29.01.13

Asiens Demografie

Galoppierende Maskulinisierung belastet die Welt

Noch immer gilt die Geburt von Mädchen in Asien als Unglück. Allein in China sind 70 Millionen Kinder abgetrieben worden, schreibt Mara Hvistendahl in ihrem Buch über das Verschwinden der Frauen.

Foto: Getty Images

Durch die Fähigkeit, schon vor der Geburt das Geschlecht festzustellen, treiben immer mehr indische Frauen ab, wenn sie erfahren, dass sie ein Mädchen gebären werden. Das Ergebnis: In Indien werden mehr und mehr Jungen geboren. Das Foto zeigt vor allem Jungen in einem indischen Dorf
Durch die Fähigkeit, schon vor der Geburt das Geschlecht festzustellen, treiben immer mehr indische Frauen ab, wenn sie erfahren, dass sie ein Mädchen gebären werden. Das Ergebnis: In Indien werden mehr und mehr Jungen geboren. Das Foto zeigt vor allem Jungen in einem indischen Dorf

Seitdem Geburtenzahlen aufgezeichnet werden, lässt sich feststellen, dass auf einhundert neugeborene Mädchen durchschnittlich etwa 105 neugeborene Jungen kommen. Der leichte männliche Überschuss wird dabei durch eine höhere Sterblichkeit, unter anderem durch riskantere Lebensweise, ausgeglichen. Der protestantische Pfarrer und Statistiker Johann Peter Süßmilch machte Mitte des 18. Jahrhundert noch einen weise vorausplanenden Schöpfer für die ausgeglichenen Geschlechterverteilung verantwortlich.

Charles Darwin dagegen vermutete einhundert Jahre später, die Evolution sorge für ein zahlenmäßiges Gleichgewicht von Männern und Frauen, um das Überleben der Spezies zu sichern. In den letzten Jahrzehnten allerdings registrieren Demografen vor allem in asiatischen Ländern eine zunehmende Asymmetrie.

Auf 100 Mädchen 170 Jungen

Indien verzeichnet ein Geschlechterverhältnis von 112, China von 121 zu 100. In manchen Provinzen kommen auf 100 Mädchen über 150 Jungen, in der nordchinesischen Stadt Tianmen sind es sogar 176. Längst handelt es sich nicht mehr um ein lokales Problem, stellen doch China und Indien zusammen immerhin rund ein Drittel der Weltbevölkerung. Zudem hat das Phänomen sich in den vergangenen Jahren auf Osteuropa ausgeweitet und inzwischen den Balkan erreicht.

Für geradezu fahrlässig hält Mara Hvistendahl den sorglosen Umgang der Vereinten Nationen mit dem Problem der "galoppierenden demografischen Maskulinisierung". Über der Verbesserung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frau in Entwicklungs- und Schwellenländern, schreibt die amerikanische Journalistin, habe man das demografische Problem aus den Augen verloren. Dabei zeichnen sich jetzt schon die negativen Folgen des Männerüberschusses ab.

Indiens Sehnsucht nach Jungen

Nicht nur Taiwan und China sehen sich mit einem regem Heiratshandel, Zwangsehen und sexueller Ausbeutung konfrontiert. Wo Frauen knapp sind und Männer zwangsläufig unverheiratet bleiben, das zeigen die Statistiken, steigen Gewaltbereitschaft und Kriminalität. In Indien, wo die Zahl der Sexualdelikte in den letzten Jahren rasant gewachsen ist, haben junge Frauen Angst, das Haus abends ohne Begleitung zu verlassen. Der jüngste Fall der Vergewaltigung und brutalen Ermordung einer Studentin, der weltweit für Empörung sorgte, ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.

Was aber sind die Ursachen der in Asien weitverbreiteten Vorliebe für Jungen? In der westlichen Welt hält sich zäh das Vorurteil, es handele sich um eine tief verwurzelte kulturelle Tradition. Gerade in armen, wirtschaftlich rückständigen Regionen bevorzugten die Menschen männlichen Nachwuchs, der den Unterhalt der Familie sichere. Das Bild von armen Dörflern, die ihre Töchter aussetzen oder töten, entspricht indes keineswegs der Realität, wie Mara Hvistendahl in ihrem Buch darlegt.

Brutale Abtreibungen

Tatsächlich sind es vor allem Angehörige der prosperierenden Mittelschicht und der gebildeten städtischen Oberschicht, die Geschlechterselektion praktizieren. Die in den Achtzigerjahren eingeführte moderne Ultraschalltechnik erlaubt eine Geschlechtsbestimmung des Ungeborenen. So kann unerwünschter weiblicher Nachwuchs vorzeitig erkannt und abgetrieben werden – unter stillschweigender Billigung von Familienangehörigen und medizinischem Personal.

"Weiblicher Fetizid", sagt ein Arzt aus Dehli im Gespräch mit der Autorin, habe dank technischer Neuerungen eine enorme Imageaufwertung erfahren, da ihm das Siegel wissenschaftlichen Fortschritts anhafte.

Pekings Geburtenkontrolle

Die moralische Belastung wälzten die Eltern auf den fachkundigen Arzt ab, der sich seinerseits auf die überwältigende Patientennachfrage berufe. Das seit 1994 bestehende Verbot fetaler Geschlechtsbestimmung umgingen sie, indem sie nebenbei eine Bemerkung über rosa auszustattende Kinderzimmer oder kleine Fußballer fallen ließen.

Kulturelle und religiöse Gründe für das Phänomen, das erst in den letzten dreißig Jahren aufgekommen ist und sich seither wie eine Epidemie ausbreitet, kann Hvistendahl nicht erkennen. Stattdessen weist die amerikanische Journalistin auf die Mitschuld westlicher Bevölkerungskontrollaktivisten, die seit den Sechzigerjahren mit großem Einsatz und finanzieller Unterstützung in Asien für kleinere Familien warben und eifrig Geburtenkontrolle propagierten.

Chinas brutale Bevölkerungspolitik

Der einflussreiche Bevölkerungswissenschaftler Paul Ehrlich empfahl in seinem 1968 erschienen Bestseller "The Population Bomb" vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung als Mittel, Eltern zu einem Sohn zu verhelfen. Könnte man es einrichten, dass Eltern in Asien von Anfang an mindestens einen Sohn sicher hätten, würden sie freiwillig weniger Kinder in die Welt setzten. Auch westliche Organisationen vertraten in Asien jahrzehntelang eine rigorose Bevölkerungspolitik und koppelten Entwicklungshilfe an Familienplanungsprojekte.

Ende der Siebzigerjahre unterstützte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) die Ein-Kind-Politik in China, wo Abtreibung – ob freiwillig oder unter Zwang – schon bald zur Hauptmethode der Geburtenkontrolle wurde. Allein zwischen 1981 und 1986 wurden in China rund 67 Millionen Abtreibungen vorgenommen. Propaganda und öffentliche Werbung für kostengünstige, problemlose Abtreibung trugen dazu bei, die Einstellung der Frauen zu verändern.

Farbfernseher ja – Kinder nein

Schwangerschaftsabbruch, einstmals aus religiösen Gründen verpönt, galt nun als "etwas ganz Natürliches, so wie Essen und Trinken" – so eine der befragten Frauen. Der sorglose Umgang asiatischer Regierungen und westlichen Organisationen mit Abtreibung im Namen der Bevölkerungskontrolle schuf erst die Voraussetzung dafür, dass die vorgeburtliche Geschlechtsselektion so populär geworden ist.

Befördert wird der demografische Trend durch den ökonomischen Wandel in vielen Regionen Asiens. Im einstmals armen, ländlichen Kreis Suining im Norden der chinesischen Provinz Jiangsu etwa, den Hvistendahl auf ihren Reisen durch Asien besucht, schießen Wohnsilos wie Pilze aus dem Boden. Die Menschen, denen sie begegnet, sind stolz auf ihre neu erworbenen Mikrowellen und Farbfernseher. Wirtschaftlicher Aufschwung, Urbanisierung und bessere Bildungschancen gehen mit sinkenden Geburtenraten einher.

Mädchen verschwinden

Da nun Geburten seltener werden, steigt in den Augen der Eltern ihre Wichtigkeit und damit die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen weiblichen Fötus abtreiben werden. Was nützt der materielle Wohlstand, wenn man keinen Sohn hat, dem man ihn vererben kann, zitiert die Verfasserin eine verbreite Auffassung. In Suining kamen laut Bevölkerungsstatistik im Jahr 2007 bei den Geburten auf je 100 Mädchen 152 Jungen. In einer Phase enormen wirtschaftlichen Aufschwungs sind Mädchen verschwunden.

Mara Hvistendahls Buch, das persönliche Erlebnisse und Eindrücke mit sorgfältiger Recherche verknüpft, hütet sich vor einseitigen Schuldzuweisungen. Es beleuchtet die verschiedenen Ursachen des Phänomens, die bis ins 19. Jahrhundert und die Zeit der britischen Kolonialherrschaft zurückreichen. Es öffnet den Blick auf ein globales Problem, das etwa im Vergleich zum Klimawandel wenig öffentliche Aufmerksamkeit genießt.

Gleichgewicht der Geschlechter

Inzwischen sehen sich die asiatischen Staatsregierungen zum Handeln gezwungen. Strafaktionen gegen Ärzte und Werbekampagnen wie das "Ein Herz für Mädchen"-Programm in China zeigen zwar Wirkung, doch ohne weltweiten Druck wird sich dauerhaft kaum etwas ändern.

Selbst nach den optimistischen Prognosen der Bevölkerungsentwicklung durch die Institutionen der Vereinten Nationen wird das Gleichgewicht der Geschlechter in der Welt erst im Jahre 2050 wiederhergestellt sein – vorausgesetzt, dass Paare bald wieder Jungen und Mädchen in ausgeglichener Zahl bekommen. Dazu freilich muss sich vor allem die Mentalität in China und Indien ändern.

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