03.02.13

Sorgerechtsstreit

Warum eine Mutter ihren Sohn aus Israel entführt

Eine jüdische Europäerin heiratet einen Israeli. Doch dann prallen Kulturen, Lebensentwürfe, Egos aufeinander – und aus einem Missverständnis wird ein Martyrium.

Von Christian Seidl
Foto: anita baumann photography
Kampf ums Kind: Die Schweizer Jüdin Isabelle Neulinger bekam in letzter Instanz recht, ihr Sohn Noam darf bei ihr leben
Kampf ums Kind: Die Schweizer Jüdin Isabelle Neulinger bekam in letzter Instanz recht, ihr Sohn Noam darf bei ihr leben

Es ist eine abrupte, kurze Kopfbewegung, ein ruckartiges Drehen zur Schulter hin und wieder zurück, und man könnte es für eine nervöse Zuckung halten oder die Eigenart, sich andeutungsweise den Pony aus dem Gesicht zu schütteln.

"Es passiert nicht mehr so oft", sagt Isabelle Neulinger, 47, aber doch noch immer regelmäßig – dass sie plötzlich aufschreckt und sich auf der Stelle vergewissern muss, dass ihr Junge noch da ist.

Nicht, dass sie Grund dazu hätte, an diesem Nachmittag in der Bar eines Hotels in Lausanne könnte man um den neunjährigen Noam einzig eine Sorge haben: dass er vom vielen iPhone-Spielen kirre wird. Doch die langen und kräftezehrenden Jahre, in denen sie stets in der Sorge lebte, "dass sie mir Noam wegnehmen", haben Spuren hinterlassen. Sie will noch immer nicht, dass der Junge frontal fotografiert wird – aus Angst, sein Vater könnte ihn ihr vielleicht doch noch entreißen.

Noams Vater, Isabelle Neulingers Ex-Mann, heißt Shai S. und lebt in Israel. Er war einmal ihre große Liebe, und das Land, aus dem er stammt, der Ort ihrer Träume.

Doch dann ging alles schrecklich schief, Kulturen prallten aufeinander, Lebensentwürfe, auch Egos. Aus Liebe wurde Hass, und die junge Frau fühlte sich zum Äußersten genötigt: ihren eigenen Sohn zu kidnappen und zu fliehen, zurück in das Land ihrer Eltern. Aber auch dort, in der Schweiz, war der Albtraum noch lange nicht vorbei. Denn Isabelle Neulinger war nun eine von Interpol gesuchte Kindesentführerin. Und es begann ein kräftezehrender, finanziell ruinöser Kampf um das Sorgerecht für Noam.

Die Auswanderung war ein Abenteuer

Dabei wähnt sie das Schlimmste bereits hinter sich, als sie 1999 nach Israel aufbricht. Damals ist Isabelle Neulinger Anfang 30, und ein Hirnschlag hat ihr den Mann und alle Lebensträume geraubt. Während eines Urlaubs in Eilat am Roten Meer trifft sie, wie sie erzählt, "von einem Moment auf den anderen", eine folgenschwere Entscheidung.

"Ich war auf einem Boot, über mir die Sonne am wolkenlosen Himmel, am Horizont die Grenzen von Israel, Jordanien, Saudi-Arabien, Ägypten. Da sagte ich zu mir: Das ist es. Hier will ich hin!" Nie hatte sie vorher groß über Israel nachgedacht, doch die junge, in der Schweiz lebende Jüdin mit weit verzweigten Wurzeln in ganz Europa – der Schriftsteller Stefan Zweig ist ein Großonkel – ist fest entschlossen. Und wandert aus.

Es ist ein Abenteuer. Doch vor allem geht es ihr darum, der Erinnerung in der Heimat zu entfliehen. Sie lernt Hebräisch, findet Freunde und einen gut bezahlten Job bei einem Hightechunternehmen, richtet sich in Tel Aviv ein und saugt in der, wie sie es empfindet, "offenen, warmherzigen, kunterbunten und der Zukunft zugewandten" Gesellschaft neues Leben ein. Die Wunden auf ihrer Seele vernarben. Sie glaubt sich am Ziel ihrer Träume, in ihrem Gelobten Land.

Der Nährboden für das spätere Unheil

Und dann tritt auch noch Shai in ihr Leben, ein junger Sportlehrer, gut aussehend, westlich, modern und "auf eine Weise innerlich und feinfühlig, wie ich es bei israelischen Männern bis dahin nicht kennengelernt hatte". Sie betont dies, weil sie in diesem Wesenszug im Nachhinein den Nährboden für ihr späteres Unheil zu erkennen glaubt.

Sie verliebt sich, und sie protestiert auch nicht, als er sie an einem jüdischen Feiertag in die Berge Galiläas lockt und dort ohne Vorankündigung zur Frau nimmt: "Ich dachte, es sei eine Verlobungszeremonie. In Wirklichkeit hatte Shai alles für eine jüdische Hochzeit arrangiert." So redet sie sich den Vorgang als "Akt eines großen Romantikers" schön; immerhin setzt sie eine nachgeholte, große Feier durch.

Isabelle Neulingers Schicksal beschäftigte Polizei und Gerichte, und da sie heute juristisch unwidersprochen darüber berichten kann, auch in ihrem eben erschienenen Buch "Meinen Sohn bekommt ihr nie", gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln. Es geht um Kontrolle, um Unterdrückung, um Gewalt, und natürlich geht es auch um den gemeinsamen Sohn Noam, der im Juni 2003 geboren wird. Ein Kind der Liebe noch, doch als er auf die Welt kommt, ist diese Liebe bereits reichlich erschüttert.

Kompromisse für einen radikalen Glauben

Alles beginnt damit, dass Shai, der bis dahin Rabbis als "schwarze Männer" verachtete, den Glauben entdeckt. Erst geht er nur regelmäßig in die Synagoge, dann drängt er auf die Einhaltung des Sabbats und aller jüdischen Feiertage. Isabelle folgt ihm, "weil ich ihn liebe, und das ist mir ein paar Kompromisse wert".

Später verlangt er, die strengen religiösen Vorschriften zur Familienreinheit zu respektieren, und auch darauf lässt sie sich ein. "Er sagte, ich solle zur Mikwe gehen, ins rituelle Bad, und ich war einverstanden. Er sagte, ich soll das Haus koscher halten und meinen Kopf bedecken, auch das tat ich, weil ich dachte, es würde unserer Beziehung helfen." Vor allem dachte sie, dass das alles nur eine Phase sei, ein spiritueller Trip, der vorübergehe.

Doch spätestens, als Noam auf der Welt ist, erkennt sie, dass es Shai ernst ist. So verwehrt er ihr den Wunsch, sie nach der Geburt auch nur anzufassen, tagelang, weil sie "unrein" sei. Shai will ihr auch das Stillen verbieten, weil er nicht weiß, ob die Muttermilch koscher ist.

Und eigentlich darf sie das Kind nicht berühren, ehe sie sich nicht jedes Mal rituell gewaschen hat. Fast gefährlich wird sein Verhalten, als Noam, der mit nur einer Niere geboren wurde, an einem Sabbat Fieber bekommt, und sie ihn nicht ins Krankenhaus fahren darf. Sie darf überhaupt nirgendwohin am Sabbat, außer in die Synagoge, sonst sperrt er sie ein, droht er.

Völlig seiner Gnade ausgeliefert

Immerhin geht sie schon bald wieder zur Arbeit, Shai kümmert sich tagsüber um das Kind – wie sich herausstellt nimmt er Noam mit in die Synagoge und auf Bekehrungs- und Bittstellergänge im Namen der Chabad-Lubawitsch-Gemeinschaft, der er anhängt, einer auch in Israel umstrittenen ultraorthodoxen Bewegung.

Weil Shai morgens immer später vom Gebet zurückkehrt, um ihr das Kind abzunehmen, gehen ihr langsam die Ausreden für ihr Zuspätkommen aus, und sie droht ihren Job zu verlieren. "Gott wird uns helfen", kommentiert er das Problem ungerührt. "Später wurde mir klar, dass er das wollte", sagt sie – "denn als Immigrantin ohne Job wäre ich komplett seiner Gnade ausgeliefert".

Eines Morgens lässt er wie immer auf sich warten, und sie steht wie immer mit dem Kind am Arm in grauem Business-Rock und ärmelloser weißer Bluse vor dem Haus – "da schaute er mich an, dass mich fror, und sagte: ,Du glaubst doch nicht, dass du wie eine Prostituierte draußen rumläufst mit meinem Sohn!'" Sie dreht sich um, geht ins Haus, zieht sich um, "wie ein Roboter", erinnert sie sich. Aber von dem Moment an, weiß sie, dass sie den Mann verlassen muss.

Morddrohungen und aufgeschlitzte Autoreifen

Isabelle Neulinger reicht die Scheidung ein und tut auf Anraten ihres Anwalts das, was sie heute als "größten Fehler ihres Lebens" bezeichnet: Sie verhängt ein Ausreiseverbot gegen Noam bis zu dessen 18. Lebensjahr.

Sie sagt: "Ich hatte Angst, dass er mir den Jungen wegnimmt und in ein Chabad-Zentrum nach Brooklyn verfrachtet." So kriegt sie zwar die Scheidung durch und das Sorgerecht für Noam, doch Frieden bringt das nicht. Shai habe sich geweigert, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen und sie mit wüsten Drohungen terrorisiert, dass sie alles verlieren würde, das Kind eingeschlossen, erzählt sie.

Daraufhin schaltet sie das Sozialamt ein, das Shai schriftlich zum Verlassen von Frau und Kind auffordert – danach seien morgens ihre Autoreifen aufgeschlitzt gewesen, und abends habe er mit Fäusten und Füßen ihre Tür traktiert und geschrien: "Ich werde dich umbringen."

Sie muss weg, sie muss raus, und der Junge, israelischer Staatsbürger und mit einem Ausreiseverbot belegt, das nur mit Shais Zustimmung ausgesetzt werden kann, muss mit. Sie heuert für 30.000 Dollar einen Schleuser an, der sie und den Jungen über die ägyptische Grenze schmuggeln soll.

Die Flucht in einer klaren Nacht

Es ist eine klare Nacht im Juni 2005, als sie ihr Land, und alles, was sie sich darin aufgebaut hat, hinter sich lässt. Getarnt als Tauchurlauberin passiert sie die Grenze bei Taba; ihre Nase blutet vor Aufregung, und im Rückspiegel erkennt sie, dass aus der Reisetasche, in der das Kind schläft, eine Hand und ein Fuß herausschauen. Ihr drohen 15 bis 20 Jahre Haft, wenn sie erwischt wird. Aber sie wird nicht erwischt.

Fast ein Jahr später spürt Interpol sie in Lausanne auf – sechs Wochen fehlen, und Noams Rückführung hätte gemäß dem Haager Übereinkommen zu Kindesentführungen abgelehnt werden können, da sich ein Kind nach einem Jahr in die neue Umgebung eingelebt habe. Es beginnt der Schlussakt des Dramas. Shai reicht Klage ein.

Aber Isabelle Neulinger weigert sich, den Jungen zurückzugeben, das Lausanner Bezirksgericht und später das Kantonsgericht geben ihr recht. So landet der Fall beim Schweizer Bundesgericht. Dort werden 2007 alle bisherigen Urteile kassiert: Noam muss sofort zu seinem Vater zurück.

Endlich eine Entscheidung zum Wohl des Kindes

Isabelle Neulinger ist durch die Prozesse hoch verschuldet und am Ende ihrer Kräfte. Zumal sie dem Jungen, der von all dem nichts mitbekommt, eine liebende Mutter sein will, gleichzeitig aber schon das Loslassen üben muss. In ihrer Verzweiflung besorgt sie falsche Pässe, um mit Noam notfalls in Südamerika unterzutauchen.

Doch sie will noch einen Versuch starten – sie ruft den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg an. Ohne Erfolg. Die kleine Kammer des Gerichts stimmt gegen sie.

Alles aus, Endstation, denkt sie. Denn es gibt zwar noch die große Kammer, die wird aber sehr selten und nur bei schwerwiegenden Fragen zur Europäischen Menschenrechtskonvention angerufen. Aber was hat sie zu verlieren? Sie wagt es. Und gewinnt. Am 6. Juli 2010 entscheidet das Gericht im "übergeordneten Wohl des Kindes". Noam darf bei seiner Mutter bleiben.

Noam. Isabelle Neulinger schaut wieder über die Schulter, und natürlich ist er noch da. Er sei ein guter Junge, sagt sie, er gehe auf die jüdische Schule in Lausanne, und gleich muss er zum Fußballtraining.

Bald ist er zehn, und sie wird ihn nicht länger auf Schritt und Tritt begleiten können. Eigentlich glaubt sie nicht, dass sein Vater noch etwas von ihm wissen will; in all den Jahren hat er ihm nie geschrieben, sich nie erkundigt. Und wenn Shai doch in Lausanne auftaucht – vielleicht wäre er dann ja sogar stolz auf Noam. Der Gedanke gefällt ihr.

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