07.02.13

Dialekte (2)

Abitur "op Kölsch" mit einer Prise Lebensgefühl

Die kölsche Mundart ist Teil zwei unserer Dialekte-Serie. Damit die jecke Sprache nicht ausstirbt, lernen Zugezogene der Domstadt die Sprache an der Kölsch-Akademie – natürlich von einer Frohnatur.

Foto: Tim Röhn

Kölsch-Abitur: Renate Schönhofen bereitet ihre Schüler auf die Prüfungen vor
Kölsch-Abitur: Renate Schönhofen bereitet ihre Schüler auf die Prüfungen vor

Renate Schönhofen ist eine herzliche Frau, 61 Jahre alt, rotes Haar, ein freundliches Gesicht, sie hat stets ein verschmitztes Lächeln und einen lustigen Spruch auf den Lippen.

Man muss sie nur ein paar Minuten erleben, sie müsste nicht einmal Kölsch sprechen, und man wüsste: Sie ist eine Rheinländerin, eine Frohnatur. Was auch passiert: Renate Schönhofen nimmt es nicht so schwer.

Sie scheint die Personifizierung der kölschen Lebensart zu sein, die auch außerhalb der fünften Jahreszeit lautet: "Et kütt wie et kütt". Es ist ein Sinnspruch voller Gelassenheit, der längst auch außerhalb des Rheinlands verstanden wird.

Gegen das Aussterben der Sprache

An diesem regnerischen Abend im Berufskolleg am Zugweg in Köln, draußen stürmt es, drinnen ist es kuschelig warm, hat die Veranstaltung noch gar nicht begonnen, da sagt Schönhofen schon zum ersten Mal "Et kütt wie et kütt". Sie könnte sich darüber ärgern, dass um kurz vor halb sechs erst fünf Frauen im Raum sind, aber was soll's? Es ist eben so.

Und kurz darauf werden dann auch noch fünf weitere Teilnehmer, darunter zwei Männer, den Raum betreten, Platz nehmen und Bücher, Papier und Bleistifte aus ihren Taschen kramen. Es ist fast so wie früher in der Schule, neben der Tafel hängt eine Pappe mit den Verhaltensregeln an der Wand: keine Handys, nicht stören, ausreden lassen.

Hier beginnt nun die zehnte Unterrichtsstunde dieses Kölsch-Abitur-Kurses der Kölsch-Akademie, die seit 1983 besteht und als "Ein Geschenk für die Kölner Bürger" ins Leben gerufen wurde. Bürger egal welchen Alters können an der Akademie ihr Abitur, ihr Examen und ihr Diplom in Kölsch machen.

Die Kosten pro Semester liegen zwischen 50 und 90 Euro, am Ende gibt es mündliche und schriftliche Prüfungen, fast jeder besteht, aber das Seminar ist in erster Linie keine Spaßveranstaltung. "Ich mache hier mit, weil ich das als Weiterbildungsmöglichkeit ansehe. Vor den Prüfungen musste ich sehr viel pauken", hatte kurz zuvor ein älterer Herr gesagt, der das Abitur längst hinter sich gebracht hat und nun in einem Raum nebenan für sein Examen lernt. Neben den Sprachkursen lädt die Akademie regelmäßig zu Themenseminaren (unter anderem zur Büttenrede im Karneval), Konzerten, Spaziergängen und zum Kabarett ein.

Sie kämpft damit gegen das Aussterben der kölschen Sprache, selbst wenn das Risiko, dass es irgendwann einmal dazu kommt, doch sehr gering ist. Es gibt den Karneval, es gibt die Höhner und deswegen den Gassenhauer "Viva Colonia", es gibt Bläck Fööss, BAP und Lukas Podolski. Kölsch ist fest verankert in der Domstadt und im Umland, und daran wird sich vermutlich nie etwas ändern.

Echt jeck: "obkladunjele" heißt "sich herausputzen"

Trotzdem, sagt Schönhofen, sei es ihr wichtig, dass die Leute ganz genau lernen, wie es richtig gesprochen und geschrieben wird. Sie hat sich selbst vor sieben Jahren dazu entschieden. "Als ich klein war, haben meine Eltern und Großeltern mir verboten, Kölsch zu sprechen. Ich sollte erstmal Hochdeutsch lernen", erinnert sie sich. Erst Jahrzehnte später, im Jahr 2005, meldete sie sich zum Kurs an der Kölsch-Akademie an, angesichts ihrer sehr guten Ergebnisse wurde sie am Ende gefragt, ob sie selbst unterrichten will. "Gern", sagte Schönhofen damals und fördert seitdem die "kölsche Sproch".

"Et kütt wie et kütt", kann jeder sagen, aber dass "obkladunjele" "sich herausputzen" bedeutet, das wissen tatsächlich nur Ur-Kölner und die Menschen, die Schönhofens Kurs besuchen. Und auch die Übersetzung von "Ungerkumme" als "Unterkunft" leuchtet nicht unbedingt auf Anhieb ein. Auch "Wade", das "Warten" heißt, ist ein gutes Beispiel.

Melanie, die vor sechs Monaten aus Mannheim nach Köln gezogen ist und sich ganz und gar integrieren will, hat ihren kölschen Wortschatz seit dem Kursstart im September ganz schön vergrößert. "Ich habe schon vor meinem Umzug nach Köln durch mein Umfeld sehr viel Kölsch gehört", sagt die 38-Jährige: "Jetzt wollte ich es endlich mal selbst ausprobieren." Ihr Mix aus Mannheimer Dialekt, Hochdeutsch und Kölsch klingt "jeck", wie der Kölner sagen würde.

Kölsches Lebensgefühl verinnerlichen

Die Gruppe lernt nicht nur Kölsch, sondern will auch das Kölner Lebensgefühl verinnerlichen. Die Männer und Frauen gehen zusammen Bier trinken, machen Stadtführungen, tauschen sich über das Brauchtum aus, werden über Klüngel und Milieu aufgeklärt und besichtigen den Kölner Dom. Dort werden sie etwa auf die Besonderheiten bei der Zusammensetzung der Weihnachtskrippe hingewiesen. Neben der Heiligen Familie, Hirten und ein paar Tieren ist dort nämlich auch ein Fan des Fußball-Vereins 1. FC Köln zu sehen.

Es gibt nicht nur Zugezogene, die an der Kölsch-Akademie nach zwei Semestern ihr Abitur machen wollen. Auch viele gebürtige Kölner, sozusagen Muttersprachler, nehmen an dem Kurs teil, um ihr Kölsch aufzufrischen. Sie dürfen beim Vokabellernen nur ein Wort samt Übersetzung vorlesen, die übrigen Teilnehmer zwei. Der Nachholbedarf bei ihnen ist naturgemäß groß.

Beim Lesen wundert sich der Kurs über die Geschichten, die im Lernbuch "Mer liere Kölsch – ävver höösch" abgedruckt sind. "Da werden die Kölner immer so dargestellt, als seien sie doof", sagt Schönhofen, und eine Teilnehmerin ergänzt: "Und als würden sie sich stets beschimpfen."

In der Geschichte "Mem Radd erus" etwa geht es um ein paar Freunde, die eine Radtour durch Köln machen und einen guten Platz für ein Picknick suchen. Jemand hat einen Platten, ein anderer will Kölsch trinken und besoffen fahren, irgendwer beleidigt irgendwen. Lustig ist anders. "Wir Kölner sind nicht blöd", sagt eine der Teilnehmerinnen und macht ein ernstes Gesicht: "Wir lassen uns hier nicht verarschen."

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