06.02.13

Säureanschlag

Wie Naomi Oni (20) ihr schönes Gesicht verlor

In London ist eine junge, hübsche Frau auf dem Weg nach Hause, da spritzt ihr eine verschleierte Person Säure ins Gesicht. "Warum ich?", fragt die Frau sich. Scotland Yard ermittelt – erfolglos.

Von Stefanie Bolzen
Foto: Bulls / News international

Naomi Oni: „Ich will nicht, dass mich überhaupt jemand anschaut“
Naomi Oni: "Ich will nicht, dass mich überhaupt jemand anschaut"

Es war der Abend vor Silvester. Naomi Oni hatte ihren Arbeitstag bei "Victoria's Secret" in einem neuen Einkaufstempel gleich am olympischen Park im Osten Londons beendet. Nachdem die 20-Jährige das für seine ausgesucht teuren Dessous bekannte Geschäft verlassen hatte, rief sie ihren Freund an. Naomi und Ato wollten am nächsten Abend ausgehen, das neue Jahr feiern.

"Ich nahm nach der Spätschicht den Bus. Ich stieg in meiner Straße aus und telefonierte dabei auf dem Handy mit meinem Freund. Dann sah ich auf einmal diese Frau. Sie trug einen schwarzen Niqab, der ihr Gesicht verdeckte." Sie habe noch gedacht, dass es komisch sei, zu dieser späten Uhrzeit eine streng muslimische Frau auf der Straße zu sehen.

"Dann plötzlich fühlte ich Flüssigkeit in meinem Gesicht. Ich schrie. Ich rannte, hielt die Hände vor das Gesicht, ich rannte nach Hause ohne mich umzusehen." Naomi war Opfer eines Säureanschlags geworden.

Volle Lippen, lockiges langes Haar

Aus Ländern wie Afghanistan oder Pakistan kommen immer wieder Nachrichten von Angriffen radikaler Fundamentalisten, die Mädchen, die zur Schule gehen oder Frauen, die eine Arbeit außerhalb des Zuhauses haben, mit Säure schwer verletzen. Aber die junge Verkäuferin war mitten in London auf dem Heimweg, eine ganz normale Frau in einer westlichen, modernen Metropole.

Fotos vor dem Anschlag zeigen die attraktive dunkelhäutige Naomi mit vollen Lippen und lockigem langen Haar. Als sie sich nach den Operationen und Behandlungen, die die Ärzte am Broomfield Hospital durchführten, zum ersten Mal in den Spiegel sah, "da wollte ich nur noch sterben. Mein Kopf war zehn Mal größer als zuvor, mein Gesicht schwarz, meine Augen quollen hervor, ganz geschwollen".

Die Ärzte fürchteten erst, Naomi würde ihr Augenlicht verlieren. Doch mittlerweile ist zumindest das Sehvermögen ihres linken Auges zurück, das rechte ist noch teilerblindet.

Keine Hinweise, geschweige denn eine Festnahme

"Ich war immer selbstbewusst und offen. Aber jetzt will ich nicht, dass mich überhaupt jemand anschaut", sagt sie. Eigentlich hatte sie dieses Jahr ein Mode-Studium beginnen wollen. Aber sie weiß nicht, ob sie sich das noch zutraut. Naomis 52-jährige Mutter ist behindert, die Tochter pflegt sie, das Geld ist knapp.

Auch für die plastische Chirurgie, die sie bräuchte, um ihr Gesicht wenigstens ansatzweise wieder herzustellen. Aus Angst vor dem Täter oder der Täterin sind Mutter und Tochter bei Freunden untergetaucht, die einen Hilfsfonds für Naomi gründen wollen.

Scotland Yard ermittelt. Doch bisher ohne jeden Erfolg, keine Hinweise, geschweige denn eine Festnahme. Dabei sind religiöse Extremisten, die normale Bürger terrorisieren, im Osten Londons seit geraumer Zeit keine Seltenheit. Eine "Muslim-Patrouille" treibt in Stadtteilen wie Whitechapel oder Tower Hamlets ihr Unwesen, überfällt nachts Passanten, die sich mit einer Bierflasche in der Hand in der Nähe einer Moschee aufhalten oder junge Frauen, die nach Meinung der "Patrouille" unsittlich gekleidet sind. Aber weder Behörden noch Politik geben bisher auf diese neue gesellschaftliche Herausforderung eine Antwort.

Für Naomi käme die ohnehin zu spät. Sie sagt: "Ich frage mich jeden Tag: Warum? Warum ich?"

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