Türkei
Bekehrung im TV – Streit um Atheisten-Show
Mittwoch, 25. August 2010 12:34 - Von Boris KalnokyIn einer türkischen Fernsehsendung sollen zwölf Atheisten von einem christlichen Priester, einem Rabbi, einem buddhistischen Mönch und einem Imam zum Glauben bekehrt werden. Die Show versteht sich als Vorreiterin für Religionsfreiheit und Demokratie. Doch die Religionsbehörde läuft Sturm.
Schwer zu sagen, was daran, mit türkischen Augen gesehen, erschütternder ist – ein Haufen einheimischer Atheisten in einem Land, das sich gerne als zu 99 Prozent muslimisch versteht, oder gleich am ersten Tag der provokante Missionierungsversuch durch einen Priester. Später sollen dann ein Rabbi dazukommen, ein buddhistischer Mönch und ein Imam, und jede Woche darf ein Atheist ausscheiden. Wer sich bekehrt, darf zur heiligsten Stätte seiner Wahlreligion.
So sollen Reality-Shows sein: einfach, provokant und stupide, damit man sich aufregen kann. Hier sitzt der Teufel im Detail, und zwar so gründlich, dass ein Insider meint: „Es könnte die meistbesprochene Show werden, die am Ende doch nie gemacht wurde.“
Ein Problem ist, dass man beim Sender selbst nicht wirklich weiß, was die jeweiligen Religionen sagen. Laut Seyhan Soylu soll auch der Buddhist den Atheisten „über seinen Gott erzählen“ – aber es gibt keinen Schöpfergott im Buddhismus. Bekehrungen sind fast unmöglich im jüdischen Glauben. Im Katholizismus sind Bekehrungen eine beschwerliche, oft langjährige Prozedur. Und dann ist da noch die Frage: Welche Variante von Christ/Muslim/Buddhist/Jude soll auf die Atheisten losgelassen werden? Soylu kann sich auch vorstellen, gleich drei Priester gleichzeitig loszuschicken, katholisch-orthodox-protestantisch. Aber welcher Protestantismus und welche Variante der Orthodoxie?
Bislang hat der Sender keine Geistlichen verpflichten können. Die Religionsbehörde Diyanet läuft Sturm gegen die „Erniedrigung der Religion“. Ali Bardakoglu, Leiter des Religionsdirektorats, hat einen geharnischten Brief geschrieben. In der Türkei sind alle Imame die Angestellten seiner Behörde. Von ihnen wird keiner teilnehmen dürfen. Dafür zeigen die verbotenen religiösen Orden Interesse, meint Seyhan Soylu. Aber wenn sie diesen Weg geht, dürfte bald die Polizei vor der Tür stehen.
Sie selbst wurde bereits einmal vorübergehend in Gewahrsam genommen, in Zusammenhang mit dem sogenannten Ergenekon-Prozess – da geht es um angebliche Putschversuche türkischer Säkularisten gegen die islamisch geprägte Regierung. Jetzt gibt sich Soylu siegesgewiss: „Religionen können wie Faschismus sein“, sagt sie, „gefährlich und diktatorisch – ich aber kämpfe für einen Gott, der keine Verbeugungen fordert, für Religionsfreiheit und für Demokratie – gegen Bardakoglu.“
Erschienen am 17.07.2009
















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