31.01.13

"The Impossible"

Vom traurigen Glück, einen Tsunami zu überleben

Mit den Mitteln des Horrorfilms erzählt Regisseur Juan Antonio Bayona von einer Familie, die im Dezember 2004 die Fluthölle in Thailand überlebt. Naomi Watts gilt als Oscar-Favoritin.

Von Anke Sterneborg
Quelle: Concorde
24.01.13 1:49 min.
Maria (Naomi Watts), Henry (Ewan McGregor) und ihre drei Söhne verbringen ihren Urlaub in Thailand. Doch dann reisst der Tsunami die Familie auseinander. Der Film basiert auf der Katastrophe von 2004.

Eine kleine Brise nur, ein Windhauch, der die blonden Haarsträhnen zart verweht, und doch spürt man sofort, dass der jungen Mutter, die im Bikini am Pool sitzt und ihrer Familie entspannt beim Spielen zuschaut, Gefahr droht. Es ist, als würde ein im Verborgenen lauerndes Monster dieser arglosen Frau in den Nacken atmen, bevor es mit unerbittlicher Grausamkeit zuschlägt.

Der Regisseur Juan Antonio Bayona spielt in "The Impossible" mit den Mitteln des Horrorfilms, die er schon in seinem Debüt, der nachhaltig beunruhigenden Geistergeschichte "Das Waisenhaus", erprobt hat. Doch die diffuse Bedrohung, die den idyllischen Urlaubsbildern innewohnt und sich in einem kaum wahrnehmbaren Röhren und Grollen ankündigt, rührt nicht von einer ruhelosen Totenseele, einem wilden Biest oder einem psychopathischen Killer, sondern von einer Katastrophe biblischen Ausmaßes.

Minuten später schlägt eine brachiale Wand aus Wasser im thailändischen Ferienressort auf und reißt Menschen, Autos, Bäume und Häuser mit sich, als wären sie aus Papier und Stroh. Rund 230.000 Leben hat der Tsunami gekostet, der am 26.Dezember 2004 über die südostasiatische Küste hereinbrach und mehrere Länder verwüstete.

Dieses Drehbuch schrieb das Leben vor

Statt die Auswirkungen des Unglücks, wie im Katastrophenfilm üblich, mit einer bunten Schar Betroffener durchzuspielen, verengt Bayona den Blick auf eine einzige Familie, deren fünf Mitglieder von den Wassermassen auseinandergespült werden. Dass es sich dabei um eine reiche, weiße Urlauberfamilie handelt und nicht um arme Einheimische, wurde dem Film angekreidet, ein Vorwurf, der nur bedingt greift, schließlich wird hier der konkrete Fall der spanischen Familie Belon nachempfunden, denen es gelungen ist, im Verwüstungschaos wohlbehalten wieder zusammenzufinden.

Hätte sich ein Drehbuchautor dieses Wunderszenario ausgedacht, müsste man an seinem gesunden Menschenverstand zweifeln, doch die irrsten Geschichten schreibt nach wie vor das Leben. Und damit sich niemand beschweren kann, trägt der Film diesen Widerspruch von vornherein offensiv im Titel: Ja, hier geschieht das Unmögliche!

Nach einer knappen Einführung bricht schnell die Hölle los, ein hektischer Warnruf kommt zu spät, schon wird Maria (Naomi Watts) von den Fluten mitgerissen. Nach dem spektakulären Aufprall der Wassermassen taucht Bayona in die schlammig aufgewühlte Brühe, in der zwischen strampelnden Beinen treibende Trümmerteile und Baumstämme zur heimtückischen Gefahr werden. In gedämpftem Licht und gedrosseltem Tempo versinnbildlichen die Albtraumbilder dieser Unterwasseraufnahmen zugleich auch die betäubte Schockwahrnehmung.

Mutter und Sohn im Kampf mit den Fluten

Als Maria ihren Ältesten Lucas (Tom Holland) in der Ferne erspäht, wird zum ersten Mal spürbar, wie Hoffnung und Angst übermenschliche Kräfte mobilisieren. Statt ein Potpourri von Schockmomenten zu sammeln, konzentriert sich Bayona ganz auf die Wahrnehmung dieser einen Familie, zunächst sogar nur auf Mutter und Sohn, die davon ausgehen müssen, den Rest ihrer Familie nie wiederzusehen, zunächst aber auch mit dringenderen Überlebensproblemen zu tun haben.

Allein irren sie durch die apokalyptisch verwüstete Landschaft, waten auf der Suche nach Hilfe durch trübes Wasser, klammern sich verzweifelt an Treibgut, klettern mit letzter Kraft auf einen Baum, während die Mutter aus klaffenden Fleischwunden blutet: Auch hier schimmert die Horrorsensibilität des Regisseurs auf.

Nachdem Clint Eastwood den Tsunami in "Hereafter" zum Auslöser für eine Geschichte über Nahtoderfahrungen machte, will Bayona zum wahrhaftigen Kern dieser existenziellen Erfahrung vordringen. Zwar hat er keine Kosten und Mühen gescheut, um die Naturkatastrophe mit voller Wucht realistisch und glaubwürdig auf der Leinwand zu entladen, und zwar nicht in illusionären Computerpixeln, sondern ganz real und greifbar in einem riesigen Wassertank in Spanien. Doch dann geht es schnell nicht mehr um das Ereignis, sondern um die Menschen, die es erleben.

Naomi Watts spiegelt Hoffnung und Panik

Hautnah bekommt man als Zuschauer die physischen und psychischen Konsequenzen zu spüren. Statt ein Special-Effekt-Gewitter zu veranstalten, in dem die Menschen nur Spielball der Apokalypse sind, spiegelt sich die Katastrophe ganz direkt und unmittelbar im Gefühlsleben der Helden, in all den widersprüchlichen Reaktionen von Panik und Hoffnung, Schutzlosigkeit und Stärke, Leid und Mitgefühl, die über die Züge von Naomi Watts huschen. Wie kaum eine andere Schauspielerin verbindet sie physische Anstrengungen mit enormer Seelentiefe und hat gute Chancen, für diesen Drahtseilakt am 24. Februar mit dem Oscar ausgezeichnet zu werden.

Aber auch der schauspielunerfahrene Tom Holland lässt als ihr Filmsohn immer wieder die mühsam gezügelte Panik aufflackern, während er um seiner schwer angeschlagenen Mutter willen um Fassung ringt.

Statt Kinosuperhelden zeigt Bayona reale Menschen, die in einer extremen Situation über sich hinauswachsen, und grandiose Schauspieler, die zum besten Spezialeffekt werden, in einem Katastrophenfilm, dessen 30 Millionen Dollar Produktionskosten im Vergleich mit Roland Emmerichs blutleeren und seelenlosen Destruktionsorgien ein Klacks sind.

Etwa nach der Halbzeit kommen Marias Mann Henry (Ewan McGregor) und die beiden kleineren Söhne wieder in den Fokus und mit ihnen auch die Erleichterung, dass alle Familienmitglieder am Leben sind, aber auch das Bangen, ob und in welchem Zustand sie sich in dem chaotisch überfüllten Krankenhaus-Notlazarett wiederfinden werden.

Während Bayona spürbar in seinem Element ist, wenn es darum geht, den physischen und psychischen Horror der Katastrophe zu entfalten, wirkt die Choreografie der knapp verpassten Begegnungen gegen Ende des Films eher unbeholfen, ein wenig so, als fehle der Realität die stringente Dramaturgie, die im Kino dann eben doch nötig ist.

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