26.01.13

Umgangsformen

Warum der Berliner Zoochef das Alphatierchen gibt

Der Chef des Berliner Zoos, Bernhard Blaszkiewitz, hat mal wieder Probleme mit den Umgangsformen. Hat er sich zu viel bei seinen Tieren abgeschaut? Eine Spurensuche im Soziotop starker Silberrücken.

Von Ulli Kulke
Foto: picture alliance / dpa

Benutzte für seine Mitarbeiterinnen auch schon mal Kürzel aus dem Tierreich, und geriet deshalb in die Kritik: Bernhard Blaszkiewitz, Direktor des Zoos in Berlin.
Benutzte für seine Mitarbeiterinnen auch schon mal Kürzel aus dem Tierreich und geriet deshalb in die Kritik: Bernhard Blaszkiewitz, Direktor des Zoos in Berlin.

Er hätte gewarnt sein können, gerade er, Dr. Bernhard Blaszkiewitz. Im Januar 2007 trat er sein Amt an, vor fast genau sechs Jahren. Als Platzhirsch, Leitbulle, als Silberrücken, Alphatier oder wie die damals schon im Amt befindlichen anderen Führungskräfte alle heißen in seinem Zoologischen Garten. In seinem Fall lautet der Titel ganz profan: Direktor.

Mit dem Dominanzverhalten, das er gegenüber seinen Mitarbeitern seit dem ersten Tag pflegte und für das er bekannt ist in Berlin wie ein bunter Hund, hat er seine Macht gefestigt. In einem Betrieb, in dem wie wohl in keinem anderen jeden Tag – artübergreifend – studiert werden kann, wie man sich dabei am besten anstellt.

Sechs Jahre sind eine sehr lange Zeit, auch dies kann man in den verschiedenen Soziotopen des Zoos lernen, nicht zuletzt bei unseren nahen Verwandten. So kann sich etwa ein Silberrücken, der Chef einer Gorillahorde, in den seltensten Fällen so lange an der Spitze halten. Nicht einmal, wenn er sich zu diplomatischem Verhalten gegenüber den Frauen durchringt – bei den Gorillas übrigens eine der Voraussetzungen für den Aufstieg zur Macht.

Warum einer zum einsamen Wolf wird

Dann, an der Spitze angekommen, mag manch Silberrücken auch barsch sein zu seinen Weibchen (im zoologischen Melderegister als "0,1" geführt). Lange wird er daran keine Freude haben. Vermissen die Frauen den nötigen Respekt, werden sie ihn verlassen, und er kann es nicht mal verhindern, steigt vom Kopf einer 30-köpfigen Gorillafamilie unversehens ab und wird zum Einzelgänger.

Durchschnittlich 4,7 Jahre lang hält sich bei den Berggorillas ein Silberrücken an der Spitze. Seine Zeit endet durchaus nicht immer mit dem Tod, bisweilen wird er auch verdrängt von einem anderen dominanten, oft jüngeren Männchen. Wofür es manchmal Warnsignale gibt.

Etwa wenn sich eines der Weibchen mit einem möglichen Königsmörder paart, offen oder heimlich, und damit verhindert, dass ihre nächsten Sprösslinge nach dem Machtwechsel vom neuen Silberrücken ermordet werden, um dessen eigenem Nachwuchs bessere Chancen zu geben. Infantizid nennt man das, und da verbietet sich nun jeder Vergleich mit lebenden Direktoren.

Die drei Katzenbabys, die Anfang 2008 von Blaszkiewitz' Hand starben (was ihm bei den Berlinern Hass einbrachte), zählten nachweislich nicht zum Erbe seines Vorgängers Jürgen Lange. Der Entfaltung des Zoodirektors hätten sie auch kaum schaden können. Sie bedeuteten für ihn eine Gesundheitsgefahr für seine Tiere.

Die schockierende Brutalität der Schimpansen

Bei den Gorillas geht es noch vergleichsweise friedlich zu, wenn sie ihre Alphatiere ermitteln. Viel wird hier bereits durch die Geburt vorgegeben, alter Silberrücken-Adel. Was uns aber die Affenforscherin Jane Goodall über die Rangkämpfe der Schimpansen – unsere allernächsten Verwandten im Tierreich – zu erzählen hat, hört sich für uns Nahestehende desillusionierend an.

Als sie einst nach Tansania ging, meinte sie noch, "die Schimpansen sind die besseren Menschen". Doch "umso schockierter war ich zu sehen, wie brutal sie sind". In seltenen Fällen sind bei den Schimpansen auch Frauen die Alphatiere der Affenbanden. Aber nicht lange. Mit der Zeit, sagt Goodall, arbeite sich meistens ein Männchen nach oben. "Die Männer sind viel stärker, viel aggressiver."

Bei vielen Arten geht es durchaus blutig zu. Etwa wenn bei den Löwen der Rudelführer ermittelt wird. Merkwürdig genug, dass die durchtrainierten Löwinnen, die die Jagd zum großen Teil allein bewerkstelligen, keine Kandidatinnen dafür stellen. Womöglich finden sie das ja auch nicht so wichtig, wundern sich nur über die Kämpfe und halten sich im Übrigen heraus.

Auch bei den Löwen kann sich kaum ein Alphatier länger als drei, vier Jahre an der Spitze halten, bevor es von Jüngeren verdrängt wird. Und auch hier gilt: Je höher man stand, desto tiefer kann man fallen. Nach Ende seiner Amtszeit wird der Rudelführer oft gleich nach unten durchgereicht, als neues Omegatier, das rangniedrigste. Eine Stellung, der er dann ein Leben als Einzelgänger bevorzugt und abhaut. Wobei er nun, als Ausgemusterter, sich auch noch selbst ums Essen kümmern muss.

Der Kampf um die Macht

Bei den meisten Arten, also auch bei den meisten Zoobewohnern, gehört der Kampf um die Macht zum Leben wie das Fressen und Gefressenwerden oder das Kopulieren. Egal, ob es sich um den Platzhirsch handelt, den Leitbullen, die Alpharatte, den führenden Fisch oder den herrschenden Hahn. Gerade Hühner sind es, bei denen die Zoologen die Machtkämpfe am intensivsten beobachteten.

Und weil das Federvieh seine Rangliste meist mit dem Schnabel auskämpft, wird das soziale Gefüge bei allen Arten gern als "Hackordnung" bezeichnet, ein Begriff, der hier und da auch bei menschlichen Gemeinschaften zur Anwendung kommt. Bei Familien, in Büros, mittelständischen Betrieben und auch in gemeinnützigen Aktiengesellschaften wie etwa dem Berliner Zoo. Übrigens gibt es nicht nur Alpha-Männchen, sondern auch -Weibchen, wie bei Zebras und bestimmten Pferderassen. Bisweilen auch Alpha-Paare wie bei den Pferdeantilopen und Wildhunden.

Dabei bleibt meist unbeachtet, dass sich diese Hackordnung, ist sie erst grob vorsortiert, durchaus auch durch höfliche, zuvorkommende Verhaltensweisen manifestieren kann. Selbst bei Arten, die ansonsten gern böse um sich schlagen wie die Schimpansen. "Sie gehen gemeinsam auf die Jagd und teilen danach das erbeutete Fleisch", heißt es vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen.

Großzügigkeit hebt das Prestige ...

Gerade die Führenden unter ihnen sind dabei bemüht, den Großzügigen zu markieren, wie mancher Direktor bei der Weihnachtsfeier seines Unternehmens. Ohne Drohungen, ohne Schläge können sie sich so Respekt verschaffen und steigen womöglich weiter auf, falls sie noch nicht an der Spitze stehen, etwa vom Beta-Affen zum Alpha-Affen. Großzügigkeit hebt das soziale Prestige ungemein, wissen die Schimpansenforscher. Vorausgesetzt: Der Generöse ist bereits weit oben angelangt in der Machtpyramide, ansonsten würde jede Abgabe als unterwürfiger Tribut ausgelegt.

Selbst Kater, bei deren handfesten, lautstarken Raufereien nicht nur manches Ohr geschlitzt, sondern auch vielen Zeitgenossen in Stadt und Land der Schlaf geraubt wird, können sich untereinander unerwartet vornehm geben. Vor allem gegenüber den 0,1-Tieren, den Weibchen. Ausgiebig haben die Verhaltensforscher unter den Zoologen dies in den vermüllten Straßen der Innenstadt Roms erforscht, wo die Streuner stets viel zu fressen finden. Natürlich suchen sich die dicksten Kater die fettesten Brocken heraus.

… aber kann auch den Finger kosten

Doch kaum treten Katzen auf den Plan, halten sich die Kater zurück, lassen den Damen den Vortritt. Evolutionsforscher wissen die Erklärung für diesen Altruismus. Würden die Katzen in dem zwar nahrhaften, aber doch rauen Straßendschungel Roms ständig den Kürzeren ziehen, hätten die Kater keine Chance, ihren Genpool in der Ewigen Stadt am Leben zu erhalten.

All diese Herrschaftsverhältnisse gelten natürlich nur innerhalb der jeweiligen Art. Zwischen den Arten sind die Hierarchien von anderen Gesetzen bestimmt, zuallererst vom Fressen und Gefressenwerden, von Finten, vom Abwägen des Aufwandes und Ertrages, sich mit anderen anzulegen, von Drohgebärden. Und von Strafen.

Wenn etwa ein Zoodirektor seine Hand allzu weit ins Territorium einer anderen Art hält, kann schon mal ein Finger verloren gehen. So wie bei Bernhard Blaszkiewitz, als der einen Schimpansen durchs Gitter füttern wollte, in großzügiger Geste, altruistisch, da stieg er in den Augen seines Gegenübers nicht im Rang auf. Der biss ihm vielmehr einen Teil seines Zeigefingers ab. Es war übrigens ein Männchen.

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