische Regisseur Ulrich Seidl drei Glückssucherinnen: Filmstills daraus präsentiert das Internationale Forum für Fotografie C/O Berlin in seiner letzten Ausstellung im Berliner Postfuhramt bis zum 17. März 2013. Ein Filmstill aus „Hoffnung“ – Melanie gespielt von Melanie Lenz schwärmt für den leitenden Arzt des Diät-Camps (Josef Lorenz).

5 Bilder

"Liebe", "Glaube", "Hoffnung", diese drei: Die "Paradies"-Trilogie des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl hat es innerhalb eines Jahres auf alle drei großen Filmfestivals geschafft, das hat vor ihm noch niemand hinbekommen. Dass diese geballte Aufmerksamkeit gegenüber der unverkennbar kühlen, strengen Seidl-Handschrift einem dritten Film einiges an Erwartung aufbürdet, ihn womöglich unnötig beschwert, ist in diesem Fall mehr als ein Festivalkalauer: Wird die Trilogie rund? Zu fett? Oder einfach nur noch krasser? Wartet Seidl gar mit Trost auf?

Das Krasse war bisher jedenfalls vorherrschend, wenn auch ohne Sensationslust inszeniert; Seidls "Paradies" ist eher trostlos in seiner Verweigerung, Machtverhältnisse in praktische Schwarz-Weiß-Malerei aufzuteilen. "Paradies: Liebe" widmete sich weiblichem Sextourismus in Kenia (präsentiert im Wettbewerb in Cannes).

"Glaube" beschäftigt sich mit einer fanatisch missionierenden Katholikin, die sich einen Kleinkrieg mit ihrem muslimischen Gatten liefert und unter der Decke mit dem Kruzifix masturbiert (der Film erhielt in Venedig einerseits den Spezialpreis der Jury, andererseits eine Blasphemie-Klage). Extreme Alltags-Welten, in denen Menschen einander ausbeuten und nicht verstehen und sich sehnen, unerträglich Beschämendes tun und sagen und beschweigen, jedoch ohne dass eigentlich Schlimmes passieren würde.

Mädchen drapiert wie gestrandete Meeressäuger

Jetzt also: ein pubertierendes Mädchen in einem Diät-Camp. Melanie (Melanie Lenz) ist, wie man anfangs kurz sieht, die Nichte der fanatischen Katholikin aus "Glaube"; später wird sie, von Liebeskummer geplagt, ihrer liebeshungrig abwesenden Mutter auf die Mailbox "viel Spaß in Kenia" wünschen. Lediglich an diesen losen Anknüpfungen ist der Trilogie noch anzusehen, dass Seidl ursprünglich einen Episodenfilm, ähnlich seinen "Hundstagen", geplant hatte.

Statt zu schnippeln und zu dezimieren, gab Seidl seinem nie streng nach Drehbuch verfertigten, sondern den (teils Laien-)Schauspielern folgenden Material den Raum, den es offenbar haben wollte, und verpflanzte das Ausufernde in drei eigene Gärten – um mal im Bildbereich des Paradieses zu bleiben, das ursprünglich nichts als eine fest ummauerte (Tier-)Parkanlage bedeutende, bevor es mit Glückseligkeitsversprechen vollgestopft wurde.

In der heruntergekommenen Architektur des rechten Winkels mühen sich in "Hoffnung" die jugendlichen Leiber ab, ohne freilich recht zu wissen, warum und wozu. Angeleitet von einem beeindruckend schmierigen Jogginganzugträger mit Vokuhila und Trillerpfeife (Michael Thomas) und einer mageren Ernährungsberaterin (Vivian Bartsch), hängen dicke Teenies nebeneinander am Reck und klopfen sich in halblustigen Singspielen auf Bauch, Beine und Po.

Melanies Schwärmen – schmerzlich hoffnungsvoll

Nur abends auf ihren Stockbetten lassen sie rührend ein bisschen die Sau raus: Flaschendrehen, Tanzen, beschwipste, eilige Freude am Körpersein und –haben. Wie so oft scheint Seidls Perspektive sich zum Komplizen der Disziplinierer zu machen: In seinen längst zum Markenzeichen gewordenen Tableaus stellt er die Pummelchen nebeneinander auf, lässt sie hintereinander unvollkommene Girlanden bilden und drapiert sie wie gestrandete Meeressäuger auf eine Wiese.

Schon "Liebe" und "Glaube" behandelten verschiedene Arten von enttäuschter Liebe. Hier verliebt sich Melanie, stets in gelben T-Shirts mit Bienen- oder Katzenmotiv, in den leitenden Arzt (Josef Lorenz), einen nicht unsympathischen, spitznasigen, leicht verschlagenen Fuchs. Oft lächelt er sie an, hält wortlos den Blick, eine Zuwendung, von der Melanies Mutter im fernen Afrika nur träumen kann. Melanies Anbetung der schönen Arzt-Augen steht dem Schwärmen ihrer Tante für die Schönheit Jesu' und der Begeisterung ihrer Mutter für die geschmeidigen Schwarzen in nichts nach, ist aber noch gänzlich unverbittert, ja, auf schmerzliche Art hoffnungsvoll.

Auch hier spukt im Hintergrund das Seidlsche Tier herum ("Tierische Liebe" hieß einer seiner früheren Filme, "I am not an animal", sagt die Sextouristin zum Kenianer, der ungeschickt ihre Brüste knetet). Im Camp lässt der Trainer die Kinder "wie die Lipizzaner" herumtraben. Einmal entblößt der Arzt vor Melanie seinen haarigen, schmalen Oberkörper, später in einem märchenhaft nebeligen Wald wird er an der Bewusstlosen wie ein Tier herumschnüffeln und sich dann artig neben sie legen.

Der eigentliche Arbeitstitel des Films war "Lolita"

Zwischen grässlichen Kacheln und Fassaden wird hier also fleißig gespiegelt, und sei's nur ein ähnlich geartetes Gespräch über Schamhaarrasur. Doch funktioniert "Hoffnung", wie die beiden anderen Teile, auch als eigenständiger Film? "Lolita" sei der ursprüngliche Arbeitstitel gewesen, sagt Seidl, nur dass die Geschichte aus der Perspektive des Mädchens erzählt werde.

Anders als Lolita – und ganz ähnlich wie ihre Mutter und ihre Tante – blitzt Melanie ab; der Film bleibt auf der Handlungsebene unaufgeregt, weich. Doch es gibt eine verblüffende Verschiebung ins Irreale. Der Arzt, der kaum je mit anderen Figuren interagiert, wirkt wie ein Phantasma, das nur Melanie sehen kann; aber nicht wie ein ferner Gott in Weiß, sondern eher wie der Kinderfreund Pan Tau. Die Undurchsichtigkeit seines Handelns und seiner Mimik – lächelt er das Mädchen spöttisch oder liebevoll an? – verleiht ihm eine Entrücktheit, die für Seidl-Figuren eher unüblich ist. Ungreifbar bleibt der Arzt, geschützt; Melanie ist es, die sich seiner Willkür und der des Zuschauers ausliefert.

Greifbar wird der Doktor höchstens darin, dass er jene Logik zu verkörpern scheint, die dicke Jugendliche so unglücklich (und dick) macht: Mit Aufforderungen zum (keuschen) Doktorspiel lädt er wie die alltägliche Glücksverheißung der Nahrungsmittelindustrie geradewegs dazu ein, Grenzen zu übertreten, auszuufern; und gibt der junge Mensch dem dann nach, wird er für das Resultat dieses Nachgebens mit Nichtgefallen und Liebesentzug bestraft.

Den Bildern fehlt diesmal die Schärfe

Immer geht es bei Seidl natürlich um Macht. Das Thema "der Österreicher und sein Keller" sei gerade in Arbeit, sagt Seidl. Man muss das noch nicht einmal wissen, um das Gewichtreduktions-Lager als eine Art Vorhölle menschlicher Nichtentfaltung und unmöglicher Phantasmen des Begehrens zu verstehen. Wenn er die schlaffen Körper als bloße Anhängsel von mit ihren Handys spielenden Hand-Kopf-Wesen inszeniert, sind das brillante Momente.

Doch den Bildern fehlt diesmal jene Schärfe, die Seidl sonst gerade aus dem Entschärften, Normalen, Alltäglichen zu schälen vermag. Das einzig Schneidende ist in "Hoffnung" die Trillerpfeife des Trainers, der geradewegs der pädagogischen Realität der Sechziger Jahren zu entstammen scheint und dem Seidlschen Realismus auch dadurch die aktuelle Schärfe nimmt.

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