27.01.13

Völkerwanderung

Wenn 800 Millionen Chinesen nach Hause wollen

China feiert Neujahr. Das größte Familienfest des Landes zieht alle Chinesen nach Hause, wo auch immer sie sind. Für Verkehrsplaner ein sechswöchiger Alptraum und ein neuer Beförderungs-Weltrekord.

Von Johnny Erling
Foto: REUTERS

Auch Pandas wollen zum chinesischen Neujahrsfest gern nach Hause: Ein kostümierter Reisender auf dem Bahnhof von Beijing bei der Ticketkontrolle. Millionen Wanderarbeiter sind derzeit auf dem Weg zu ihren Familien und stellen die Transportsysteme des Landes auf eine schwere Probe.
Auch Pandas wollen zum chinesischen Neujahrsfest gern nach Hause: Ein kostümierter Reisender auf dem Bahnhof von Beijing bei der Ticketkontrolle. Millionen Wanderarbeiter sind derzeit auf dem Weg zu ihren Familien und stellen die Transportsysteme des Landes auf eine schwere Probe.

46 gelbe Ochsen gestoppt! Triumphierend verkündet Pekings größtes Boulevardblatt "Beijing News" die gute Nachricht auf ihrer Titelseite. Millionen Chinesen sollen sich darüber freuen. Nicht etwa, weil ihre Hauptstadt vor einer Stampede wildgewordener Wasserbüffel gerettet worden ist. "Gelbe Ochsen" (Huangniu) ist das Codewort aus der chinesischen Gaunersprache für Schwarzhändler.

Am Sonnabend waren an den vier großen Bahnhöfen der Stadt 46 Ticketdealer auf frischer Tat ertappt worden. Sie flogen auf, als sie Käufer mit ihren Schwarz-Fahrscheinen durch die strengen Kontrollen am Bahnhof bringen wollten. Mit einem Trick umgingen sie die neue Hürde, dass alle Tickets für Fernzüge namentlich registriert sind und am Eingang durch Kontrolle des Personalausweis des Reisenden nachgeprüft werden.

Die "Gelben Ochsen" verkauften ihren Kunden einfach zwei Fahrscheine – einen für die gewünschte Zugstrecke und ein zweites Billigticket für einen zeitnah abfahrenden Nahverkehrszug. Es diente nur dazu, auf den Bahnhof zu kommen. Auch in Zentralchinas Wuhan wurden Schwarzhändler festgenommen. 600 Studenten drohten mit Protesten, nachdem sie mit gefälschten Karten betrogen wurden. Die Polizei handelte schnell.

70.000 Bahnpolizisten stehen bereit

Trotz Gedränge von 337.000 Abreisenden, die Peking am ersten Tag der 40 Tage dauernden Massenreisezeit zu Chinas Frühlingsfest verließen, wurden 46 Schwarzhändler erwischt. Blogger zeigten sich wenig beeindruckt: "Das ist gar nichts. Die meisten Huangniu schlängeln sich durch" schrieben sie in einem Wortspiel auf das am 10. Februar beginnende neue "Jahr der Schlange".

Für Schwarzhändler, die sich über raffinierte Spezial-Software oder Beziehungen Bahntickets online auf Vorrat besorgen, brummt das Geschäft so viel sehr, dass sich jedes Risiko lohnt. Zumindest solange, wie nach offiziellem Eingeständnis die Nachfrage für viele Strecken um zehn Mal höher als das Angebot im Online- und Telefonvorkauf ist.

Zum größten Familienfest des Lande zieht es alle Chinesen, wo immer sie auch sind, nach Hause. Vor den Bahn-Verkaufsschaltern standen Scharen schwerbepackter Wanderarbeiter an, die gar nicht wissen, wie sie online bestellen sollen. Sie werden am Leichtesten Opfer der Huangniu. Die Behörden mobilisierten 70.000 Bahnpolizisten im ganzen Land, um zum Frühlingsfest auf den Bahnhöfen für Ordnung zu sorgen. Sie warnen die reisenden Massen vor Neppern, Schleppern und Bauernfänger.

"Auslastung 100 Prozent"

Sonnabend, um 9.47 Uhr früh, startete Pekings T-71 zur 14 Fahrstunden entfernten Nord-Metropole Harbin. Die Sitze waren so umarrangiert, dass in jedes Abteil 22 Passagiere mehr hineinpassten, schrieb "Beijing News". Alle 1016 Plätze waren belegt. "Auslastung 100 Prozent". Es war der erste Zug des großen "Reisetreck zum Frühjahrsfest", der auf chinesisch "Chunyun" heißt, ein Wort, das erst vor 30 Jahren mit den Reformen und der inneren Öffnung der Gesellschaft geprägt wurde.

Die Bahn will zum "Chunyun 2013" im täglichen Durchschnitt 5,2 Millionen Passagiere befördern, oder insgesamt 225 Millionen Fahrten machen. Die Bahnhöfe sind auf den Ansturm vorbereitet. Das Fernsehen zeigte provisorisch eingerichtete Erste Hilfe-Stationen, in Kanton Ausruhzelte für Mütter mit Baby, im Norden Behelfsküchen zur freien Versorgung mit heißem Wasser und Reisbrei.

"Chunyun" ist die Umschreibung für den knapp sechswöchigen Dauerstress, der zum alljährlich wiederkehrenden Alptraum für alle Verkehrsplaner des Landes wird. Es ist auch der einzige Zeitpunkt im Jahr, an dem Atheisten Stoßgebete an den Himmel richten und Kommunisten heimlich schwören, Buddha zu opfern, wenn Schnee, Frost oder Regen ausbleiben. Noch haben die Götter ihr Flehen nicht erhört.

Für die kommende Woche warnten die Wetterämter am Sonntag vor dichtem Nebel und Smog für ein halbes Dutzend Provinzen in Zentral- und Ostchina und vor neuen Eis- und Schneestürmen in Nordwestchinas Xinjiang. Zum Frühjahrsfest 2008 hatten vereiste Strecken und Stromleitungen im Süden den Bahnverkehr von Guangdong aus zusammenbrechen lassen.

Hunderttausende Wanderarbeiter strandeten vor den Bahnhöfen, weil sie nicht mehr nach Hause und auch nicht mehr zurück zu ihren Zeitarbeitsstellen konnten. Armeeeinheiten mussten die Strecken freimachen, um Revolten zu verhindern.

Beförderungs-Weltrekord

Die Bahnfahrten sind nur ein kleiner Teil des Beförderungs-Weltrekord, für den China jedes Jahr einen neuen Eintrag ins "Guiness Book of records" beantragen kann. 90 Prozent aller Reisenden sollen 2013 von 840.000 Bussen oder von 13.000 Schiffen zu ihren Zielen gebracht werden. "Nur" 35 Millionen wählen das teure Flugzeug.

Bis auf die dritte Kommastelle haben Pekings Verkehrsbehörden die Zahl aller Neujahrstrips von diesem Wochenende bis zum Ende der Reisezeit am 6. März auf 3407 Milliarden Fahrten hochgerechnet. Es seien 8,6 Prozent oder fast 250 Millionen Reisen mehr als 2012 zum Jahr des Drachens.

Es ist so, als ob die Hälfte der Weltbevölkerung einmal in China unterwegs wäre. Da die Planer von vier Fahrten pro Person in ihren Berechnungen ausgehen, wären 800 Millionen Chinesen während des Frühlingsfests unterwegs.

Offiziell nimmt sich die Nation zum Chinesischen Neujahr vom Silvestertag 9. Februar bis einschließlich 15. Februar sieben Tage Urlaub am Stück frei. Dafür müssen die Stadtbürger im Tausch das anschließende Wochenende am 16. und 17. Februar durcharbeiten.

Bauern und alle, die auf dem Land zuhause sind, feiern das größte Nationalfest nach dem traditionellen Mondkalender mindestens 15 Tage bis vier Wochen. Dieses Jahr soll viel Feuerwerk verknallt werden, so viel, dass Peking vorsorglich überall auf Plakaten die Bevölkerung warnte, die Hauptstadt nicht aus Versehen mit abzufackeln.

Die Sehnsucht nach der Familie

Heimweh-Fieber treibt die größte freiwillige Völkerwanderung der Welt um. Noch nie war der Andrang zum Chunyun so groß wie 2013, die schiere Masse an Reisenden so unvorstellbar hoch. Noch nie aber gab es mit 279 Millionen Chinesen zu Ende 2012 auch so viele Menschen, die weit entfernt von ihrem angemeldeten Wohnsitz oder ihrer Familie leben und arbeiten, sagte der Chef des Statistischen Amtes Ma Jiantang.

Sozialwissenschaftler nennen Wirtschaftsreformen, mehr Freizügigkeit, das Heer der Wanderarbeiter, Landflucht, Urbanisierung und sozialer Stress als Gründe für die Sehnsucht nach Hause und in den Schoß der Familien. Als sich Chinas 1983 mit der erleichterten Erlaubnis für Binnenreisen öffnete, kam es zu rund 100 Millionen Heimfahrten während des Frühlingsfestes, schrieb die Volkszeitung. 1994 waren es eine Milliarde, 2006 dann zwei Milliarden. Heute sind es mehr als 30mal soviel wie vor einer Generation.

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