26.01.13

Sensations-OP

Wenn das Herz außerhalb des kleinen Körpers schlägt

Ein Kind aus Texas kam mit einem seltenen Geburtsfehler zur Welt - Audrinas Herz schlug außerhalb ihres Körpers. Drei Monate nach der Geburt und einer spektakulären Operation durfte sie nach Hause.

Von Michael Remke
Foto: Texas Children s Hospital

Ein kräftiges Kind, das von Beginn an um sein Leben kämpfte: Die kleine Audrina Cardenas aus Texas wurde mit einem Herz, das außerhalb des Körpers lag, geboren. Die Ärzte in Houston, Texas, retteten das Baby mit mehreren Operationen.

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Als Audrina Cardenas im Oktober des vergangenen Jahres in einer Klinik im US-Bundesstaat Texas geboren wurde, gaben ihr die Ärzte nur sehr geringe Überlebenschancen. Das Baby war mit einem äußerst seltenen Geburtsfehler auf die Welt gekommen. Das Herz von Audrina schlug zu einem Teil außerhalb ihres kleinen Körpers.

Ein Defekt mit meist fatalen Folgen. In mehr als 90 Prozent der Fälle kommen die Kinder bereits tot zur Welt oder sterben innerhalb der ersten drei Tage an Herz- und Organversagen.

Doch Audrina aus Odessa, Texas, lebte. Drei Monate nach der Geburt und einer schweren Operation in der Kinderklinik von Houston durfte ihre Mutter, Ashley Cardenas, ihr Baby jetzt zum ersten Mal mit nach Hause nehmen. Zum Schutz ihres wieder eingepflanzten Herzes muss die Kleine noch einen pinkfarbenen Plastikpanzer tragen, doch ansonsten scheint Audrina das Schlimmste erst einmal überstanden zu haben.

Bald das erste Fläschchen

"Es geht ihr wirklich gut", sagt Mutter Ashley gegenüber dem US-Fernsehsender ABC glücklich. "Sie braucht als Vorsichtsmaßnahme noch für kurze Zeit ein Sauerstoffgerät und muss auch weiterhin über eine Magensonde ernährt werden", so die 25-jährige Bankmanagerin, die bereits Zwillinge im Grundschulalter hat. "Aber wir hoffen, dass wir ihr schon bald die Flasche geben können."

Das "Wunderbaby", wie die Mutter ihre Kleine nennt, hatte am Ende wirklich viel Glück. "Sie hat eine sehr schwere Zeit hinter sich", sagt der behandelnde Herzchirurg Dr. Charles Fraser. Ihr großer Vorteil war, dass sie bei der Geburt ein sehr kräftiges Mädchen gewesen sei.

Nur acht Kinder unter einer Million

Alle Organe, selbst das Herz, hätten einwandfrei gearbeitet. "Audrina ist eine wirkliche Kämpferin", sagt Dr. Fraser. "Und ich bin froh, dass es am Ende so gut ausgegangen ist."

Dabei hatten die Ärzte in Houston, wohin Audrina noch vor der Geburt verlegt wurde, mit dem Schlimmsten gerechnet. Schon während der Schwangerschaft hatte Dr. Fraser, Chefarzt der Kinderklinik, Mutter Ashley darauf vorbereitet, dass das Baby nur geringe Überlebenschancen haben werde. "Ich habe in meiner Karriere bisher nur sehr, sehr wenige dieser Geburtsfehler gesehen", sagt der Chirurg. "Das waren alles sehr schwierige Fälle. Und keines dieser Babys hat überlebt." Laut Statistik kommt die Fehlbildung nur bei acht Babys unter einer Million Neugeborenen vor.

"Die Ärzte gaben dem Baby kaum eine Chance"

Entdeckt wurde der Geburtsdefekt, der in der Medizin Ectopia cordis oder Herzektopie genannt wird, bereits in der 16. Schwangerschaftswoche bei einer routinemäßig durchgeführten Ultraschalluntersuchung. Während bei einer normalen Schwangerschaft sich das Herz des Babys wie bei allen gesunden Menschen hinter dem Rippenbogen im Brustbereich entwickelt, blieb Audrinas Herz außerhalb ihres Körpers.

"Die Ärzte gaben meinem Baby kaum eine Chance", erinnert sich Ashley Cardenas an das Gespräch nach dem Befund. Sie hätten ihr drei Optionen offeriert, darunter auch eine Abtreibung. Doch für Cardenas kam das nicht infrage. "Ich glaube, dass alles im Leben Sinn macht und dass es einen Grund gibt, warum meine Tochter auf dieser Welt ist."

Bei einer Fortführung der Schwangerschaft wollten die Ärzte zunächst die Geburt und den Gesundheitszustand von Audrina abwarten. Sollte das Baby neben den Herzproblemen ansonsten gesund genug sein, planten sie, so schnell wie möglich zu operieren und das Herz zurück in den Körper zu pflanzen. Wenn nicht, so erinnert sich Ashley Cardenas, wollten sie mir "ohne weitere Behandlungen so viel Zeit wie möglich mit meinem Baby geben".

"Es war ein sehr ungewöhnliches Bild"

Ein Tag nach der Geburt von Audrina - sie kam per Kaiserschnitt zur Welt, um das Herz nicht zu verletzen - entschied sich Chefchirurg Dr. Fraser zur Operation. Das zu einem Drittel außerhalb des Körpers und auf dem Bauch liegende Herz sollte schnellstens zurückverpflanzt werden. "Es war ein sehr ungewöhnliches Bild", erinnert sich Dr. Fraser. "Das Herz lag auf dem Bauch von Audrina ungefähr in der Mitte ihres kleinen Körpers."

Ein Team von insgesamt 70 Medizinern und Helfern, darunter Spezialisten wie eine Kinderchirurgin sowie ein plastischer Chirurg, operierte mehr als sechs Stunden. Dann war das "kleine Wunder", wie sie es anschließend bezeichneten, vollbracht.

Die erste große Herausforderung bei dem Eingriff war dabei, erst einmal Platz für das Herz zu schaffen. Der gesamte Brustbereich des Mädchens hatte für den Lebensmuskel keinen Raum gelassen und musste komplett neu rekonstruiert werden.

Die Kunst der Chirurgen

"Nachdem wir das Herz eingepflanzt hatten, mussten wir auch das umliegende Gewebe aktivieren, um das Herz besser schützen zu können", beschreibt Larry Hollier, der plastische Chirurg, seinen Teil an der Operation. Und am Ende zogen die Ärzte die Haut und einen kleinen Muskel über die Stelle, unter der das Herz nach dem Eingriff saß. Wie sensibel und dünn der Brustbereich ist, kann man auch drei Monate nach dem Eingriff am deutlich sichtbaren Schlagen des Herzes sehen.

Doch ein Problem konnten die Ärzte nicht abschließend lösen. "Audrina hat ein nur gering ausgebildetes Sternum", sagt Mutter Ashley Cardenas. "Ihr Herz in ihrem Körper hat deshalb auch keinen natürlichen Schutz." Die Funktion des fehlenden Brustbeines muss jetzt eine Art Rüstung übernehmen.

Der pinkfarbene Plastikpanzer mit einer Art durchsichtigem Herzguckloch soll vor Verletzungen schützen. Allein das Anlegen eines Sicherheitsgurtes auf einem Kindersitz im Auto könnte die sehr dünnhäutige Stelle in Audrinas Brustbereich lebensgefährlich verletzen.

Was noch zu tun ist

"Ich nehme diesen Plastikpanzer gar nicht wahr", sagt Ashley Cardenas. "Als Mutter sieht man so etwas nicht. Ich sehe nur meine Tochter. Und die ist am Leben." "Audrina wird sich in Zukunft sicherlich noch mehr Operationen unterziehen müssen", sagt ihr Arzt Dr. Charles Fraser.

"Das fehlende Brustbein werden wir ihr später aus einer ihrer Rippen ersetzen." Da sie jetzt erst einmal wachsen müsse, würde das jetzt noch keinen Sinn machen. Man habe für den Moment alles getan, was man tun könne. "Wir sind sicherlich noch nicht ganz über den Berg", sagt Dr. Fraser. "Aber wir sind sehr optimistisch, was Audrinas Zukunft betrifft."

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