28.01.13

"Ehrenmord"-Prozess

Gab Arzus Vater seine Tochter zum Mord frei?

In Detmold hat der Prozess gegen den Vater von Arzu Ö. begonnen, die von ihrem Bruder ermordet wurde – wegen ihres Lebensstils. Fendi Ö. ist wegen Beihilfe und Anstiftung zum Mord angeklagt.

Von Tim Röhn
Foto: dapd

Fendi Ö. (M.) sitzt im Gerichtssaal zwischen seinem Anwalt Torsten Giesecke (r.) und einem Dolmetscher
Fendi Ö. (M.) sitzt im Gerichtssaal zwischen seinem Anwalt Torsten Giesecke (r.) und einem Dolmetscher

Regungslos sitzt Fendi Ö. auf der Anklagebank. Er mustert die Zeugen, immer wieder schließt er für ein paar Sekunden die Augen. Selbst reden will er nicht, nur sein Verteidiger verliest an diesem Morgen eine Erklärung. Dabei könnte der 53-Jährige viel dazu beitragen, die letzten Fragen eines grausamen Verbrechens zu klären. Aber er will nicht.

In den frühen Morgenstunden des 1. November 2011 tötete der 22-jährige Osman A. seine vier Jahre jüngere Schwester Arzu mit zwei Kopfschüssen. Zusammen mit vier Geschwistern hatte er die junge Frau zuvor aus der Wohnung ihres Freundes entführt. Die kurdische Familie wollte nicht akzeptieren, dass Arzu einen Deutschen liebte. Weil sie den Widerspruch ihrer Eltern und der Geschwister nicht akzeptierte, musste sie sterben. Ein sogenannter Ehrenmord.

Das Landgericht Detmold verurteilte den Todesschützen im Mai vergangenen Jahres zu lebenslanger Haft. Seine vier an der Tat direkt beteiligten Geschwister bekamen Haftstrafen zwischen fünf und zehn Jahren. Die Frage, die das Gericht in einem zweiten Prozess klären will, lautet: Welche Rolle spielte Fendi Ö., der Vater?

Ehre sollte wieder hergestellt werden

Ö. ist wegen Beihilfe und Anstiftung zum Mord sowie Körperverletzung angeklagt. Er soll den Befehl gegeben haben, Arzu zu töten – um die Ehre der Familie wiederherzustellen. Die war in den Augen der Familie zerstört worden, weil die junge Frau nicht nach den Prinzipien der Religionsgemeinschaft der Jesiden lebte. Zu diesen gehört unter anderem: Liebesbeziehungen dürfen nur mit anderen Jesiden eingegangen werden. Und die Familie hatte bereits einen Ehemann für sie Arzu ausgesucht.

"Arzu wurde aus der Familie ausgeschlossen, damit war das Thema erledigt", heißt es in der Erklärung von Ö., die sein Verteidiger Torsten Giesecke zu Beginn der Verhandlung verlas. Mit dem Mord an seiner Tochter habe er nichts zu tun. Aber ist das wirklich vorstellbar?

Schon im ersten Prozess hatten Zeugen erklärt, dass der Vater in einer jesidischen Familie das Familienoberhaupt ist. Dass er die Person ist, die die Entscheidungen trifft. Ö., der vor 28 Jahren nach Deutschland kam, aber kaum Deutsch spricht, hat zehn Kinder mit seiner Ehefrau. Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass er aufgrund seiner Rolle innerhalb der Familie und der zu erwartenden Haftstrafe nicht dafür in Frage kommen konnte, die Tat auszuüben.

Der erste Prozesstag lieferte nun schwerwiegende Indizien für seine Schuld. Da sind etwa die Protokolle über die Telefongespräche, die ein Polizeibeamter dem Gericht am Montag präsentierte. Aus diesen geht hervor, dass Ö.s Kinder in den Stunden vor der Tat mehrfach die Nummer eines im Haus der Familie befindlichen Telefons wählten und von diesem auch Anrufe empfingen.

Auch danach wählten die Kinder diese Nummer. Selbst die Verteidigung rechnet diese Nummer Fendi Ö. zu, Rechtsanwalt Giesecke sagte aber der "Welt": "Wir wissen nicht, was bei diesen Telefonaten besprochen wurde. Auf diesen Protokollen lässt sich keine Verurteilung begründen."

Fendi Ö. kontrollierte Tochter

Ist es vorstellbar, dass die Kinder ihren Vater in den letzten Lebensstunden von Arzu nicht über ihren perfiden Plan informierten? Und wenn ja: Warum machen die im Gefängnis sitzenden Kinder dann jetzt von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, anstatt für ihren Vater auszusagen?

Und, wie eine Menschenrechtlerin, die die Verhandlung verfolgt, sagt: Ist es nicht eine noch größere Verletzung der Ehre, wenn die Kinder gegen den Willen des Vaters eine Entscheidung fällen?

Fendi Ö. ist ein Kontrollfreak. Er durchsuchte das Zimmer von Arzu, als diese nicht Zuhause war. Er las ihre SMS-Nachrichten und zwang sie, ihm die Zugangsdaten zu ihren E-Mail-Konten auszuhändigen. Es waren noch die kleinsten Demütigungen: Als Arzu sich trotz des Drucks durch ihre Familie zu ihrem Freund bekannte, rastete ihr Vater aus. Fendi Ö. schlug seiner Tochter mehrfach mit der flachen Hand ins Gesicht, dann prügelte er mit einem Stock auf sie ein und fesselte sie.

Eine Zeugin, zu der Arzu flüchten konnte, erzählte vor Gericht, das Mädchen sei "grün und blau geschlagen" gewesen. Auch für diese Körperverletzung muss sich Fendi Ö. verantworten. Er hat die Tat bereits zugegeben. In seiner Erklärung ließ er verlauten, seine Tochter sei "sehr respektlos" aufgetreten, was ihn "emotional sehr erregt" habe. Dann habe er zugeschlagen: "Es tut mir leid. Mein Verhalten war nicht richtig."

Endgültiger Bruch mit der Familie

Arzu zeigte ihren Vater am 1. September 2011 bei der Polizei an, die Polizei schickte sie in ein Frauenhaus. Es war der endgültige Bruch mit der Familie – durch den der Vater endgültig die Contenance verlor? Auf den Tag genau zwei Monate später war Arzu tot.

Dass der Vater den Befehl dazu gab, sagte ein Mann bereits am 12. Dezember 2011 aus, als Arzu noch nicht gefunden war und mehrere Familienmitglieder in Untersuchungshaft saßen. Der Mann war im Gefängnis mit einem der an der Tat beteiligten Söhne von Fendi Ö. in der gleichen Zelle untergebracht.

Bei einer polizeilichen Vernehmung gab der Mann an, Elvis Ö. habe ihm erzählt, der Vater hätte seine Kinder aufgefordert, die Sache zu erledigen. Anderenfalls würde er selbst zur Waffe greifen. Einige der weiteren Details der Aussage erwiesen sich als richtig, andere als völlig falsch. Schließlich distanzierte sich der Mann von dem Gesagten, vor Gericht erklärte er nun, er habe nie mit Elvis Ö. über die Tat gesprochen. Es ist unklar, wie das Gericht diesen Zeugen und seine Einlassungen bewerten wird.

Vater wollte Suche nach Arzu blockieren

Ein Polizist, der in der Tatnacht zum Haus der Familie Ö. raste und den Vater über die Entführung informierte, schilderte vor Gericht die Reaktion von Fendi Ö: Er habe sich "teilnahmslos" verhalten und sei "in keinster Weise kooperativ" gewesen.

Ein ebenfalls als Zeuge geladener Kollege sagte, der "Sachverhalt" habe ihn "nicht beeindruckt", außerdem habe er versucht, die "Suchmaßnahmen zu blockieren." Anfangs vermuteten die Beamten, die Familie halte Arzu womöglich in dem Haus versteckt. Als sie bemerkten, dass drei Zimmer verschlossen waren, fragten sie den Vater nach dem Schlüssel. Der gab sich ratlos, die Beamten traten die Tür ein.

Erst ein paar Stunden später, als Arzu schon tot war, rührte sich die Familie. Eine Verwandte von Fendi Ö. rief bei der Polizei an und forderte die Beamten auf, sofort zum Haus zu kommen und schriftlich den verursachten Schaden an den drei Zimmertüren zu bestätigen.

Bei einer Verurteilung drohen Fendi Ö. bis zu 15 Jahre Haft.

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