04.02.13

Late Night

Katholiken-TV-Chef wird bei Jauch ausgelacht

Scheidung als Kündigungsgrund, keine "Pille danach" für Vergewaltigungsopfer: Gesellschaft und Kirche haben sich entfremdet. Ein Gast in der Sendung von Günther Jauch zeigte das besonders deutlich.

Foto: ARD
Martin Lohmann, Chefredakteur von K-TV, erklärt, warum eine Frau nach einer Vergewaltigung auf keinen Fall abtreiben dürfe
Martin Lohmann, Chefredakteur von K-TV, erklärt, warum eine Frau nach einer Vergewaltigung auf keinen Fall abtreiben dürfe

Es ist noch nicht oft vorgekommen, dass das Publikum bei Günther Jauch einen Gast ausgelacht hat. Doch die Sendung war nicht einmal zur Hälfte vorbei, als genau das passierte. Martin Lohmann, Chefredakteur von K-TV, einem katholischen Fernsehsender, hatte gerade erklärt, warum eine Frau – selbst, wenn seine eigene Tochter das mögliche Opfer sei – nach einer Vergewaltigung auf keinen Fall abtreiben dürfe.

"Die Lehre, dass man nicht töten darf, sondern dass man sich für das Leben einsetzen muss, gilt immer", lautete seine Begründung. Die Reaktion der Zuschauer: zunächst ungläubiges Raunen. Dann setzte Lohmann erneut an: "Die Sache mit der Selbstentscheidung der Frau ist ja vielschichtig."

Jetzt lautes Gelächter. Kopfschütteln. Lohmanns theologische Rechtfertigung ging im Tumult auf den Rängen unter. Für das Publikum war das Selbstbestimmungsrecht der Frau offenbar ganz und gar nicht vielschichtig, sondern völlig eindeutig.

Kirchenvertreter haben es schwer

Es war jene Sendung, die eigentlich schon eine Woche zuvor stattfinden sollte, wegen der hochkochenden Sexismus-Debatte jedoch kurzfristig verschoben wurde. Weniger brisant und emotional als die Frage, wie sich Männer gegenüber Frauen verhalten sollten und umgekehrt, war die aktuelle Diskussion allerdings nicht. Daran hatte Lohmann seinen Anteil, doch das war bei Weitem nicht der einzige Grund.

Denn schon der Titel des Talks im Ersten gab die Marschroute vor: "Im Namen Gottes – wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?", wurde sehr direkt gefragt. Die Gnadenlosigkeit an sich war also schon vorausgesetzt. Nur ihren Grad galt es bei Jauch zu erörtern. Die Kirchenvertreter, neben Martin Lohmann noch Caritas-Präsident Peter Neher, hatten es also von Anfang an schwer.

Die erste Hälfte der Zeit ging es im Wesentlichen um jene junge Frau aus Köln, die nach einer Vergewaltigung Mitte Januar gleich bei zwei katholischen Krankenhäusern abgewiesen wurde. Weder bekam sie die "Pille danach", um eine mögliche Schwangerschaft zu verhindern, noch wurde sie untersucht. Für Lohmann ein klarer Fall: Die Lehre der Kirche spreche sich schließlich für das Leben und gegen die Tötung aus. "Das gilt auch für die 'Pille danach'."

Arzt durfte "Pille danach" nicht verschreiben

Streit gab es allerdings darüber, was die "Pille danach" überhaupt genau bewirke. Verhindert sie nur eine Befruchtung oder sorgt sie tatsächlich für einen Schwangerschaftsabbruch? Jeder Gast konnte mit anderen Studien dazu aufwarten und entsprechende Wissenschaftler zitieren – die Frage blieb also ungeklärt.

Für die katholische Kirche ist diese Unsicherheit Grund zur Ablehnung des Medikaments. "Mir wurde ganz klar gesagt, dass die 'Pille danach' nicht verschrieben werden durfte. Patientinnen wurden dann an ein anderes Krankenhaus überwiesen", berichtete Gynäkologe Bernhard von Tongelen, der einige Zeit in einem katholischen Krankenhaus gearbeitet hat.

Zwischenfazit von NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne): Die Kirche entfremdet sich immer mehr von der Gesellschaft. Jede vergewaltigte Frau habe das Selbstbestimmungsrecht zu entscheiden, ob sie schwanger werden wolle oder nicht.

Homosexualität als Kündigungsgrund

Auch im zweiten Teil der Sendung kam die Kirche bei den Kritikern der Runde nicht besser weg. Denn nicht jeder der 1,3 Millionen Menschen, die bei dem zweitgrößten Arbeitgeber Deutschlands tätig sind, bekommt die christliche Nächstenliebe auch am eigenen Leib zu spüren.

Zwar wurde das Streikverbot für Kirchenmitarbeiter durch das Bundesarbeitsgericht Ende des vergangenen Jahres gelockert; nach wie vor gelten für sie jedoch deutlich mehr Einschränkungen als für Arbeitnehmer in einem Privatunternehmen. Der richtige Glaube etwa ist für einen Job Voraussetzung, auf der anderen Seite kann die sexuelle Orientierung von Schwulen und Lesben ein Kündigungsgrund sein. Gleiches gilt für eine Scheidung.

In einem Einspielfilm erfuhren die Zuschauer vom Fall der 47-jährigen Bernadette Knecht aus Königswinter. Der katholische Träger wollte ihr die Leitung eines Kindergartens entziehen, weil sie ihren Mann verlassen hatte und bei ihrem neue Partner eingezogen war.

Journalistin Eva Müller, deren Buch "Gott hat hohe Nebenkosten" derzeit in den Bestsellerlisten steht, meinte bei Jauch deshalb, es sei "Zeit zu überprüfen", ob die Regeln der Kirche tatsächlich noch zeitgemäß seien. Immerhin wachse die Zahl der Kirchenaustritte. Jauch wusste passend dazu zu berichten, dass nur noch 30 Prozent der unter 30-Jährigen Mitglied in einer der christlichen Kirchen sind.

Aber Kirchenmann Lohmann verteidigte auch das tapfer. "Die Unauflöslichkeit der Ehe gehört in der Kirche zur Corporate Identity dazu", sagte er. Das sei wie beim Fußball. "Die stellen auch keinen Handballtrainer an."

Das sagten Günther Jauchs Gäste

Barbara Steffens,

NRW-Gesundheitsministerin (Grüne):

 

Ich möchte, dass in allen katholischen Krankenhäusern

sichergestellt ist, dass Frauen,

die vergewaltigt worden sind, Zugang zur 'Pille danach' haben.

 

Martin Lohmann

Chefredakteur K-TV, (Katholisches Fernsehen):

 

Die Kirche sagt ganz deutlich,

wenn jemand schwul ist, ist es nicht schlimm.

Aber wenn er die Sexualität lebt, ist es Sünde.

 

 

Prälat Peter Neher,

Präsident des Deutschen Caritasverbandes:

 

Es gibt keinen Automatismus

Scheidung gleich Kündigung.

 

Eva Müller,

Journalistin:

 

Der Staat verlässt sich so sehr auf die Kirche.

Deshalb ist es Zeit zu überprüfen, ob die Regeln,

die dort gelten, noch zeitgemäß sind.

 

Bernhard von Tongelen,

Gynäkologe:

 

In manchen Gegenden von NRW sind so viele Krankenhäuser in katholischer Hand, da kriegen die Frauen die Pille danach einfach überhaupt nicht. Das ist für mich der eigentliche Skandal.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
US President Barack Obama, left, is welcomed by German Chancellor Angela Merkel, right, at the chancellery in Berlin, Germany, Wednesday, June 19, 2013. On the second day of his visit to Germany Obama met with German President Joachim Gauck and Chancellor Merkel before delivering a speech at Brandenburg Gate. (AP Photo/Michael Sohn)
Aktualisiert vor 3 MinutenLiveblog
Obama in Berlin – US-Präsident zu Gast bei Kanzlerin Merkel

US-Präsident Barack Obama, Ehefrau Michelle und die Töchter Sasha und Malia sind in Berlin. Ihre Nacht im Hotel Ritz-Carlton ist vorbei. Nun hat ein Tag voller Termine begonnen. Der Liveblog. mehr...

US first lady Michelle Obamavisits the Berlin Wall memorial Bernauer Strasse with her husband's half sister Auma Obama  her daughters Sasha and Malia in Berlin
Aktualisiert vor 2 MinutenFirst Lady
Michelle Obama in Berlin - Besuch an Mauer und Todesstreifen

Michelle Obama absolviert mit den beiden Töchtern zum Teil ein eigenes Programm. Dabei könnte es einige Überraschungen geben. Der Liveblog. mehr...


Absperrungen in Berlin
06:42Straßensperrungen
Die Verkehrslage in Berlin während des Obama-Besuchs

Straßen sind gesperrt, Busse werden umgeleitet, Bahnen fahren eingeschränkt: Berlin ist wegen des Staatsbesuches von Barack Obama im Ausnahmezustand. Eine Zusammenfassung der Verkehrseinschränkungen. mehr...


Eine alte und eine neue Fassade in Prenzlauer Berg
09:00Betrug
Berliner Polizei nimmt Händler von "Schrottimmobilien" fest

Ein 41-Jähriger aus Kreuzberg soll in 29 Fällen unerfahrenen Interessenten minderwertige Immobilien verkauft haben. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Schaden von mindestens 1,6 Millionen Euro aus. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
Berlin-Besuch Obama von Bundespräsident Gauck empfangen
Deutschland-Besuch Familie Obama zu Gast in Berlin
Berlin US-Präsident Obama erreicht das Ritz-Carlton
Berlin-Besuch Obamas Rede an der Siegessäule
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
US-Präsident

Barack Obama und sein Tag in Berlin

Eigenes Programm

US-First Lady Michelle Obama in Berlin

First Lady

Das ist die Stilikone Michelle Obama

Staatsbesuch

Von Kennedy bis Bush – US-Präsidenten in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote