01.02.13

Hochhaus "The Shard"

64.000 Meter Sicht – aber nur bei Sonne in London

5000 Besucher drängten sich gleich am ersten Tag durch Londons neue Touristenattraktion, den Wolkenkratzer "The Shard". Sie erlebten Bürgermeister Boris Johnson in Hochform – und einen Heiratsantrag.

Von Thomas Kielinger
Foto: Getty Images

Kilometerweit blicken Urlauber in London von einem Wolkenkratzer aus über die Dächer der Stadt.

13 Bilder

Für ein PR-Genie wie den Londoner Bürgermeister Boris Johnson ist es ein Anlass wie geschaffen. Die Rede ist von der Eröffnung der Aussichtsplattform des Londoner The Shard, mit seinen 309 Metern das höchste Gebäude Westeuropas. Am Morgen des 1. Februar 2013 ist es so weit: Um 9.15 erscheint Johnson im 72. Stock, der "Viewing Platform".

Mit bekannt wirrer Blondschopf-Frisur tritt er an das breite, feuerrote Band, die metallene Riesenschere in der Hand, die Augen auf die Medien-Meute und ihre Blitzlichter gerichtet, neben sich Renzo Piano, der Architekt, sowie Irvine Sellar, der Bauherr.

Die Szene wird wiederholt, unzählige Male, nur zum Schein, denn das Stück Stoff ist offenbar viel zu kostbar, um tatsächlich durchtrennt zu werden – was die Chance zur Wiederholung der Zeremonie auch entscheidend schmälern würde.

Anschließend stürzt sich Boris, wie ihn London nennt, in Interview nach Interview. Um 10.30 Uhr ist er immer noch da, eingekeilt von hungrigen Journalisten, die er mit seiner worttrunkenen Art bedient. Das Faktotum seiner Stadt, Figaro hier, Figaro dort, wer will noch ein Stück Zeitgeschichte namens Boris?

64.000 Meter Sichtweite – manchmal

Wir stehen inzwischen nicht mehr auf dem 72. Stockwerk, dem mit 244 Metern höchsten Aussichtspunkt, sondern vier Stockwerke darunter, wo das Panorama der Stadt in zehn Teleskopen nachgestellt werden kann, mit jeder Tages- und Nachtzeit im Video-Angebot. Die Organisatoren nennen ihre Linsen wortspielerisch "Tell: scopes" – die vielsagenden Rundum-Anblicke. Das hilft an diesem trüben, regnerischen Morgen, wo die Sicht nicht über die 64-Kilometer-Distanz, wie bei klarem Wetter versprochen, reicht, sondern höchstens zu einem Drittel dieser Strecke.

Aber die reicht, das Auge zu fesseln an das Relief dieses Molochs von einer Stadt, mit ihren zusammen gewürfelten Strukturen, die Moderne neben dem Alten, die City neben dem Tower of London, und mitten drin Christopher Wren's St. Paul's Cathedral, man findet sie erst gar nicht, so leicht verschwindet sie im steinernen Meer ringsum.

Boris hat die passende Worte: "Ihr fühlt euch hier wie im Flugzeug, London aus der Luft, nur mit dem Unterschied einer stabilen Plattform. Bei klaren Tagen", so frotzelt er, "kann man bis nach Paris schauen und David Beckham bei seinem neuen Fußballclub (Paris St. Germain) zusehen. Dies wird einer der ersten Attraktionen Londons werden, ich bin sicher."

Woraufhin ich ihn ködere mit dem Hinweis: "Besonders für Bulgaren und Rumänen!" – was den Bürgermeister für eine Sekunde schwanken lässt, hat doch auch er seine Bedenken erhoben gegen den neuen ungeregelten Zustrom aus Osteuropa, der ab Dezember 2013 freie Einreise hat auf die Insel. Hier preist man den Dernier Cri von Londons Attraktionen an – in Sofia und Bukarest wirbt man mit allen Mitteln dagegen, den Weg nach England überhaupt anzutreten. Verrücktes, attraktives England.

"Ein Kuss, ein Kuss!"

Während Boris noch munter drauflos wirbt, hat sich ein freies Plätzchen ergeben, auf dem plötzlich ein junger Mann vor seiner Freundin in die Knie geht und – ja, doch, es stimmt: Er macht ihr einen Heiratsantrag, am Eröffnungstag des Shard! Die ersten Besucher sind inzwischen angekommen und schauen gebannt zu bei dieser Welturaufführung. James Episcopou heißt der schneidige 22-Jährige aus Essex; Laura Taylor, seine gleichaltrige Freundin, ist von Tränen überwältigt.

"Ein Kuss, ein Kuss!", rufen die gierigen Fotografen, und schon geht das Blitz-Unwetter auf die beiden Glücklichen nieder, die der Eröffnung des Shard mit seiner Aussichtsplattform eine unerwartete romantische Note spenden. Die PR-Agentur, die das Ganze vermarktet, kann ihr Glück gar nicht fassen.

Für diesen Tag haben sich bereits an die 5000 Besucher per Online ihren Zutritt reservieren lassen, 25 Pfund für Erwachsene, 19 Pfund für Kinder beträgt der Eintritt. Anstehen empfiehlt sich nicht, es ist gar nicht so viel Fußgängerplatz vorhanden nahe dem Eingang zur "Viewing Platform" am Bahnhof London Bridge.

Überhaupt ragt aus den vielen Rekorden, die der Shard erzielt hat, vor allem dieser heraus: Seine insgesamt 30 Morgen Fläche stehen auf einem Grundstück von nicht mehr als einem Morgen Größe!

Und das Ganze errichtet über Teile des drittgrößten Bahnhofs Englands, der London Bridge Station. Eine technisch einmalige Leistung. Zwei Milliarden Pfund Investitionen werden aus dieser einst vernachlässigten Gegend Londons einen neuen Magneten machen, wofür allein schon die eine Million Shard-Besucher sorgen werden, mit denen man jährlich rechnet.

72. Stockwerke mit Pulsmessgerät

Leute, denen leicht schwindelig wird, müssen in der luftigen Höhe der "Scherbe" keine Angst haben. Obwohl der höchste für Publikum erreichbare Punkt, das 72. Stockwerk, teilweise von oben her offen ist für Wind und Wetter, sperren hohe Glaswände die Menschen vom Abgrund an. Niemand kann sich, wie auf der Golden Gate Bridge in San Francisco, freiwillig ins Unheil stürzen – die Knie werden nicht einmal weich.

Der "Daily Telegraph" hatte Anfang Januar einen Mitarbeiter hoch geschickt mit einem Herz-Rhythmus-Gerät zur Überprüfung seines Pulsschlages. Ergebnis: Null – Null Differenz zwischen dem Puls auf ebener Erde und dem in 244 Metern Höhe.

Der Shard garantiert eben alles: Weite Sicht, märchenhafte Ausblicke, Fluggefühl im stationären Zustand – und ein schwindelfreies Erlebnis. "Da unten könnt ihr mein Büro sehen", lacht Boris Johnson, und weist auf die modernistische "City Hall" hin, das Bürgermeisteramt schräg gegenüber der Tower Bridge.

Er denkt bestimmt an etwas anderes – die Downing Street Number Ten, Sitz des britischen Premierministers. Aber die kann man vom Shard aus nicht sehen, sie ist zu klein dafür, aber groß genug für die Ambitionen dieses Mannes, den der Shard zum Tanzen bringt.

Foto: picture alliance / Photoshot

„The Shard“ ist Renzo Pianos jüngstes Werk: Das Londoner Gebäude ist 309 Meter hoch und zur Eröffnungsfeier gab es eine Lasershow.

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