29.01.13

Serienstart

Auch das neue "Dallas" lebt von seinen Intrigen

J.R. ist wieder da: "Dallas", die Kult-Serie der Achtziger, kehrt ins deutsche Fernsehen zurück. Und es gibt viel zu tun für die Ölbarone.

Von Holger Kreitling
Foto: picture alliance / Newscom

Der neue alte „Dallas“-Clan: Früher wurde Whisky getrunken. Jetzt stehen überall Sektflaschen herum
Der neue alte "Dallas"-Clan: Früher wurde Whisky getrunken. Jetzt stehen überall Sektflaschen herum

Lange schweigt der alte Mann. Die Kamera verharrt auf dem Gesicht, den geschlossenen Augen, der ausdruckslosen Miene. Wir dürfen in aller Ruhe seine beeindruckenden Augenbrauen bewundern, die mindestens so von Widerborstigkeit und Alterszorn künden wie bei Augenbrauen-Heroe Martin Walser.

Sein Bruder besucht ihn im Krankenhaus, vergebens. Er dringt nicht durch die Schleier der Depression. Der Alte sitzt in seinem Sessel und schweigt regungslos. Dann taucht sein Sohn auf. Klagt über den Onkel, ist zornig. Die Ranch soll verkauft werden, die gemeinsame Heimat. Da endlich regt sich der Mann. Und sagt den feinen Satz: "Bobby war schon immer ein Narr."

J.R. ist zurück. Es gibt viel zu tun. Schurken wir los. Auch das berühmte Lachen ist wieder da.

Die Rückkehr von J.R. Ewing wird in der ersten Folge von "Dallas" schön ausgekostet, dabei ist der Alte, gespielt wie eh und je von Larry Hagman, nur eine Nebenfigur. Auch Bobby Ewing (Patrick Duffy) taugt mehr als Grandseigneur denn als Held. Die Serie nimmt die alten Konflikte auf und führt sie der Einfachheit halber mit neuen Figuren auf. So hat jede Generation etwas davon.

Beide Kinder von einst sind wundersam Anfang dreißig

Auf der Southfork Ranch lässt John Ross Jr. (Josh Henderson) heimlich nach Öl bohren, er wird fündig. Ein gewaltiges Reservoir liegt direkt unter dem grünen Gras für die Rindviecher. Der wahre Luxus des Reichen aber ist Verzicht: Bobby Ewing untersagt jeglichen Ölabbau auf der Ranch. Miss Ellie selig hat es einst verboten, so sei es. Junior stiert dem Onkel ins Gesicht und sinnt auf Rache.

In der ersten "Dallas"-Serie lief J.R. junior als Kind durch die Szenerie. Einmal ging er mit dem Vater in den Klub der Ölbarone in der Stadt. Vater nahm Whisky, Junior bestellte das Gleiche und bekam von seinem grinsenden Vati Ginger Ale zugewiesen. Jetzt will der Junge von einst selber Millionen machen, im Frust leert er schon mal eine Halbliterflasche Whisky.

Sein Cousin Christopher, Adoptivsohn von Pamela und Bobby Ewing, war damals vorwiegend Kleinkind. Nun sind beide Kinder von einst wundersam Anfang dreißig, sehen aber viel jünger aus. Beide liegen im Clinch.

Christopher (Jesse Metcalfe) sucht nach alternativen Energien und hat dafür die Erlaubnis von Bobby. J.R. Jr. setzt auf Öl – und auf die Hilfe von Elena, die früher mit Christopher liiert war. Christopher wiederum heiratet in der ersten Folge Rebecca, bei der sich noch aufsehenerregenderweise herausstellen wird, wessen Kind sie ist.

Die Verwicklungen ließen sich endlos fortführen, denn auch das neue "Dallas" ist natürlich zuerst eine Seifenoper. Die Altvorderen erinnern sich mit wohligem Schauder, wie verzweigt die Familie Ewing einst war.

Zwischendurch tauchen jetzt die vom Alkohol losgekommene Sue Ellen, die dramatisch gealterte Lucy Ewing und andere Bekannte auf. Die Wiederkehr von Cliff Barnes ist für drei Folgen annonciert. Es ist bisher leider unklar, ob der schlussendliche Sieger über Ewing Oil immer noch auf chinesisches Essen aus Pappbechern steht.

Grüner ist "Dallas" auch visuell geworden

"Ich werde ihm den Kampf seines Lebens liefern", knurrt Bobby J.R. Jr. zu. Derartiges hat er Dutzende Male versprochen. Geliefert wurden und werden vorwiegend sorgenvolle Hundeblicke. Junior guckt, als hätte er ein Entschlossenheitsseminar bei Sly Stallone absolviert. Bubi-Bobby und Bubi-J.R. spielen die Konflikte wie Teenager, die nicht wissen, dass sie erwachsen sind.

Was für ein guter Schauspieler Larry Hagman war, lässt sich hier mühelos erkennen. Man muss daran erinnern, dass J.R. ursprünglich nur eine Nebenfigur in "Dallas" war, die sich auch dank des Zuschauerinteresses nach vorne schob und zum Fernsehstar schlechthin wurde. Einen ähnlichen Run hat nur Homer Simpson hingelegt, als er seinen Sohn Bart als Hauptfigur der "Simpsons" verdrängte.

Grüner ist "Dallas" auch visuell geworden. Ständig ist saftiger Rasen zu sehen, das war in den alten Folgen nicht der Fall. Bobbys Fürsorge für die Ranch lässt ihn zum Öko-Heiligen wachsen. (Zukünftige Konflikte sollten sich unbedingt dem Modethema Fracking widmen.)

Im Kern geht es um den immer gleichen Intrigantenstadl. Es gibt keinen Fortschritt ohne Verschwörung und Gefühlsausbrüche. "Dallas" war schon immer irreal, es fällt nun bloß stärker auf.

Anfang der Achtzigerjahre wirkten die Leichen der Superreichen in deren Kellern aufregend und neu. Man konnte den Kapitalismus mit "Dallas" lieben oder verabscheuen, beides war redlich. Die Krisenanalytiker fanden herrliches Material, andere schwärmten bloß für Pamela und einige sogar für die dralle Lucy.

"Dallas" definierte den Cliffhänger neu

"Dallas" konnte sich jeden Unsinn erlauben, sogar im Nachhinein die ganze neunte Staffel als Albtraum zu deuten, als Bobby Ewing nach seinem Tod plötzlich wieder unter der Dusche stand. Oder die Schauspielerin von Miss Ellie einfach für eine Saison auszutauschen, ohne jegliche Erklärung. Jeder liebte "Dallas", wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Für Deutschland mag man hinzufügen: Wir hatten ja nichts anderes.

Die berühmtesten Episoden waren die letzten der dritten Staffel im März 1980, als auf J.R. geschossen wurde, sowie die darauffolgende im November, "Who done it?", die das Rätsel löste. 83 Millionen Amerikaner sahen die Lösungs-Folge, das ist immer noch die zweithöchste Einschaltquote im US-TV. (Die Sehbeteiligung war höher als bei der Präsidentschaftswahl im November 1980.) Danach war der "Cliffhanger" als Hype auslösendes Stilmittel neu definiert.

Für jüngere Leser: Täterin war eine Geliebte von J.R. namens Kristen Shepard, die internationalen Wetten auf sie standen bei 4:1, bei Ehefrau Sue Ellen und bei Miss Ellie, seiner Mutter, auf jeweils 25:1. Um das Geheimnis zu bewahren, war von sechs oder sieben anderen Verdächtigen ebenfalls Täter-Material gedreht worden, inklusive Sue Ellen, Miss Ellie und J.R.s Vater Jock.

Weniger Quote als früher wird erwartet

Im deutschen Fernsehen schaffte die Serie Superquoten von bis zu 16 Millionen Zuschauern, die sich dienstags abends in der ARD versammelten, um ab Mittwoch über die neue Folge debattieren zu können. Bei RTL sind jetzt viel weniger zu erwarten.

In den USA hatte die ab Sommer 2012 ausgestrahlte Serie im Durchschnitt 4,5 Millionen Zuschauer, das gilt bei mehr als 310 Millionen Einwohnern als viel, auch wenn es nur halb so viele sind wie beim "Tatort". Zum Vergleich: Die fünfte Staffel der hochverehrten Serie "Mad Men" sahen in den USA im Durchschnitt um die drei Millionen Zuschauer.

"Dallas" orientiert sich nicht an den Möglichkeiten, die das Fernsehen mittlerweile hat. Weder die Charaktere noch die Inhalte sind mit den weltweit bewunderten amerikanischen Serien zu vergleichen. Der erzählerische Aufwand ist nicht gerade auf Ölbaron-Niveau.

"Dallas" ist wie früher auch wertkonservativ bis verstockt. Die alten Fans werden viele Stilmittel wiedererkennen, die neuen werden leicht erschrocken sein: Immer nur langweilige Großaufnahmen von bedeutsam schauenden Menschen, dann Schwarzblenden. Ist das altmodisch!

Herrliche Gerüchte um Serien-Ende von Larry Hagman

Larry Hagman selbst zog zuletzt eine Linie vom krisengeschüttelten Amerika der frühen Achtzigerjahre, in denen man die Millionäre so gerne leiden sehen sah, zum aktuellen Zustand seiner Heimat. Die Zeit sei wieder reif für "Dallas", meinte Hagman mit Blick auf die Krisenanfälligkeit und politische Zersplitterung der Vereinigten Staaten.

An diesem Montag hat in den USA die Ausstrahlung der zweiten Staffel begonnen, dieses Mal mit 15 statt mit zehn Folgen. Gelitten und auf die Lippen gebissen wird wie einst. Keine Comédie humaine, kein Sittenbild der Gegenwart. Mehr ein vergnügliches Ablenkungsmanöver. Man wird nicht schlauer mit dem neuen "Dallas". Dümmer aber auch nicht.

Im vergangenen November ist Larry Hagman im Alter von 81 Jahren gestorben. Um sein Serien-Ende ranken sich herrliche Gerüchte, sein Begräbnis soll am Ende der Staffel gezeigt werden. Damit ist der Ur-Schurke und Held der Serie unter der Erde. Kaum zu glauben, dass sich die Nachfolger ähnlich dauerhaft einprägen werden.

Früher wurde in "Dallas" ab Nachmittag von den Männern Whisky getrunken. Jetzt stehen überall Sektflaschen herum. Sogar J.R. stößt mit Champagner an. Schaumwein zur Begrüßung auf Southfork: Na, ja …

"Dallas", am heutigen Dienstag (29. Januar 2013), 22.15 Uhr bei RTL.

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