04.02.13

Britische Burger

Schmeckt Pferdefleisch? Ich habe es mal ausprobiert

Der Pferdefleisch-Skandal in britischen und irischen Burgern hat neugierig gemacht. Wo ist das Problem? Fleisch bleibt Fleisch. Unsere Autorin wagt den Selbstversuch und isst zum ersten Mal Pferd.

Foto: Jakob Hoff

„Die Welt“-Redakteurin Kathrin Spoerr probiert bei Norbert Hansel Würstchen aus Pferdefleisch
"Die Welt"-Redakteurin Kathrin Spoerr probiert bei Norbert Hansel Würstchen aus Pferdefleisch

Ich habe noch nie Pferd gegessen.

Ich bin absolut kein mäkliger Mensch. Ich esse alles, was auf den Tisch kommt, sogar Bohneneintopf mit Schweinebauch. Früher musste ich mich übergeben, wenn ich an den Schweinebauch nur dachte. Darüber bin ich lange weg. Heute esse ich alles.

In Taipeh habe ich schon gedämpfte Hühnerfüße gegessen und in Italien Tintenfisch mit Saugnäpfen und in Peking gekochte Seegurke. Es schmeckte nicht gut. Aber ich aß es, weil ich finde, dass es immer einen Versuch wert ist zu probieren, was andere Menschen gern essen.

Pferd habe ich deswegen noch nie gegessen, weil es mir noch niemand angeboten hat. Nicht einmal in China stand Pferd auf der Speisekarte. Und wenn, dann habe ich es übersehen. Ich kann nämlich kein Chinesisch.

Ich wäre wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, Pferd zu probieren, wenn nicht in England und Irland gerade dieser Skandal ausgebrochen wäre. Dort wurde Pferdefleisch im Burgerbratling entdeckt. Wie viele Millionen Briten und Iren bereits Pferdeburger verzehrt haben, wird wohl nicht mehr herauszufinden sein. Verdaut ist verdaut.

"Kontaminiertes" Hackfleisch

Als aber vergangene Woche herauskam, dass die Burger, die eigentlich zu 100 Prozent aus Rind zu sein haben, zu 27 Prozent aus gehacktem Pferdefleisch bestehen, da drehten sie halb durch. Eine Million Fertigburger wurden in den letzten Tagen aus den Supermarktregalen genommen.

Auch bei englischen und irischen Aldi- und Lidlfilialen stand das "kontaminierte" Hackfleisch im Regal. Egal wo – Aldi und Lidl stehen für deutsche Einkaufskultur. Man muss also zugeben, dass der Skandal bereits voll und ganz in Deutschland angekommen ist.

Engländer essen kein Pferd. Es muss sich also um eine scheußliche Speise handeln. Oder nicht? Woher soll man es wissen? Wie gesagt: Hühnerfüße, Tintenfischsaugnäpfe, Seegurken – ich habe Erfahrung mit ekligen Speisen. Darum will ich es wissen. Wie schmeckt Pferdefleisch? Ich habe mich auf die Suche gemacht.

Kein Alltagsprodukt

Es ist gar nicht so leicht, Pferdefleisch zu kriegen, wenn man es gern probieren möchte. In Berlins Metzgereien ist eigentlich fast jede Fleischsorte zu haben, außer Pferd. Ich habe in zwei Metzgereien danach gefragt. In der ersten sagten sie "Nee, sowat hamwa nich", in der zweiten lachten sie nur. Also bemühte ich eine Internetsuchmaschine und fand Norbert Hansel.

Norbert Hansel ist Fleischermeister. Seit 40 Jahren macht er in Wurst und Fleisch. Norbert Hansel betreibt einen Stand. Mit seinem Stand ist er während der Woche auf verschiedenen Wochenmärkten unterwegs. Mittwochs ist er in Berlin-Spandau. Also auf nach Spandau.

Norbert Hansel unterteilt seine Auslage in "linke Seite" und in "rechte Seite". Auf der rechten Seite liegt alles vom Schwein. Auf der linken Seite alles vom Pferd. Vor 20 Jahren hat er mit dem Pferdefleisch angefangen. Der Pferdefleischhandel erwies sich als Marktlücke. Norbert Hansel machte weiter mit den Pferden.

Das Handwerk beim Schlachten

Ob er Tiere auch selbst schlachtet, frage ich ihn sehr vorsichtig, denn ich finde es ein bisschen peinlich, über das Töten zu reden. Eigentlich bin ich ja zum Essen hier. Ob er auch schon mal ... ein Pferd ... geschlachtet habe, frage ich weiter. Ja, hat er. Es ist nichts Besonderes dabei, lerne ich. Kuh oder Schwein oder Pferd. Aufs Handwerk komme es an. "Der Rest", sagt Norbert Hansel, "findet in den Köpfen der Menschen statt."

Norbert Hansel verkauft Wurst, Fleisch, Boulette, Schinken auf der linken Seite. Pferdeknacker und Pferdewiener gibt's heiß aus dem Kochtopf. Wer Senf dazu will, kriegt erst mal eine Ermahnung: "Wenn du Senf draufmachst, schmeckst du doch gar nichts." Norbert Hansel hat mich schnell überzeugt. Ich nehme Pferdewiener – ohne Senf.

Den ersten Bissen erst noch ein bisschen hinauszögern... Ein bisschen mit Herrn Hansel philosophieren. Übers Pferd im Allgemeinen. Und im Besonderen. Und so weiter.

Seltsame Ernährungsgewohnheiten des Menschen

Herr Hansel weiß alles über Pferde. Er kennt auch die Menschen ganz gut. Der Mensch, sagt Herr Hansel, sei ein bisschen merkwürdig. Er nimmt das Fleisch von der Kuh und vom Hasen, die ihrerseits Vegetarier sind, aber auch von Huhn und Schwein – deren Ernährungsgewohnheiten so sind, dass es klüger scheint, nicht weiter darüber nachzudenken. Nur beim Pferd, da stellt er sich an.

Dabei, erklärt mir Herr Hansel, sei das Pferd ein sauberes Tier. Es frisst Heu und Hafer und nimmt gern auch einen Apfel zu sich. "Wenn nur eine Hand voll Sand im Hafer landet, frisst das Pferd das nicht." Das Schwein hingegen, sagt Herr Hansel, merkt den Sand gar nicht. "Es frisst auch Sand pur."

Norbert Hansel muss sich oft rechtfertigen. Das Pferd ist dem Menschen doch mehr als ein Schlachtvieh. Sie setzen sich drauf, sie bürsten sein Fell, bis es glänzt, sie haben, nach meiner Meinung, ein ganz und gar menschliches Verhältnis zum Gaul. Vielleicht, denke ich, habe ich mich deshalb für diesen Selbstversuch bereit erklärt, weil ein Pferd für mich persönlich nichts Besonderes ist, sondern einfach nur ein sehr großes Säugetier. Ich gebe zu, dass mein Verhältnis zur Kuh und mein Verhältnis zum Pferd sich ziemlich ähneln.

Der zarte Pferdea****

Und darum zögere ich den ersten Biss ins Pferdefleisch auch nicht weiter hinaus. Versuchsteil 1: Pferdewiener. Schmeckt nach Wiener. Etwas kräftiger, fester als vom Schwein gewohnt.

Versuchsteil 2: Pferdeknacker: Ja, das knackt. Und was da herausrinnt, ist kein Fett, sondern würzige Brühe. Ich werde übermütig und starte Versuchsteil 3, den Höhepunkt, schieres Pferdefleisch, geräucherter Schinken, direkt aus dem Pferdea****: Zart, zart, zart. So zart wie keine Kuh und kein Parmaschwein je sein kann.

Herr Hansel beobachtet mich scharf. Er sieht, dass es mir schmeckt und freut sich. Ich ziehe ab, ein halbes Kilo Pferdefilet in der Tasche. Ich freue mich darauf, es heute Abend der Familie zu braten. Es wird ihnen schmecken. Ich werde ihnen natürlich nicht verraten, was sie essen, damit unser Abendessen nicht das gleiche Schicksal erleidet, wie eine Million englische Burger.

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