28.01.13

Iris Berben

"Es steckt auch Boshaftigkeit in mir"

Iris Berben hat sich von der Rolle als Kommissarin "Rosa Roth" verabschiedet und spielt im neuen Film eine Bordellbesitzerin auf Abwegen. Warum das kein Widerspruch ist, erklärt sie im Interview.

Foto: ZDF / Hannes Hubach

Als Kronzeugin der Anklage erhält die ehemalige Puffmutter Evelyn Frank (Iris Berben) in „Die Kronzeugin – Mord in den Bergen“ Personenschutz
Als Kronzeugin der Anklage erhält die ehemalige Puffmutter Evelyn Frank (Iris Berben) in "Die Kronzeugin – Mord in den Bergen" Personenschutz

Berliner Morgenpost: Frau Berben, in "Die Kronzeugin" spielen Sie in der Titelrolle eine Bordellbesitzerin, die im Rahmen des Zeugenschutzprogramms ihren Ausstieg aus dem Milieu zu planen scheint. Woher haben Sie das Material für diesen wenig sympathischen Charakter genommen – aus dem Buch, aus Beobachtungen, aus der eigenen Biografie?

Iris Berben: (lacht) Es steckt schon auch Boshaftigkeit in mir, aber zur Puffmutter fehlt es dann doch. Nein, man nähert sich der Rolle über Gespräche – was sieht die Regisseurin, was sieht man selbst in der Figur? Drehbuch und eigene Intuition sind dann weitere Versatzstücke, um der Figur eine Biografie zu geben und sie zu spielen.

Berliner Morgenpost: Ihre Figur überrascht mit einigen Wendungen und Wandlungen. Können sich Menschen dauerhaft erfolgreich verstellen?

Berben: Das will ich nicht hoffen, dass man damit auf Dauer durchkommt. Egal in welcher Form und in welchen Ämtern, als Strategie ist Verstellen doch unendlich anstrengend, weil man das Lügenkonstrukt ja ständig präsent haben muss. In den meisten Fällen werden Lügen und Verstellen zum Verhängnis, weil es keine Spontaneität erlaubt. Ich kann mir kein Leben vorstellen, das auf Lügen aufbaut.

Berliner Morgenpost: Nach zwei Jahrzehnten als "Rosa Roth" haben Sie die erfolgreiche Reihe soeben beendet, warum?

Berben: Irgendwann muss ja mal Schluss sein. Ich liebe Zahlen und fand, dass zwanzig Jahre gut sind, um aufzuhören. Wenn man dann zum Abschluss noch einmal sechs Millionen Zuschauer hat, dann hat man doch alles richtig gemacht.

Berliner Morgenpost: Sie sind eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen des Landes – was waren die entscheidenden Weichenstellungen?

Berben: Das waren sicherlich Begegnungen, vor allem Begegnungen mit bestimmten Regisseuren wie Matti Geschonnek, wie Carlo Rola, wie Doris Dörrie. Ich glaube, dass ich elementare Dinge über meinen Beruf – was lasse ich zu, wie liefere ich mich aus – von ganz verschiedenen Regisseuren gelernt habe. Ich beschäftige mich aber seit jeher sehr stark mit Film und mit Schauspielern – auch international.

Berliner Morgenpost: Oprah Winfrey sagt, mit 50 ist man, wenn alles gut geht, die Person, die man immer sein wollte. Sie haben mit 50 für ein Jahr beruflich ausgesetzt. Was haben Sie in diesem Jahr über sich erfahren?

Berben: Es war ein bisschen eine Suche nach meiner Triebfeder: Ist es der Applaus oder ist es meine Leidenschaft für den Beruf, unabhängig vom Erfolg? Was treibt mich wirklich an, das wollte ich wissen. Ich wollte auch wissen, ob es Grenzen für meine Arbeit gibt und wer diese setzt. Ob zum Beispiel das Alter eine Grenze ist. Ich habe ausloten können, dass der Mensch, der ich wurde, viel mit meiner Arbeit zu hat. Deshalb war es dann auch richtig und wichtig, nach diesem Jahr weiterzumachen.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie Ihr Leben dritteln und die 20-, die 40- und die 60-jährige Iris Berben betrachten, sehen Sie mehr Kontinuitäten oder Brüche?

Berben: Eine Kontinuität ist, dass ich immer ein suchender Mensch war, nie stehen bleiben wollte. Ich wollte auch nicht stehen bleiben, wenn etwas gerade gut klappte. Ich glaube nicht, dass man sich charakterlich verändert, aber die Antennen werden feiner und man kann besser formulieren mit der Zeit, wo man hin will und wo man sich verweigert. Ich habe in jeder Phase viel gelernt, durch Begegnungen, Einschnitte, auch durch Verletzungen … Es wäre für mich ein merkwürdiges Fazit, wenn ich sagen müsste, ich hätte mich so gar nicht verändert.

Berliner Morgenpost: "Die Kronzeugin" wurde von Ihrem Sohn Oliver Berben produziert, wie oft haben Sie inzwischen zusammen gearbeitet?

Berben: Das kann ich gar nicht mehr zählen (lacht), deutlich zweistellig jedenfalls in den letzten fast zwanzig Jahren.

Berliner Morgenpost: Ihren Sohn bezeichnen Sie als die Antwort auf die offenen Fragen des Lebens; sind alle Fragen beantwortet?

Berben: Es sind immer Fragen offen und ich habe festgestellt, dass ich viel mehr frage, je älter ich werde. Was ich bereichernd finde. Als junger Mensch stellt man weniger Fragen, weil man cool sein will und lieber alles zu wissen vorgibt. Fragen zu stellen finde ich mit das Aufregendste am Leben, auch Menschen zu finden, denen man Fragen stellen kann. Aber die Frage, warum leben und warum dieses Leben, die hat schon mein Sohn für mich beantwortet, ja.

Berliner Morgenpost: Es heißt, sie hätten sooft vor der Kamera geheiratet, dass es privat keinen Reiz mehr ausgeübt habe. Wäre eine Ehe nicht noch ein weiteres Abenteuer, das Sie Ihrer Vita hinzufügen könnten?

Berben: Zu einem Dogma habe ich das Nicht-Heiraten gemacht, als ich jung war und mich absetzen wollte von etablierten Formen des Zusammenlebens. Ich hatte eine lange Beziehung von 32 Jahren, das ist für mich wie eine Ehe, und bin auch jetzt seit einigen Jahren in einer Beziehung. Aber vielleicht hatte ich das weiße Kleid vor der Kamera tatsächlich oft genug an, als dass es mich noch reizen würde. Ein weißes Kleid würde ja eh nicht gehen, das würde alles ad absurdum führen, was das weiße Kleid mal bedeutete (lacht).

Berliner Morgenpost: Die Liebe beginnt, wenn das Verliebtsein endet, sagen Sie. Viele, vor allem Männer, versuchen das Verliebtsein mit abwechselnden Partnerinnen zu einem Dauerzustand zu machen. Drücken die sich vor der Liebe oder verwechseln sie das eine mit dem anderen?

Berben: Es gibt durchaus auch Frauen, die das machen, die ewig in diesem Taumel bleiben wollen. Es kann aber auch zu tun haben mit Angst vor Alltag, vor Verantwortung, vor Dingen, die man nicht kennt. Ich persönlich aber finde Aushalten ganz wichtig, ein enorm tolles Gefühl.

Berliner Morgenpost: Den Tod empfinden Sie als eine Zumutung, die sie wütend macht und verärgert. Arbeiten Sie trotzdem an Strategien für einen entspannten und versöhnlichen Abgang?

Berben: Nun bin ich noch nicht auf dem Sterbebett, noch gibt's hoffentlich ein paar Jahre. Keine Ahnung, was mit mir passiert, wenn es so weit ist. Mit meinem heutigen Geisteszustand aber möchte ich dem Tod gern die Tür zuhalten.

Berliner Morgenpost: Wenn eine gute Filmfee Ihnen zwei Wünsche erfüllen würde: Welche Ihrer Arbeiten sollte plötzlich unsichtbar werden?

Berben: Es gibt durchaus Filme mit mir, die würde ich gerne unsichtbar machen, aber ich sage Ihnen nicht, welche (lacht). Und wenn ich mir einen meiner Filme für heute Abend in die Primetime wünschen dürfte, dann "Es kommt der Tag". Ein Film über die RAF, der in der Gegenwart spielt. Für mich eine meiner besten Arbeiten, die von Feuilleton und Kritik auch sehr gut besprochen wurde, leider aber kein Publikum fand.

"Die Kronzeugin – Mord in den Bergen" am Montag, 28. Januar 2013, ZDF, 20.15 Uhr

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