03.02.13

US-Geiselnehmer

Polizei scheitert am Bunker von Jimmy Lee Dykes

Die Geiselnahme eines Fünfjährigen hält die USA in Atem. Die Polizei steht vor einem Dilemma: Der Bunker ist so abgeschottet, dass sie ihn nicht stürmen kann, ohne das Leben des Kindes zu gefährden.

Von Michael Remke
Foto: Reuters

Viele Details aus dem Leben des Geiselnehmers Jimmy Lee Dykes sind nicht bekannt. Nur, dass er ein Soldat im Vietnam-Krieg war und danach als Lkw-Fahrer arbeitete
Viele Details aus dem Leben des Geiselnehmers Jimmy Lee Dykes sind nicht bekannt. Nur, dass er ein Soldat im Vietnam-Krieg war und danach als Lkw-Fahrer arbeitete

Das Geiseldrama in den USA hat endlich ein Gesicht bekommen: Von dem Foto, das die Polizei von Jimmy Lee Dykes veröffentlicht hat, starrt ein grimmig dreinblickender, dürrer alter Mannes mit grauem Haar und Vollbart.

Wer das Bild gesehen hat, der weiß sofort: Dykes ist keiner, der so leicht aufgibt. So einer wie er, der hat Durchhaltevermögen. Und gerade deshalb versetzt er zurzeit eine ganze Kleinstadt in Angst und Schrecken – und lässt die Polizei sichtbar verzweifeln.

Die Geiselnahme in Bundesstaat Alabama geht mittlerweile in die zweite Woche. Und ein Ende scheint nicht in Sicht. Inzwischen wird weltweit über den Fall berichtet, nachdem der Vietnam-Veteran in der 2300 Einwohner zählenden Stadt Midland City den fünf Jahre alten Ethan in seinem selbstgebauten Bunker festhält. 50 schwer bewaffnete Polizisten und Mitglieder des FBI sind inzwischen angerückt.

Kommunikation über ein sechs Meter langes Rohr

Dykes hatte den kleinen Ethan am Dienstag aus einem Schulbus entführt und den Fahrer Charles Poland (66) dabei erschossen. Poland wird seitdem gefeiert wie ein Held, er hatte sich dem Kidnapper noch in den Weg gestellt und somit mehr als 20 weiteren Kindern die Flucht ermöglicht, sonst wären sie vermutlich auch in Dykes Gewalt geraten. Täter und Opfer kannten sich nach US-Medienberichten, Poland soll seinem Mörder sogar noch wenige Stunden vor der Tat Marmelade und Eier geschenkt haben, weil dieser seine Auffahrt aufgeräumt hatte.

Besonders dramatisch ist der Fall auch, weil der entführte Junge unter dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, und ADHS (dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) leidet. Er braucht täglich Medikamente. Immerhin zeigte sich Dykes in diesem Sinne einsichtig: Ethan hat seine Tabletten über ein zehn Zentimeter breites und knapp sechs Meter langes Rohr, das in den Bunker führt, erhalten.

Das Rohr ist zurzeit die einzige Kommunikationsmöglichkeit mit dem Geiselnehmer. Auch die Polizei nutzt es bei ihren Verhandlungen und hat sich auf eine 24-Stunden-Betreuung eingestellt. Bisher scheiterten jedoch alle Versuche, Dykes zur Aufgabe zu bewegen.

Bunker mit Strom, Heizung und Fernseher

Laut Polizeisprecher James Arrington soll es der Geisel zwar körperlich gut gehen. Seelisch jedoch sei die Lage problematisch: "Er weint allerdings viel und möchte zu seinen Eltern." Arrington lobte dennoch – offenbar aus verhandlungstaktischen Gründen – öffentlich den Geiselnehmer. "Er behandelt den Jungen gut und ich bedanke mich dafür, dass er sich so sehr um ihn kümmert."

Dykes soll Ethan nicht kennen, der Junge wurde vermutlich bei dem Überfall ein Zufallsopfer. Der Kidnapper habe ihm gesagt, dass er in seinem Bunker "Heizung" habe und "Decken für den Jungen", erzählte Arrington. Außerdem habe er laut CNN zugestimmt, dass dem Kind die Lage so komfortabel wie möglich gemacht wird und eine Versorgung mit Chips und Spielzeug erlaubt.

Dennoch muss die Belastung in der Enge des Raumes fürchterlich sein: Der Schutzraum selbst soll nach neuesten Berichten quadratisch sein, 2,50 Meter mal 2,50 Meter groß, und etwa zwei Meter hoch. Er liegt etwa 1,20 Meter unter der Erde. Ein Ventilator sorgt für Frischluft.

Der Geiselnehmer hat bei der Konstruktion des Schutzraumes an alles gedacht und auch die Stromversorgung sichergestellt. So hat Dykes auch Fernsehen in seinem Schutzraum und verfolgt die Berichterstattung über seinen Fall ganz genau. Auch deshalb steht die Polizei vor einem Dilemma: Sie kann den Bunker nicht stürmen, ohne das Leben von Ethan in Gefahr zu bringen. "Unsere erste Priorität ist es den Jungen unverletzt zu befreien", sagte Arrington.

Letzter Job als Lastwagenfahrer

Viel ist nicht bekannt über Dykes, vor allem seine Vergangenheit liegt im Dunkeln. Der Vietnam-Veteran, der zuletzt als Lastwagenfahrer gearbeitet hatte, wird als 1,82 Meter großer und knapp 77 Kilogramm schwerer Mann beschrieben. Nachbarn halten ihn für einen "paranoiden, gewaltbereiten und einsamen Mann", der keine Freunde hatte und sich auch nicht in der Gemeinde engagierte.

Offenbar neigte er zu Gewalt – und schreckt dabei nicht vor Schwächeren und Unschuldigen zurück. Einen Hund soll er mit einer Eisenstange erschlagen haben, nur weil sich dieser auf sein Grundstück verlaufen hatte. Vor der Geiselnahme hatte er einen Gerichtstermin: Er soll einen Nachbarn und dessen sechs Monate alte Tochter nach einem Streit mit einer Pistole bedroht haben. Als die beiden in einem Auto flüchteten, soll Dykes ihnen hinterher geschossen haben.

"Er ist ein typischer Einzelgänger mit einem Hass auf die Regierung", sagt Ermittler Tim Byrd. "Er fiel immer durch antiamerikanische Parolen auf."

Unklares Motiv

Besonders gefährlich macht Dykes, dass er seine Tat seit langem und sehr genau geplant haben muss. Vermutlich besitzt er viele Vorräte, weshalb sich die Entführung noch lange hinziehen könnte. Laut Polizei habe Dykes sogar einen Testlauf gemacht und insgesamt acht Tage in dem Bunker gelebt.

Mit dem Bau habe er laut eines Nachbarn vor zwei Jahren begonnen. "Immer wenn ich gegen zwei Uhr morgens von der Nachtschicht nach Hause kam, hat er daran gearbeitet", sagt Jimmy Davis. Dykes, der vor fünf Jahren nach Midland City gezogen war, habe ihm erzählt, dass er einen Schutzraum gegen Tornados baue.

Was Dykes erreichen will, blieb auch am sechsten Tag unklar. Die britische Zeitung "The Mirror" berichtet, dass Dykes aufgeben wolle, wenn er einem Reporter seine Geschichte erzählen könnte. Bislang ist aber nicht bekannt, ob das FBI diese Forderung erfüllen wird. Die Polizei hält sich, um die Verhandlungen nicht zu gefährden, mit Details zurück.

"Irgendwann muss er herauskommen", sagt Polizeisprecher Arrington. "Er weiß, dass wir hier warten und nicht weggehen werden. Wir nehmen uns Zeit und hoffen so, den Geiselnehmer zu zermürben."

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