06.02.13

Tiere im All

Das brutale Schicksal der Weltraumpioniere

Der Iran hat angeblich einen Affen ins All geschossen, dem Präsident Ahmadinedschad nun folgen will. Das ist den USA schon vor Jahrzehnten gelungen. Allerdings mit meist grausigen Ergebnissen.

Foto: AFP

Der Iran behauptet, im vergangenen Jahr einen Affen namens Pishgam (“Pionier“) ins All geschossen zu haben. Experten bezweifeln das allerdings. Nicht zuletzt deshalb, weil die veröffentlichten Bilder offensichtlich zwei unterschiedliche Tiere zeigen: Einen Affen mit dunklem Fell, und ...

8 Bilder

Auf den Affen folgt der Mensch. Das gilt in der Evolutionsbiologie, in der Raumfahrt und bald wohl auch im Iran. Nachdem der Staat nach eigenen Angaben einen Primaten ins Weltall geschossen hat, will sich nun auch der Präsident auf den Weg in unendliche Weiten machen.

"Ich bin bereit, für den wissenschaftlichen Fortschritt des Landes sogar mein Leben zu opfern", verkündete Mahmud Ahmadinedschad. Ob er sich ausmalt, eine Art iranischer Juri Gagarin zu werden, oder nur verbrämen will, dass es sich bei den Raumfahrtambitionen seines Landes eigentlich um ein Programm zur Entwicklung neuer Waffentechnologien handelt, sei dahingestellt.

Internationale Experten bezweifeln indes, dass der iranische Raumflug tatsächlich stattgefunden hat. Viel Verwirrung gibt es, weil offizielle Fotos des Äffchens Pishgam ("Pionier") vor und nach dem Flug zwei verschiedene Tiere zeigen – eins mit und eins ohne Leberfleck.

Es sei fraglich, ob der Flug mit dem Affen überhaupt erfolgt sei, heißt es etwa aus dem US-Außenministerium. Und falls ja, sei unklar, ob das Tier die Reise überlebt habe – was nun wiederum die Tierschützer empört. Sollte es noch an einem Beweis für die Grausamkeit des iranischen Regimes gemangelt haben, so dienen dafür jetzt offenbar die Bilder des Äffchens, wie es mit angstgeweiteten Augen in einer Hartschale klemmt.

Das erste Tier flog in einer V2-Rakete ins All

Aus Sicht des Tieres ist es freilich egal, ob es von einer Diktatur oder einer Demokratie ins All geschossen wird. Eine unangenehme Erfahrung ist das in jedem Fall und im schlimmsten eine tödliche. Die Anfänge der Raumfahrt sind nun einmal brutal: Was der iranische "Pionier" angeblich erlebte, hat sein amerikanischer Vorfahr schon vor gut 60 Jahren durchgemacht.

1949 schickten die USA Albert II. in den Weltraum. Der Rhesusaffe war das erste Säugetier im All, sein Gefährt eine nachgebaute deutsche V2-Rakete. Albert erreichte ähnlich wie vielleicht Pishgam eine Höhe von gut 130 Kilometern, dann verließ ihn das Glück. Der Fallschirm öffnete sich nicht.

Ähnlich erging es Dutzenden Affen, welche die USA in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auf die Reise schickten. Man erkennt das schon an der aufsteigenden Zahl hinter ihren Namen: Albert VI. etwa schien zunächst noch erfolgreich. Er überlebte seinen Weltraumflug – aber nur bis zwei Stunden nach der Landung.

Dann starb der Affe, vermutlich wie zwei der elf Mäuse, die ihn ins All begleitet hatten, an den Folgen der erlittenen Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Danach wechselten die Amerikaner den Namen ihrer Versuchspassagiere. Doch die Pechsträhne hielt an: Gordo, ein Totenkopfäffchen, so niedlich wie der kleine Herr Nilsson aus den Pippi-Langstrumpf-Filmen, überlebte 1958 acht Minuten Schwerelosigkeit und die 40-fache Erdanziehungskraft, doch ertrank er dann im Meer – wieder hatte der Fallschirm versagt.

Russen dachten gar nicht erst an die Rückkehr

Immerhin versuchten die Amerikaner überhaupt, ihren Weltraumtieren die Rückkehr zu ermöglichen. Die Russen kamen erst später auf die Idee, nach dem grausamen Tod der berühmten Hündin Laika ("Kläffer"). Der Mischling wurde vor seinem ersten Flug nahezu gefoltert: Techniker steckten Laika in enge Käfige und Zentrifugen, gewöhnten sie an Lärm und Vibrationen. Es half nichts.

Als die Hündin am 3. November 1957 um 2.30 Uhr in dem Satelliten "Sputnik 2" als erstes Tier gen Erdumlaufbahn schoss, schlug ihr Herz dreimal so schnell wie sonst. Nach sieben Stunden Flugzeit kamen keine Lebenszeichen mehr – vermutlich starb Laika an Überhitzung und Stress.

Ihre Rückreise zur Erde war auch gar nicht vorgesehen. Zehn Tage nach ihrem Start hätte die Hündin mit vergiftetem Futter eingeschläfert werden sollen, um sie – wenigstens das – vor dem qualvollen Verglühen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu bewahren. Viele Jahre danach räumte Oleg Gasenko, Raketentechniker und Laikas Ausbilder, späte Reue ein: "Je mehr Zeit vergeht, desto mehr tut mir das leid. Wir haben durch diese Mission nicht genug gelernt, um den Tod des Hundes zu rechtfertigen."

Der Fairness halber sollte erwähnt werden, dass nach Laika die russischen Hunde-Missionen so ausgerichtet wurden, dass die Tiere eine Chance hatten, die Erde wiederzusehen. Und dass den Tieren, die das tatsächlich schafften, großer Ruhm zuteil wurde. Die Hündinnen Strelka ("Kleiner Pfeil") und Belka ("Eichhörnchen") kehrten 1960 als erste lebende Tiere aus dem Orbit zurück.

Gagarin: "Bin ich der letzte Hund im All?"

Nikita Chruschtschow schenkte daraufhin einen Welpen Strelkas der Familie von John F. Kennedy. Ob als Zeichen der russisch-amerikanischen Annäherung oder als verbrämte Angeberei, sei dahingestellt.

Die Hündinnen selbst wurden nach ihrem Tod ausgestopft und gingen ins Inventar des Moskauer Raumfahrtmuseums über. Der letzte russische Hund, der den Weg für den Menschen ins All bereitete, war die Hündin Swjosdotschka ("Sternchen"), deren Namen Juri Gagarin persönlich ausgesucht hatte.

Rund zwei Wochen nach ihrem Raumflug am 25. März 1961 traute sich dann auch Gagarin ins All. Rückkehrend sprach er der tierischen Vorleistung seine Anerkennung aus: "Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin: der erste Mensch oder der letzte Hund im All?"

Die ersten Affen, die das amerikanische Raumfahrtprogramm überlebten, hießen Miss Able und Miss Baker, sie waren 1959 ins All gestartet. Auf den Rhesus- und den Totenkopfaffen folgte ein Schimpanse, der eine steile Karriere hinlegte: Ham war 1961 der Wegbereiter des Raumfluges von Alan Shepard, dem ersten Amerikaner im All. Nach seinem Einsatz bei der Nasa wurde der Affe Schauspieler und trat in zahlreichen Filmen auf.

Erste lebende Passagiere waren Fruchtfliegen

Im Zuge der Kritik an seinem angezweifelten Weltraumflug hat der Iran darauf verwiesen, bereits 2010 eine Ratte, Schildkröten sowie Insekten erfolgreich ins All geschickt zu haben. Auch das ist keineswegs neu. Affen und Hunde waren die populärsten Protagonisten im Weltraum, aber beileibe nicht die einzigen.

In den vergangenen sechs Jahrzehnten wurden bereits Katzen, Frösche, Schmetterlinge, Schildkröten, Fische, Ratten, Molche und Mehlwürmer in den Weltraum katapultiert. Die ersten lebenden Passagiere im All waren Fruchtfliegen, die am 20. Februar 1947 an Bord einer V2-Rakete 109 Kilometer in die Höhe flogen.

Und nun will also auch Ahmadinedschad nach den Sternen greifen. Den wohl bösesten Kommentar dazu twitterte der US-Senator John McCain. Mit Verweis auf den iranischen Affen-Testflug schrieb der Republikaner: "Ahmadinedschad will also der erste Iraner im All sein – war er da nicht gerade letzte Woche?"

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