28.01.13

Jena-Lobeda

Wieso eine 87-Jährige im Plattenbau gefangen ist

Seit fast 100 Tagen haben Alte und Kranke ihr Zuhause, ein elfstöckiges Haus in Jena-Lobeda, nicht verlassen können, weil der Fahrstuhl kaputt ist. Wer hat Schuld? Ein Besuch im Hochhaus.

Von Kathrin Spoerr

Keine einladende Gegend hier. Beton, aufgetürmt. Elf Etagen hoch, 200 Meter breit, ungefähr. Ein Block. Eine Platte im Wohnsilo. DDR-Architektur vom Allernormalsten.

Die Platte in der Richard-Zimmermann-Straße 1 bis 11 steht seit 1974 hier, in Jena-Lobeda. WBS 70, so ist ihr Name. WBS steht für Wohnbausystem. Systematisches Bauen von Wohnungen – bitte sehr, so war das damals.

Am 6. November versagte das System. Ein Brand im Fahrstuhlschacht. Technisches Versagen, sagen die Gutachter, so was passiert. Der Fahrstuhl ist ruiniert. Ein neuer muss her. Er wird auch kommen. Die Arbeiten ziehen sich.

Frau Kochan auf dem zugigen Korridor

Seit 6. November 2012 kann man die Wohnungen der Richard-Zimmermann-Straße 1, Etage 1 bis 11, nur noch über die beiden Treppenhäuser erreichen. So viel zu den Wohnungen.

Nun zu den Menschen. Frau Kochan zum Beispiel. Frau Kochan wohnt in der Richard-Zimmermann-Straße 1 im achten Stock. Als sie nach Lobeda zog, 1974, war alles neu hier.

Frau Kochan liebt ihre Wohnung, drei Zimmer, teilsaniert. Sie liebt die Richard-Zimmermann-Straße. Sie liebt Lobeda. Frau Kochan ist 87 Jahre alt. Seit dem 6. November, seit 82 Tagen, seit elf Wochen, seit fast einem Vierteljahr hat sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

Auf dem zugigen Korridor geht sie manchmal hin und her. Hier endet ihre Mobilität. Wer die alte Dame besucht, wird Aufregung erwarten, Empörung. Es ist doch empörend, wenn man, wie sie, plötzlich nicht mehr rauskann und, wie die örtlichen Zeitungen schrieben, "in der eigenen Wohnung gefangen" ist.

Frau Kochan öffnet die Wohnungstür. Sie hat keinen Besuch erwartet, aber sie lacht den Besuch an, vielleicht, weil sie sich über jeden Besuch freut. Seit einigen Wochen bekommt sie öfter Besuch. Frau Kochan, die Gefangene ihrer Wohnung, spricht freundlich mit allen Journalisten.

"Wie in einem Vogelnest"

Ja, sagt sie, das sei schon schwierig gerade. "Ich sitze hier fest wie in einem Vogelnest." Ja, sie vermisse es, "rauszukönnen".

Jetzt bleibt Frau Kochan nur der Blick aus ihren Fenstern. "Schauen Sie nur, wie herrlich", sagt sie. Und wirklich. Nach vorne schaut sie auf Lobeda, die Hochhäuser, die Straßenbahn, die Schnellstraße. Schön ist das von hier oben. Urban und modern.

"Hier schau ich raus, wenn ich was zu sehen haben will", sagt Frau Kochan. "Und wenn ich es ruhig möchte, schaue ich hinten raus", sagt sie und zeigt auf die Kulisse der Berge des Saaletals, schneebedeckt. "Wie in den Alpen", sagt Frau Kochan, und wieder lacht sie, voll Lebensfreude.

Frau Kochan bewegt sich gern und viel, eigentlich. Jeden Tag ging sie an die frische Luft – vor dem 6. November. Rüber zu Rewe, um ihre Einkäufe zu machen, zum Friseur oder einfach mal spazieren. Für jeden Schritt vor die Tür braucht Frau Kochan ihren Rollator. Der gibt ihr Gleichgewicht, transportiert die Einkaufstaschen und ist zugleich ein Sitz, wenn sie verschnaufen will. Ohne den Rollator kann Frau Kochan nicht raus. Nicht zum Friseur, nicht zu Rewe, nicht spazieren gehen. Für eine Dame von 87 Jahren ist es natürlich ganz unmöglich, den Rollator 128 Stufen weit nach unten zu schleppen. Dazu braucht sie den Fahrstuhl.

Der Bezirksbürgermeister war schon da

Der Fahrstuhl, direkt vor der Wohnungstür, war der Grund, warum sie diese Wohnung wählte. Darum ist sie vor vier Jahren umgezogen – innerhalb des Blocks. Denn der Fahrstuhl im WBS 70 hält nicht in jedem Stockwerk.

Wer also beispielsweise im fünften Stock wohnt, fährt entweder bis zum dritten und läuft weiter nach oben, oder er fährt rauf bis zum sechsten und läuft dann runter. Darum war Frau Kochan so glücklich, als sie vor vier Jahren umzog, genau neben den Fahrstuhl. Einen Umzug mit 83 Jahren – das bekommt auch nicht jeder hin, aber Frau Kochan kann gar nicht anders, als die Dinge optimistisch zu sehen.

Dass der Umzug damals richtig war, das hat auch Frau Kochans Sohn bestätigt. "Das hast du gut gemacht, Mutti", sagte er damals. Frau Kochans Sohn wohnt in Berlin, zu weit weg, um immer da zu sein. Dieses Wochenende wird er kommen. Er hatte seine Mutter im Fernsehen gesehen – die eingesperrte 87-Jährige. "Ich freu mich so auf morgen", sagt sie.

Frau Kochan kennt viele Menschen, die ihr helfen. Auch einen "Putzmann" hat sie. Der kann sich besser bücken als sie, darum kommt er alle 14 Tage und putzt gründlich durch, obwohl es gar nicht viel zu putzen gibt.

Frau Kochan wird eigentlich ganz gut versorgt – von ihren Freunden. Sie bringen ihr alles, was sie braucht. Gerade war der Bezirksbürgermeister da – mit dem regionalen Fernsehen. Alle kümmern sich. Dabei, sagt sie, ist ihr der Rummel fast ein bisschen peinlich. "Ich bin doch nicht die Einzige, die hier wohnt."

Mietminderung für den "Käfig"

Die Hausverwaltung hat die Volkssolidarität beauftragt. Sie soll die Mieter unterstützen. Aber kaum jemand habe das Angebot bisher angenommen, sagt Heinz Colligs, Sprecher der Hausverwaltungsfirma Treureal, Sitz Mannheim. Die Treureal verwaltet 65.000 Wohnungen, eine größere Kleinstadt. "Wir können nicht nachvollziehen, warum die Nachfrage nach unentgeltlicher, professioneller Unterstützung so gering ist", sagt Colligs.

Dabei ist die Antwort ganz einfach: "Wenn ich die Volkssolidarität rufe, sind meine Freunde beleidigt." Das ist die Antwort von Frau Kochan. Eine Mietminderung hat sie bekommen. "30 Prozent weniger Miete – das ist doch schön", findet sie. Wenn nur die Kräfte nicht so abnähmen. "Immer nur im Käfig, das tut dem Körper nicht gut." Es ist der einzige Moment, in dem Frau Kochan ein bisschen verzagt wirkt.

Auch Frau Greif wohnt in der Richard-Zimmermann-Straße 1. Sie ist 63 Jahre alt, aber noch gut zu Fuß. Sie steigt die Treppen zu ihrer Wohnung im 5. Stock ohne Pause hoch, 90 Stufen. "Unser Zwangssport", sagt sie und lächelt. Und die Verantwortung?

Wenn kleine Katastrophen wie diese geschehen, stellt sich die Frage nach der Schuld fast von allein. Der Vermieter, eine luxemburgische Fondsgesellschaft, war schon im Verdacht. Auch die Hausverwaltung und die Politik. "Ach wissen Sie", sagt Frau Greif, "da kann doch eigentlich niemand etwas dafür."

Schuldiger? Helfen tut nur eins: ein Fahrstuhl

Frau Greif wohnt gern in der Richard-Zimmermann-Straße. Die Eigentümer wechselten, die Verwaltung wechselte. Frau Greif zahlt ihre Miete und fühlt sich gut behandelt. "Muss man denn immer auf die Jagd nach Schuldigen gehen?", fragt sie.

Heinz Colligs hat auch keinen Schuldigen parat, aber eine Erklärung. "Ein Haus dieser Größe und nur ein Aufzug – das würde heute nicht mehr genehmigt werden." Aber die alten Wohnungen hätten nun mal Bestandsschutz. Wer sich also auf die Suche nach den Verantwortlichen macht, wird sie womöglich in der DDR-Vergangenheit finden. Geholfen ist damit niemandem. Helfen tut nur eins: ein neuer Aufzug.

Vielleicht hätte alles etwas schneller gehen können, sagt Heinz Colligs. Viel schneller aber nicht. Die Ausschreibung, der Vergleich der Angebote, schließlich die Beauftragung der Firma Otis, die den Fahrstuhl als Sonderanfertigung herstellt – all das kostete Zeit. Seit einigen Tagen gehen Handwerker im Fahrstuhlschacht zu Werke. Spätestens Mitte März soll der neue Aufzug fertig sein.

Frau Kochan hat begonnen, die Tage bis dahin im Kalender abzustreichen. Noch nie, sagt sie, hat sie sich so auf den Frühlingsspaziergang gefreut.

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