29.01.13

Neues Album

Eine pikante Fantasie der Carla Bruni

"Jeder ist da, wo er kann" heißt es in einer Zeile im neuen Album von Carla Bruni. Die frühere Première Dame Frankreichs singt wieder und verarbeitet ihre politische Erfahrung – und Affären.

Foto: picture alliance / Photoshot
Carla Brunis neues Album „Little French Songs“ erscheint im April. Nicolas Sarkozy widmet sie mit „Mon Raymond“ einen eigenen Song
Carla Brunis neues Album "Little French Songs" erscheint im April. Nicolas Sarkozy widmet sie mit "Mon Raymond" einen eigenen Song

Carla Bruni-Sarkozy geht wieder ihrem erlernten Beruf nach. Acht Monate nach dem demokratisch erwirkten Auszug aus dem Élysée-Palast tritt die ehemalige Première Dame wieder als Sängerin in Erscheinung. Am Montag – passendes Geburtstagsgeschenk zum 58. Geburtstag ihres Gatten – veröffentlichte sie auf ihrer Internet-Seite ein Video mit einer Aufnahme aus ihrem neuen Album "Little French Songs", das im April erscheinen soll.

Das auf leichten Latino-Rhythmen daher kommende Liedchen, das von einer diskreten Jazz-Trompete sanft voran getrieben wird, trägt den Titel "Keith et Anita" und ist eine Hommage an den Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards und dessen ehemalige Lebensgefährtin, das italo-deutsche Modell Anita Pallenberg. Seit Montag ist es in Frankreich relativ schwierig geworden, dem eingängigen Song zu entgehen. Er dudelt aus fast allen Radiosendern.

Kenner der Pop-Historie werden in der Themenwahl des Chansons eine Carla-Bruni-typische kalkulierte Pikanterie erkennen. Das ehemalige Top-Modell hatte Anfang der Neunziger Jahre selbst eine Affäre mit Mick Jagger, der wiederum während der Dreharbeiten zu dem Film "Performance" Anfang der Siebziger eine Affäre mit Pallenberg gehabt haben soll.

Pallenberg wiederum war vor Richards – mit dem sie später drei Kinder hatte – mit einem anderen Rolling Stone, dem 1967 verstorbenen Brian Jones, zusammen und gilt bis heute als einflussreichste Muse der Band.

Ein Joint zur Erholung von harten Drogen

Carla Bruni fantasiert sich mit ihrem Song also munter in eine der sagenumwobenen Phasen der Rock-Geschichte, wenn ihr lyrisches Ich in dem Lied trällert: "Es war Sommer 1970 / ich war kaum geboren / doch ich lebte bei Keith und Anita." Sie singt von durchgemachten Nächten und davon, dass irgendjemand einen Joint rollt, den das wohl erzogenen Mädchen jedoch – "Non merci, je fume pas" – dankend ablehnt.

Joints wurden im Hause Richards-Pallenberg gelegentlich zur Erholung von den harten Drogen geraucht. Die Strophen des Liedes sind zudem reich an Anspielungen, die dazu einladen, sie auf prominente Zeitgenossen wie Dominique Strauss-Kahn zu beziehen ("im Sofitel" ... "hinter Gittern" – "Jeder ist da, wo er kann" / nur ich bin nicht da / ich bin bei Keith und Anita").

Andere Textzeilen verweisen auf Carla Brunis Vergangenheit im Élysée-Palast: "Im öffentlichen Raum" sei man "Lobreden" oder "Schlamm" ausgesetzt – doch sie sei ja zum Glück nicht da. Sondern bei Keith und Anita.

Bruni lästert über Kritiker

Die Verarbeitung eigener Erlebnisse mit der Presse scheint eines der wiederkehrenden Leitmotive der neuen Lieder zu sein, die Carla Bruni für ihr viertes Album geschrieben hat. Das berichtet jedenfalls die Illustrierte "VSD", deren Reporter es angeblich gelungen ist, eine Demo-Version von "Little French Songs" vorab zu hören.

Intensive Medienkritik enthält demnach vor allem das Lied "Les Diseurs" (frei übersetzt "Die Schwätzer"): "Sie reden wie andere spucken" ... "Sie lachen wie andere grinsen" ... "Eigentlich wären sie gern Sänger oder Propheten, Poeten oder Priester geworden", lästert Carla Bruni über ihre Kritiker.

Das Lied ist ebenso als Provokation angelegt wie der potenzielle Single-Hit "Mon Raymond", hinter dem man eine neckische Liebeserklärung an Nicolas Sarkozy vermuten darf. Das Stück bezieht seinen besonderen Reiz jedoch dadurch, dass man es ebenso als Hommage an den gescheiterten Trainer der französischen Fußballnationalmannschaft, Raymond Domenech lesen kann.

Sarkozy als Kanone und Atombombe?

Chansonhistorisch knüpft es an Édith Piafs "Enfin le printemps" an. Bei Piaf hieß der Kerl jedoch noch Jules, bei Carla Bruni heißt er nun Raymond und verfügt über "echte Werte", er "zögert nicht den Rubikon zu überqueren, ja, er ist sogar eine "Kanone", um genauer zu sein "eine Atombombe." Darüber hinaus sei er "komplex, sentimental und taktisch geschickt" und eindeutig der "Chef", der den "Laden am Laufen hält." Und obwohl er Krawatte trage, sei er eigentlich ein "Pirat".

Ob "Mon Raymond" nun der Themensong für eine eventuelle erneute Präsidentschaftskandidatur von Nicolas Sarkozy im Jahr 2017 werden wird, muss sich erst noch herausstellen.

Erste Twitter-Reaktionen auf das vorab veröffentlichte "Keith et Anita" sind jedenfalls eher gemischt. Sie reichen von groben Unverschämtheiten – "Musikpiraterie heißt einen Künstler killen. Hat jemand einen Link für die neue Platte von Carla Bruni?" – von einem Twitterer namens "Mowkett" bis zu verhaltener Zustimmung: "Ihr könnt mich steinigen, aber mir gefällt das Neue von Carla Bruni" von "remirresisstible".

Die unpassende PR für den Ehemann

Was die weitere künstlerische Entwicklung von Carla Bruni und ihre Erfolgschancen beim Publikum jedoch beeinträchtigen könnte, ist die Tatsache, dass Teile des Publikums geneigt sind, jeden ihrer Schritte als selbstvermarktenden Akt zu betrachten, der letztlich nur dem Ziel dient, die politischen Aussichten von Nicolas Sarkozy zu verbessern. So mokieren sich zahlreiche Kommentatoren im Netz darüber, dass die Sängerin ihr neues Lied am Geburtstag ihres Ehemannes veröffentlichte.

Andere beklagen, dass sie an eben diesem Tag, gemeinsam mit dem ehemaligen Präsidenten die gerade nach sieben Jahren Haft aus einem mexikanischen Gefängnis entlassene Französin Florence Cassez zum Mittagessen empfing: "Wenn Du ein Album herausbringst, lad einfach Florence Cassez zum Mittagessen ein, das ist gut für die PR", schimpft der Twitterer "Doug.Officiel".

Carla Bruni steht ein hartes Stück Arbeit bevor, wenn sie ihr früheres Publikum zurück erobern will. Ihr Debut-Album "Quelqu'un m'a dit", das 2002 herauskam, verkaufte sich über zwei Millionen Mal.

Sprachverwirrtes Lebenshilfeangebot

Das bald erscheinende "Little French Songs" enthält auch eine sehr persönliche Erinnerung an ihren Bruder Virginio, der 2006 an Aids starb, "Il m'appelait darling", sowie das bekenntnishafte "Je caresse le diable", in dem Bruni ihre Leidenschaft für "Vogue"-Zigaretten eingesteht.

Den Titel des Albums "Little French Songs" persifliert sie gleich selbst, wenn sie das französischste aller Chansons – Charles Trenets "Douce France" – auf Italienisch singt. Der Titelsong "Little French Songs" versteht sich auch als konkretes sprachverwirrtes Lebenshilfeangebot: "Quand on n'sait plus where to belong/Time for a little French song."

Carla Bruni scheint ihre Jahre im Élysée-Palast jedenfalls mit der ihr eigenen Mischung aus Selbstironie und Lust an der Selbst-Stilisierung verarbeitet zu haben. Im Herbst geht sie auf Tournee

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