01.02.13

Winnenden-Prozess

Die zweite Schuld des Jörg K. am Amoklauf

Der 54-jähige Vater des Amokläufers von Winnenden erhält im Revisionsprozess eine Bewährungsstrafe. Nach Ansicht des Gerichts ignorierte Jörg K. das alarmierende Waffeninteresse seines Sohnes.

Von Miriam Hollstein
Foto: dapd

Gedenken an die Opfer: Kerzen und Blumen stehen an der Albertville-Realschule in Winnenden
Gedenken an die Opfer: Kerzen und Blumen stehen an der Albertville-Realschule in Winnenden

Wer Jörg K. beim zweiten Winnenden-Prozess beobachtete, erlebte einen anderen Mann als vor zwei Jahren. Damals, im ersten Prozess, saß K. stoisch und schweigend im Gerichtssaal, von seinen beiden Anwälten wie von Bodyguards umrahmt. Zwischendurch fehlte er. Krankheitsbedingt, wie es hieß. Diesmal sah man ihn gelegentlich mit seinen Verteidigern sprechen, manchmal lächelte er auch.

Vor allem aber brach er sein Schweigen. In einer persönlichen Erklärung brachte er unter Tränen sein Mitgefühl für die Angehörigen zum Ausdruck. Für den eher wortkargen Unternehmer dürfte dies ein größerer Schritt gewesen sein, als man zunächst vermuten könnte.

Am Freitag ist Jörg K., der vor wenigen Tagen 54 Jahre alt geworden ist, zum zweiten Mal verurteilt worden. Im Revisionsprozess beim Stuttgarter Landgericht erhielt er wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen eine Strafe von einem Jahr und sechs Monaten. Sie wurde zur Bewährung ausgesetzt. Damit lag das Strafmaß leicht unter dem der ersten Verurteilung. Damals war Jörg K. zu einem Jahr und neun Monaten verurteilt worden. Die Verteidigung hatte wie schon im ersten Prozess Straffreiheit gefordert.

Auffälliges Interesse an Waffen und Munition

Am 11. März 2009 hatte Ks. 17 Jahre alter Sohn Tim bei einem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen mit der Waffe des Vaters 15 Menschen und am Ende sich selbst getötet.

Dass der Unternehmer keine höhere Strafe fürchten musste, war bereits vor Prozessbeginn klar. Da nur die Verteidigung, nicht aber die Staatsanwaltschaft in Revision gegangen war, durfte das Strafmaß nicht höher ausfallen. Wie bereits im ersten Verfahren, so sahen aber auch diesmal die Stuttgarter Richter Ks. Mitschuld am Amoklauf seines Sohnes als erwiesen an. "Es wäre nicht zum Amoklauf gekommen, wenn der Angeklagte die Waffe ordnungsgemäß verschlossen hätte", sagte der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski in der Urteilsbegründung.

Damit folgte das Gericht nicht der These der Verteidigung, Tim K. hätte sich auch ohne die Fahrlässigkeit des Vaters Zugang zum Tresor verschaffen können. Jörg K. hatte die Beretta im Kleiderschrank in seinem Schlafzimmer aufbewahrt. Nach Ansicht der Stuttgarter Kammer muss für ihn auch erkennbar gewesen sei, dass sein Sohn psychisch schwer krank war. Tim habe in den Monaten vor der Tat ein auffälliges Interesse an Waffen und Munition gezeigt. So habe er versucht, als angebliches Geburtstagsgeschenk für den Vater 1000 Schuss Munition zu erwerben. Spätestens da hätte der Vater hellhörig werden müssen, so Polachowski.

Eltern unternahmen nichts

Es war der Junge selbst gewesen, der Anfang 2008 seiner Mutter erzählt hatte, er glaube, dass er unter einer bipolaren Störung leide. Die Eltern hatten ihn daraufhin in die psychiatrische Klinik in Weinsberg geschickt. Obwohl die Therapeuten nach fünf Behandlungsterminen eine weitere psychologische Betreuung empfahlen, unternahmen die Eltern nichts. Stattdessen nahm der Sportschütze Jörg K. seinen Sohn zum Schützenverein mit und ließ ihn das Schießen üben.

Der neue Prozess war notwendig geworden, nachdem der Bundesgerichtshof einer Revisionsklage der Verteidigung statt gegeben hatte. Die Karlsruher Richter bemängelten, dass in der ersten Hauptverhandlung eine Schlüsselzeugin zu Unrecht ein Zeugnisverweigerungsrecht erhalten hatte. Dadurch habe die Verteidigung sie nicht befragen können.

Es geht um die Mediatorin Astrid L., die zum Zeit des Amoklaufs von Winnenden als Kriseninterventionshelferin arbeitete. Am Tag des Anschlags war sie von der Polizei gebeten worden, sich um die Familie des Attentäters zu kümmern. Weil sich zwischen ihr und den Eltern von Tim K. ein Vertrauensverhältnis entwickelte, arbeitete sie auch nach ihrem offiziellen Auftrag auf Honorarbasis mit der Familie weiter.

Sein Reden blieb ein Schweigen

In der ersten Hauptverhandlung hatte sie zunächst angegeben, Jörg K. habe ihr bereits kurz nach dem Amoklauf berichtet, von den Tötungsfantasien seines Sohnes gewusst zu haben. Bei der zweiten Vernehmung behauptete L. dann plötzlich, sie habe erst später durch ein Gutachten von Tims Tötungsfantasien erfahren. Später widerrief sie diese Aussage.

Diesmal machte Astrid L. Erinnerungslücken geltend. Sie wisse nicht mehr, ob ihr der Vater von den Fantasien seines Sohnes erzählt habe. Durch die "intensive psychische Belastung" bei ihrer Vernehmung im ersten Prozess habe sie posttraumatische Belastungsstörungen davon getragen. Als Beleg legte sie ein Attest vor.

Bei der Urteilsverkündung kritisierte Richter Polachowski scharf den Verteidiger Hubert Gorka. Dieser hatte beim Umgang mit Jörg K. von "Menschenrechtsverletzungen" gesprochen. Aber auch der Angeklagte musste sich Kritik anhören, weil er sich erneut nicht zur Sache selbst geäußert hatte. So blieb sein Reden am Ende doch ein Schweigen. Vertreter der Nebenklage zeigten sich mit dem Urteil dennoch zufrieden: Das Gericht habe keine Zweifel an der Mitverantwortung des Vaters gelassen.

Vater will Schadenersatz von Klinik

Auf Jörg K. kommen nun Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe zu. Nach Schätzungen des Rechtsanwalts Jens Rabe summieren sich allein die Forderungen der Stadt Winnenden auf rund 9,4 Millionen Euro. Die Stadt hat die Albertville-Realschule nach der Tat wiederherrichten und umbauen lassen – auch um die dramatischen Bilder möglichst vergessen zu machen. Rabe vertritt die Stadt und 35 Einzelkläger. Dazu gehören Angehörige der Todesopfer vom 11. März 2009, aber auch Verletzte.

Verhandlungen über außergerichtliche Einigungen mit der Haftpflichtversicherung des Vaters laufen. Eine Sprecherin der Allianz in München sagte: "Wir haben gegenüber den Betroffenen nach Abschluss des ersten Strafverfahrens im Jahr 2011 die Haftung anerkannt."

Auch Jörg K. streitet zivilgerichtlich, und zwar mit dem Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg. Er will erreichen, dass die Klinik bis zu 8,8 Millionen Euro an möglichen Schadenersatzforderungen übernimmt, weil sie ihn nicht von der Gefahr berichtet habe, die von seinem Sohn ausging. Sein Klageentwurf liegt der Psychiatrie mittlerweile vor.

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