06.02.13

Kontroverse

Wie Til Schweiger Kritiken zu "Kokowääh" verhindert

Der Schauspieler will zum Start seiner Filme keine Besprechungen haben. Die Kontroverse zwischen ihm und den Medien schwelt seit Jahren. Nun ließ er sich auf ein öffentliches Streitgespräch ein.

Foto: dpa

Matthias Schweighöfer und Til Schweiger als Henry in „Kokowääh 2"
Matthias Schweighöfer und Til Schweiger als Henry in "Kokowääh 2"

Der Abstand zwischen dem orangefarbenen und dem gelbem Sessel betrug zwar höchstens einen halben Meter, doch geistig hätten die, welche darin im Plenarsaal der Berliner Akademie der Künste hoch über dem Pariser Platz saßen, nicht weiter voneinander entfernt sein können. Und das änderte sich während des immerhin mehr als zweistündigen Diskussionsabends auch nicht wesentlich. Obwohl man sich mit Vornamen ansprach und ausgesucht höflich miteinander umging.

Doch den Schauspielstar, Regisseur und Produzenten Til Schweiger und den Kritiker Andreas Kilb trennen eben Welten. Das wurde, sicherlich nicht absichtslos, direkt vor Schweigers Kinostart mit dem zweiten Teil der Patchwork-Family-Beziehungskomödie "Kokowääh" an diesem Donnerstag wieder überdeutlich.

Denn auch dazu hat Til Schweiger, wie er das seit dem 2005 seiner Meinung nach zu Unrecht verrissenen Film "Barfuß" handhabt, keine Pressevorführungen veranstaltet. "Ich spare mir lieber die 30.000 Euro", sagte er bei der Auftaktveranstaltung der Reihe "Film und Kritik", "denn ich werde ja sowieso nur wieder niedergemacht". Wobei ihn ja nur das "Feuilleton der großen Zeitungen" aus Prinzip nicht möge, "das Kind ist in den Brunnen gefallen". Schließlich gibt es da noch die Vorführungen für "Family & Friends", wo Schweiger ihm genehme Filmjournalisten zulässt, welche danach die lobenden Zitate abliefern, die der Verleih dann auf die Plakate druckt.

Schweiger-Filme dürfen nur "freundliche" Kritiker sehen

Schweiger schreibt einfach die Regeln um, wie es die Mächtigen gerne tun. Die Regel, an die sich alle anderen halten, auch die wesentlich mächtigeren amerikanischen Großverleihs, lautet ganz einfach: Zeigt uns euer Produkt, dann können wir darüber schreiben. Schweiger jedoch schmarotzt bei den Medien. Alle vorteilhaften Effekte nimmt er bei ihnen gerne mit – Interviews (die er gern zu seinen Gunsten umschreibt), Roter-Teppich-Berichte, Bilderstrecken – alle auch nur im Ansatz kritischen Äußerungen vor einem Filmstart boykottiert er.

Natürlich kann sich, wenn ein Film in den Kinos ist, jeder eine Karte kaufen und dann eine Kritik veröffentlichen. Doch die entscheidende Phase für einen Film sind die letzten Tage vor Kinostart und die ersten danach: Da entscheidet sich der Erfolg, und diese Phase will Schweiger "kritikfrei" halten, so wie manche Bosse ihre Firmen "betriebsratsfrei" haben möchten.

Dabei spekuliert er darauf, dass das mutmaßliche Publikumsinteresse an seinen Komödien die Medien früher oder später einknicken lässt, die sich davon hohe online-Klickzahlen versprechen. Und es ist tatsächlich so: Das Rückgrat, seinen Kritik-Boykott mit einem Kokowääh-Boykott zu beantworten, besitzen nur wenige.

Kunstfilm gegen Kommerzkino, das sind die angeblichen Hürden, an denen "der mittelständische Unternehmer" Schweiger bei der deutschen Rezeption seiner Werke bis heute zu knabbern hat. Deshalb verweigert er sich ihr einfach. Was wiederum die seriösen Filmjournalisten vergrätzt, die sich keinen Maulkorb umbinden lassen wollen.

Es sind unversöhnliche Auffassungen von Filmkritik

Schnell wurde klar: Hier stehen auch zwei unversöhnliche Auffassungen von Kritik im Raum, die nicht nur Schweiger und sein Podiumsgegenüber trennten, sondern auch das später mitdiskutierende Publikum. Schweiger sieht Filmkritik als Serviceinstrument, Kilb beharrt auf der Autonomie seiner Texte, als "Geschichten über den Film". Der eine will Information und Empfehlung, "so wie bei den Restauranttipps für die beste Pizza im Stadtmagazin", der andere reagiert säuerlich pikiert, er sei kein Geschmackstester, und wer nur positive Filmtipps wolle, "der soll zu McDonald's gehen und sich die 'Kinonews' holen, die sind sogar kostenlos".

Einig waren sich beide dann plötzlich beim bösen Feind Internet. Während das den bisweilen geruhsamen Journalismus in seiner gegenwärtigen Form bedroht, erregte sich Schweiger über den unkontrollierbaren Cybermob, wo man "so richtig fett beleidigt wird". Aber die kommen ja auch nicht vorab rein in seine Filme, "die ich schützen muss, wenigstens bis einen Tag nach der Premiere". Ob da nicht doch das gehasste Feuilleton mehr Regeln und Anstand hätte, fragt Kilb. Friedenspfeifen sehen anders aus. Also gilt: weiterhin keine Til-Schweiger-Filmbesprechungen, denn "ich kann nicht mehr zurück".

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