05.02.13

Familienpolitik

China droht Skandal wegen überfahrenem Baby

Nach der Tragödie um ein totgefahrenes Baby durch Funktionäre der chinesischen Familienplanung schlagen die Wellen hoch im Internet. Aufgebrachte Bürger verlangen Aufklärung von der Bezirksregierung.

Die rätselhaften Umstände, die zum Tod eines 13 Monate alten Jungen führten, den Familienplanungs-Funktionäre mit ihrem Wagen überrollten, drohen sich zu einem neuen Skandal für Chinas staatliche Ein-Kind-Geburtenplanung auszuweiten.

Zu der Tragödie, die im Internet Wellen schlägt, kam es in einem Vorort der ostchinesischen Stadt Wenzhou. Eine Gruppe von Kreisbeamten hatte ein hohes Strafgeld von einer Bauernfamilie im Dorf Dongshantou eintreiben wollen. Diese hätte mit der ungenehmigten Geburt ihres jüngsten Babys gegen die Familienplanung verstoßen.

Nach Augenzeugenberichten stritten sich die jeweils 39 Jahre alten Eltern mit den Beamten, berichtet die Webseite der "Volkszeitung". Die Funktionäre hätten die Mutter Li Yuhong dazu gebracht, mit ihnen zur weiteren Klärung des Bußgeldes zur Bezirksbehörde des Ruian-Kreises zu fahren. Ehemann Chen Liandi, der das Baby auf dem Arm trug, habe die Abfahrt verhindern wollen. Als der Wagen losfuhr, überrollte er das Baby, das zu dem Zeitpunkt auf dem Boden lag.

Brutale Eingriffe von Beamten

Unklar ist, wie das Kind vor die Räder kam: ob es etwa bei einer Rempelei zwischen Vater und Beamten hinfiel. Ebenso unklar ist, ob der Wagen mit Absicht das Kleinkind überfuhr oder ob es ein tragischer Unfall war. Der schwerverletzte Junge starb kurz nach Einlieferung ins Krankenhaus.

Aufgebrachte Bürger, die von Internetberichten alarmiert wurden, zogen noch am Abend vor die örtliche Bezirksregierung und verlangten Aufklärung darüber, was passiert sei. Blogger fanden inzwischen in den öffentlichen Gerichtsakten von Ruian Angaben über die Verurteilung des bäuerlichen Eltenpaares am 23. Juli 2012 zu einer sogenannten Strafgeld-Sozialabgabe in Höhe von 100,304 Yuan (rund 12.000 Euro).

Die Bauernfamilie hätte mit der Geburt ihres Sohnes gegen die Geburtenplanung verstoßen. Die Beamten waren nun kurz vor dem Frühlingsfest ins Dorf gekommen, um das Geld einzutreiben. Vermutlich nahmen sie die Mutter mit, um so den Vater zu zwingen, das Geld zu beschaffen.

Viele Chinesen reagieren empört auf Übergriffe bei der Geburtenplanung. Eine von den Behörden vergangenen Juni brutal erzwungene Abtreibung bei der Bäuerin Feng Jianmei in Nordchinas Shaanxi, die ein Strafgeld von umgerechnet knapp 5000 Euro nicht zahlen konnte, löste Massenproteste im ganzen Land aus. Die Beamten wurden schließlich bestraft, weil die Frau schon im siebten Monat schwanger gewesen war.

Literaturnobelpreisträger kritisiert chinesische Praxis

Nach 30 Jahren entpuppt sich die von Peking landesweit durchgesetzte Ein-Kind-Familienpolitik als viel zu erfolgreich. Ehepaare in den Städten dürfen nur ein Kind bekommen. Auf dem Lande sind es zwei Kinder, wenn das erste Baby ein Mädchen ist. In den Anfangsjahren hatten Bevölkerungsplaner diese Politik mit starkem Druck bis zu ungezählten Zwangsabtreibungen und später über hohe Geldstrafen durchgesetzt.

Die grausame Praxis der Geburtenplanung kritisiert auch Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan in seinem jüngsten Roman "Frosch". Als ihre Folge überaltert die Gesellschaft rascher als erwartet. Heute leben in China fast schon 200 Millionen Menschen, die mehr als 60 Jahre alt sind. Ein weiteres Alarmzeichen ist, dass seit 2012 erstmals die absolute Zahl der Bevölkerung im Erwerbsalter zwischen 15 und 59 Jahren abnimmt.

Ebenfalls ging der Anteil der 0 bis 14-Jährigen in der 1,3 Milliarden-Bevökerung von 1982 noch mit fast 35 Prozent auf derzeit rund 20 Prozent zurück. Das einflussreiche Magazin "Caixin" schreibt in seiner Februar-Ausgabe, die Folgen der Einkind-Politik seien so gravierend, dass es höchste Zeit ist, sie zu ändern.

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