01.02.13

Kinder-Sicherheit

EU lockert Grenzwerte für Giftstoffe in Spielzeug

Hunderte Spielzeuge werden jedes Jahr verboten: wegen giftiger Chemikalien, scharfer Kanten oder Kleinteilen. Paradoxerweise lockert Brüssel die Spielzeugrichtlinie und lässt auch mehr Schadstoffe zu.

Foto: Getty Images

Spielzeugsicherheit wird in einem Labor geprüft
Was hält dieses Spielzeug aus? Spielzeugsicherheit wird in einem Labor geprüft

Die Antwort ist überall gleich, allein die Wortwahl unterscheidet sich ein wenig. "Die Sicherheit unserer Spielzeuge ist das Allerwichtigste", heißt es zum Beispiel beim fränkischen Hersteller Simba Dickie. Lego erklärt das Thema Sicherheit für "nicht verhandelbar".

Und der Stofftierproduzent Steiff wirbt sogar mit einem Reinheitsgebot, das Schadstoffprüfungen weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus garantiert. Der Spruch "Für Kinder ist nur das Beste gut genug" solle schließlich keine leere Versprechung sein, sondern ein gelebtes Credo.

Doch allen Beteuerungen zum Trotz: Was an Puppen, Bauklötzen und Plastikware in die deutschen Kinderzimmer gelangt, hat mitunter das Potenzial zur Aufnahme in eine Gefahrgutliste.

Giftige Chemikalien, scharfe Kanten, zu hohe Lautstärken und Kleinteile, die sich lösen können – das europäische Schnellwarnsystem Rapex meldete für 2011 alleine 324 gefährliche Spielzeuge, die zurückgerufen oder vom Markt genommen werden mussten. Mehr Fälle gab es lediglich in der Mode- und Textilindustrie.

Plötzlich darf mehr Blei in Spielzeug sein

Laut Stiftung Warentest ist alleine jedes sechste Spielzeug für Kinder zwischen drei und sechs Jahren mangelhaft. Dennoch lockert die EU zur Jahresmitte ihre Spielzeugrichtlinie. Ab dem 20. Juli gelten höhere Grenzwerte für einzelne Schadstoffe in Kinderspielzeug, darunter für Schwermetalle wie Arsen, Blei oder Quecksilber.

Gab es 2011 noch eine Verschärfung der allgemeinen Sicherheitsvorgaben, folgen nun im Bereich der Schadstoffe einige Zugeständnisse. Damit habe sich die Lobby durchgesetzt, kritisieren Politiker der Grünen. Nach der neuen Richtlinie dürfen bis zu 160 Milligramm Blei pro Kilogramm Spielzeug freigesetzt werden statt wie bislang 90.

Und für das krebserregende Benzoapyren sieht die neue Vorschrift einen Grenzwert von 100 Milligramm pro Kilogramm Spielzeug vor. Das ist hundert Mal mehr, als beispielsweise im Weichmacher-Öl für die Herstellung von Autoreifen sein darf.

"Selbst minimalste Mengen davon können schädlich sein – besonders bei Kindern", warnt Bärbel Vieth, Chemikerin beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die EU-Spielzeugrichtlinie sei daher in wichtigen Punkten noch nachbesserungsbedürftig.

Industrie soll Selbstverpflichtung abgeben

Die Bundesregierung hat reagiert und im Mai 2012 beim Europäischen Gerichtshof Klage gegen die neuen Vorgaben aus Brüssel eingereicht. Ziel ist es, dass in Deutschland weiterhin die derzeit noch strengeren Regeln gelten.

Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen geht allerdings hervor, dass mit einem Urteil in erster Instanz erst im Frühjahr 2014 zu rechnen ist. Dann wären die laxeren Grenzwerte bereits in Kraft und Spielzeug mit höheren Schadstoffmengen könnte auf den deutschen Markt kommen. Politiker fordern die Industrie daher auf, per Selbstverpflichtung weniger Schadstoffe einzusetzen.

Und die Chancen stehen gut. Zumindest bei den namhaften Herstellern. "Wir übererfüllen die Normen. Und das werden wir auch weiterhin tun", heißt es zum Beispiel bei Playmobil am Rande der Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg.

Namhafte Hersteller lassen sich Sicherheit kosten

Das Familienunternehmen aus dem fränkischen Zirndorf gibt jedes Jahr einen hohen sechsstelligen Betrag für Sicherheitsprüfungen aus. Getestet werden dabei nicht nur die fertigen Produkte, auch die Ausgangsmaterialien für die kleinen Plastikfiguren wie zum Beispiel Farbe und Granulat durchlaufen Kontrollen bei der Landesgewerbeanstalt Bayern (LGA).

Die Nürnberger Tochtergesellschaft des TÜV Rheinland ist auf die Überprüfung von Spielwaren spezialisiert und weltweit das größte Labor seiner Art. Bevor Plüschtiere, Actionfiguren und Schaukelpferde dort für unbedenklich erklärt werden, müssen sie eine regelrechte Tortur über sich ergehen lassen. Die chemischen Untersuchungen sind dabei das eine. Darüber hinaus wird auch geschlagen, verbrannt und zertrümmert.

Und nicht jedes Spielzeug besteht die rabiaten Tests. In großen Plastikkisten sammeln die TÜV-Prüfer die Negativbeispiele, darunter Mini-Kuchenbackformen mit messerscharfen Kanten, Rasseln, deren Hülle abfällt und nadelspitze Metallstifte preisgibt oder Spieluhren, mit deren langer Schnur sich Säuglinge strangulieren könnten.

Die Sicherheits-Inspektoren erkennen dabei immer wieder einen Zusammenhang zwischen Qualität und Preis. Denn Sicherheitstests kosten. "Ein Spielzeug für wenige Cent, da kann etwas nicht stimmen", sagt ein Sprecher des TÜV Rheinland. In Ein-Euro-Shops, Strandbuden und auf Jahrmärkten sei geschätzt jedes zweite Billigst-Spielzeug nicht marktfähig, warnt er.

Nicht alles aus China ist automatisch gefährlich

Produziert wird die Billigware zumeist in Fernost. Größtes Herstellerland ist dabei mit weitem Abstand China. Allein in Deutschland kommen zwei von drei verkauften Spielwaren aus der Volksrepublik. "Die Branche ist durch einen extrem großen Anteil an Importware geprägt. Daher muss man damit rechnen, dass bestimmte Grenzwerte nicht immer eingehalten werden", heißt es beim BfR.

Doch Pauschalurteile verbieten sich, sagen Experten. Zumal in China vor einigen Jahren etliche Spielzeugfabriken von der Regierung geschlossen wurden. Zuvor hatte es gleich mehrere Skandale gegeben. Unter anderem musste der US-Spielzeugriese Mattel im Jahr 2007 mehrere Produkte der Marken Fisher-Price und Polly Pocket zurückrufen, weil sich Kleinteile lösen konnten und die Blei-Belastung zu hoch war.

Doch es muss nicht alles schlecht sein, was aus China kommt. "Dort ist auch sehr gute Qualität zu haben", sagt Michael Sieber, der Geschäftsführer der Simba-Dickie-Gruppe, zu der unter anderem die Bobby-Car-Marke Big gehört. Dies sei nur eine Frage der Lieferantenauswahl, der Überwachung und am Ende auch des Preises.

Simba Dickie produziert nur in Deutschland

Es liegt allerdings auf der Hand, dass sich ein Branchenriese wie Simba Dickie – 2012 kletterte der Konzernumsatz um fast zehn Prozent auf 620 Millionen Euro – bei der Auswahl und Überwachung im fernen China leichter tut als ein Familienunternehmen wie Bruder mit zuletzt rund 60 Millionen Euro Umsatz.

Die Franken produzieren daher ausschließlich in Deutschland – und das ist für den geschäftsführenden Gesellschafter Paul Heinz Bruder ein gewichtiger Wettbewerbsvorteil, sowohl beim deutschen Fachhandel als auch im Exportgeschäft. "Heute wären viele froh, wenn sie wieder zurückkommen könnten", glaubt der Unternehmer.

Seine Firma ist Europas Marktführer für modellgetreues Spielzeug, also beispielsweise Traktoren, Baumaschinen und Lastwagen im Maßstab 1:16. Die Sicherheit stehe dabei an erster Stelle, versichert Bruder. Die gelockerten EU-Vorgaben will er ignorieren. "Das sind Freiheiten, die wir gar nicht haben wollen."

Auf das GS-Zeichen achten, nicht auf CE

Die Modellautos von Bruder, die locker zehn Euro mehr kosten als die chinesische Billig-Alternative, entsprechen daher dem GS-Standard. Die Abkürzung steht für "geprüfte Sicherheit" und garantiert dem Käufer anders als beim CE-Zeichen unabhängige Tests von zertifizierten Laboren.

Das Label CE dagegen sei nicht mehr als eine Selbsterklärung des Herstellers, warnen Verbraucherschützer. Welche Prüfkriterien dem zugrunde liegen, sei oft nur schwer nachvollziehbar. Sie raten Eltern und Großeltern, die mehr als die Hälfte aller Spielzeuge in Deutschland kaufen, zum kritischen Selbsttest.

Sie sollten Puppen und Plüschtiere wie auch Holz- und Plastikspielzeug vor dem Kauf untersuchen: Lösen sich Kleinteile ab? Riecht es auffällig? Oder lassen sich Lacke leicht abkratzen? Ist ein Produkt auffällig, sollte man sich an das Gewerbeamt wenden.

Bestätigt sich anschließend der Verdacht, kann die Behörde dafür sorgen, dass das gefährliche Spielzeug vom Markt genommen wird. Und das kann für etliche Anbieter existenzgefährdend sein.

"Kein Risiko" lautet daher die Maxime der Hoffmann Gruppe. Das Unternehmen aus Lotte bei Osnabrück hat auf der Spielwarenmesse Spielzeug für Kinderküchen vorgestellt, also kleine Mixer, Toaster und Kaffeemaschinen aus Plastik, jeweils mit dem Label "Bärenmarke".

Manche Firma setzt ausschließlich auf GS

Für die Milchmarke ist das eine Sonderaktion zum 100-jährigen Jubiläum. Ein Sicherheits-Skandal muss daher ausgeschlossen sein. "Wir haben einen Namen zu verlieren", sagt Fabian Gruber, der für die Hoffmann-Tochtergesellschaft The Toy Company in China arbeitet und die Produktion überwacht.

Von insgesamt 19 Mitarbeitern bei der Toy Company seien alleine drei für das Thema Sicherheit zuständig. "Absolute Sicherheit wird es wohl nie geben. Aber wir haben das Risiko höchstmöglich minimiert", versichert Gruber.

Dieses Versprechen gibt auch der Lüdenscheider Modellautohersteller Siku. Die Westfalen setzen auf hohe Standards wie das GS-Siegel, das vornehmlich auf Waren aus heimischer Produktion zu finden ist.

"Als Familienunternehmen kann ich kein Risiko eingehen", erklärt Britta Sieper, die den Betrieb in vierter Generation leitet. Sorgen macht sie sich nicht. Ihre kleine Tochter jedenfalls darf an Siku-Autos lutschen. "Ich weiß ja, was drin ist."

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