25.01.13

Harald Schmidt

"1000-Euro-Pudding für die Show? Kein Problem"

Wenn Sky mit Late-Night-Talker Harald Schmidt nicht verlängern sollte, will er ab Sommer viel lesen. Der Pay-TV-Sender sei seine letzte Station, sagt er und wirkt im Gespräch entspannt-fatalistisch.

Von Kai-Hinrich Renner
Foto: Reto Klar

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Coolste im ganzen Land? Harald Schmidt beim Treffen im Berliner Adlon Hotel
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Coolste im ganzen Land? Harald Schmidt beim Treffen im Berliner Adlon Hotel

Der Reporter ist etwas zu früh in der Suite des Berliner Hotels "Adlon" mit Blick aufs Brandenburger Tor. Plötzlich öffnet sich die Tür und Harald Schmidt steht im perfekt geschnittenen dunkelblauen Anzug im Raum. Dazu kombiniert er eine Mischung aus Winter- und Wanderstiefeln. Schmidt steht der Sinn nach einem Heißgetränk. Es entspinnt sich ein Gespräch über Kaffeewerbung. Der TV-Moderator war einst Testimonial von Nescafé. Sein Nachfolger hieß George Clooney. Aber dann geht es ohne weitere Präliminarien los.

Die Welt: Herr Schmidt, sind die Deutschen zu doof für das Genre Late-Night-Show?

Harald Schmidt: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt eben nur eine kleine feine Klientel, die sich das anschaut.

Die Welt: In den USA haben Late-Night-Shows ein Massenpublikum. Sie senden dagegen – mit Verlaub – im Pay-TV-Getto. Benjamin von Stuckrad-Barre ist mit seiner Show im Nischensender Tele 5 unterwegs. Und ob Stefan Raabs "TV Total" Late Night ist …

Schmidt: Raab ist keine Late Night. Raab ist eine Verkaufsplattform. In Amerika hat David Letterman ein Drei-Millionen-Publikum. Wenn Sie davon ausgehen, dass die USA 240 Millionen Einwohner haben, ist das in Relation auch nicht so viel mehr.

Die Welt: Bei Sky haben Sie im Schnitt aber nur 80.000 Zuschauer pro Sendung, und wenn es ganz schlecht läuft, sogar nur 5000. Für einen wie Sie, der ganz andere Quoten gewohnt ist und in einem Interview mal gesagt hat, eine seiner wichtigsten Antriebsfedern sei der Ruhm, muss das doch frustrierend sein.

Schmidt: Meine Ruhmsucht ist längst befriedigt. Außerdem habe ich an jedem Sendetag ein ausverkauftes Studio. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, zehn Millionen Zuschauer zu haben. Aber das will ich mir nicht vorstellen, weil ich weiß, was das für eine Sendung wäre. Grauenhaft!

Die Welt: Sie haben ja mit "Verstehen Sie Spaß?" einschlägige Erfahrungen gesammelt.

Schmidt: Zum Beispiel. Heute habe ich Abend für Abend traumhafte Bedingungen. Es kann mir egal sein, wie viele Zuschauer ich habe. Entscheidend ist, dass die Zahl der Abonnenten wächst. Also von meinem Ruhm kann ein Bedürftiger gern noch etwas abhaben. Mir reicht's.

Die Welt: Früher war das ganz anders: Sie waren in den Feuilletons präsent, fuhren mit dem "Traumschiff" um die Welt, strahlten einem von jedem Werbeplakat entgegen und waren in einem Werbespot sogar die Synchronstimme eines Schweines. Sie haben eigentlich alles gemacht.

Schmidt: Ich habe viel ausprobiert. Manches hat den Ruhm beschädigt. Ist aber wurscht, denn unterm Strich geht es für mich um einen angenehmen Lebensalltag. Weniger Ruhm bedeutet auch, weniger oft angesprochen und fotografiert zu werden.

Die Welt: Werden Sie denn weniger angesprochen und fotografiert?

Schmidt: Leider nicht. Wenn ich mit Kollegen, die im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen sind, unterwegs bin, werden nicht sie fotografiert, sondern ich.

Die Welt: Warum lassen Sie sich Ihre ungebrochene Popularität nicht mehr durch Werbeverträge versilbern?

Schmidt: Ich habe keine mehr angeboten bekommen. Das liegt daran, dass ich schon für alles geworben habe, was es gibt. Ein anderer Grund sind meine finanziellen Forderungen. Die will keiner mehr erfüllen. Das, was mir noch angeboten wird, ist so im Steinbrück-Bereich.

Die Welt: Warum sind Sie auch als Schauspieler nicht mehr aktiv?

Schmidt: Ich habe meinen Ansprüchen nicht mehr genügt.

Die Welt: Das meinen Sie jetzt nicht ernst.

Schmidt: Doch. Ich habe das dem Intendanten von Stuttgart auch genau so gesagt. Da hat er mir entgegnet, kaum einer wird seinen Ansprüchen gerecht. Trotzdem machen alle weiter. Aber ich muss mir das nicht antun.

Die Welt: Kann man Sie noch umstimmen? Der Dramatiker René Pollesch meint, Sie seien "ein autonomer Schauspieler", der "weiß, was er auf einer Bühne zu tun hat, um da oben zu überleben". Ihre "Skills", also Ihre handwerklichen Fähigkeiten, seien "genial".

Schmidt: Das gilt nur für Pollesch-Produktionen. Und wie oft habe ich Gelegenheit, da mitzumachen? Zudem fällt es mir immer schwerer, Texte auswendig zu lernen.

Die Welt: Jetzt werden Sie kokett.

Schmidt: Nein. Gerd Voss sagt mir auch, er lernt von 7 bis 10 Uhr morgens. Danach kriegt er nichts mehr rein. Außerdem fehlt mir die Routine des Textelernens, weil ich seit Jahren frei quassel. Und es gibt wirklich so viele gute Schauspieler in Deutschland. Da muss ich nicht auch noch irgendwo rumstehen. Was Pollesch über mich sagt, ist sehr nett. Aber wenn ich diese Qualitäten in meiner Show zeige, haben alle mehr davon.

Die Welt: Nur können die nicht alle sehen.

Schmidt: Theoretisch schon. Man muss sich nur ein Abo kaufen.

Die Welt: Okay. Aber Sky macht es den Zuschauern nicht gerade leicht: Ab sofort ist Ihre Show komplett nur noch zu empfangen, wenn man ein Filmpaket bucht, dessen Zierschleife Sie gewissermaßen sind.

Schmidt: Das ist das Geschäftsmodell von Sky. Der Sender entscheidet, wie er die Show verwertet. An meiner Situation ändert das nichts: Ich fahre seit 18 Jahren ins Studio, und ich gehe da abends wieder raus. Der Rest ist virtuell.

Die Welt: Haben Sie es als narzisstische Kränkung empfunden, als Sat.1 Ihnen den Stuhl vor die Tür gesetzt hat?

Schmidt: Sat.1 hat uns Modelle angeboten, wie es hätte weitergehen können. Eine Idee war ein Wechsel zu Kabel 1. Es gab auch den Vorschlag, die Show für weniger Geld weiterlaufen zu lassen. Aber für mich war es völlig okay, wie es gekommen ist. ProSiebenSat.1 ist eine börsennotierte Firma. Und für die ließ sich durch die Einstellung der Sendung ordentlich Geld sparen. Und als ProSiebenSat.1-Aktionär, der ich auch bin, habe ich meinen Rausschmiss begrüßt.

Die Welt: Und Sky, ebenfalls börsennotiert, hat die Mittel, Ihre Show ohne jede Abstriche zu finanzieren.

Schmidt: Ich musste noch nie einem Mitarbeiter sagen, Du kriegst jetzt weniger Gehalt. Und wenn ich in der Show einen Pudding haben will, der 1000 Euro kostet, dann wird der bezahlt.

Die Welt: In einer Ihrer letzten Sat.1-Shows wollte Klaas Heufer-Umlauf Ihnen ZDFNeo schmackhaft machen. Sie winkten ab, woraufhin er entgegnete, der Aufwand, den Sie mit Ihrer Show trieben, sei nicht mehr zeitgemäß. Sie erwiderten, er ließe sich bei ZDFneo ausbeuten.

Schmidt: Mit Sicherheit hatte ich recht. Er hatte auch recht. Aber ob der Aufwand zeitgemäß ist, interessiert mich nicht. Ich will den Aufwand. Ich will eine Staatstheater-Situation. Wobei ich es besser habe als die Staatstheater, denn die müssen mittlerweile auch sparen. Wegen des Arbeitsrechts muss ich Leute fest anstellen, die ich nur zehn Minuten am Tag brauche. Ich finde das toll. Ohne die Zahlen von ZDFneo zu kennen, weiß ich, dass da kein Geld vorhanden ist. Man sagt den Leuten dort, ihr seid Avantgarde, ihr seid Kult. Der Sender denkt aber gar nicht daran, sie ins ZDF-Hauptprogramm zu bringen, was man bei jungen Leuten irgendwann mal machen muss. Heute ist es schlimmer als zu der Zeit, in der ich im Dritten Programm des WDR angefangen habe. Ich wusste, irgendwann komme ich ins Erste. Das war von Anfang an der Plan. Bei ZDFneo müssen die jungen Leute sich dagegen mit wenig Geld und nur einer Lampe Grimme-Preise ranmoderieren.

Die Welt: Das Bücherschreiben haben Sie auch eingestellt.

Schmidt: Mich ekelt es an, wenn Fernsehleute Bücher schreiben. Das ist grauenhaft.

Die Welt: Dafür haben Sie aber sehr viele geschrieben.

Schmidt: Ehrlich gesagt, nur widerwillig. Der Verleger hatte mich gezwungen. Denn an sich ist mein Anspruch an Bücher so hoch, dass ich sage, Finger weg. Kein Mensch aus dem Fernsehen kann schreiben. Keiner.

Die Welt: Auf Ihren zeitweiligen Wegbegleiter Oliver Pocher verzichten Sie vermutlich mit Freuden.

Schmidt: Nein, das ist falsch. Wir haben uns zwar eine Zeit lang über die Presse ein bisschen beharkt. Aber ich war neulich erst in seiner Sendung.

Die Welt: Ist Ihnen Pocher seinerzeit nicht von der ARD als jung-dynamischer Co-Moderator aufgedrängt worden?

Schmidt: Überhaupt nicht. Natürlich wollte das Erste mit Pochi jüngere Zuschauer gewinnen. Das Motto bei der ARD ist ja, wir wollen Bohlen ohne Bohlen. Schauen Sie sich mal an, was die riesengroße Unterhaltungsabteilung des WDR, die mal Rudi Carrell und Jürgen von der Lippe hatte und "Klimbim" erfunden hat, heute macht: nichts! Sie wollen jüngere Zuschauer. Aber – das habe ich auch den alternden Damen in der WDR-Geschäftsleitung gesagt – junge Zuschauer schauen ganz anders fern. Die nutzen Facebook, Ipads und weisen sich gegenseitig auf Clips hin.

Die Welt: Wer sind denn Ihre Zuschauer?

Schmidt: Es sind überwiegend alternde Männer, die leicht vom Leben enttäuscht sind und nicht rechtzeitig den Satz gelesen haben: Vor Frauen gibt es nur eine Rettung – Flucht. Insofern für den Fußballsender Sky ideal.

Die Welt: Für die ARD waren Sie bereits bei Olympia. Weil Sie mussten?

Schmidt: Ich wollte Olympia kennenlernen und auch nach Turin und Peking. Ich wollte aber auch in die Welt des Sportjournalismus. Das ist das nackte Paradies. Da sitzen vier Mann vor nagelneuen Laptops. Um elf sagt einer, ich glaube, wir kriegen Anni Friesinger. Und um zwölf sagt er, nee, die ist schon bei Beckmann. Und zwischendurch gehen alle essen. In der Unterhaltung muss ich jeden Tag einen Brüderle-Witz haben. Und an ganz finsteren Tagen heißt die Pointe Rainer Calmund. Sportjournalist ist ein Traumjob.

Die Welt: Gesetzt den Fall, die ARD, die derzeit eine komplett humorfreie Zone ist, ruft an, um Sie zurückzuholen. Was antworten Sie?

Schmidt: Ich würde gar nicht erst rangehen.

Die Welt: Verfolgen Sie, was in anderen Sendern humortechnisch passiert?

Schmidt: Kaum. Ich gucke Nachrichten und Reportagen, die mich interessieren. 50 Jahre Élysée-Vertrag habe ich mir komplett auf Arte reingezogen.

Die Welt: Haben Sie die hochgelobte "Heute-Show" schon mal gesehen?

Schmidt: Noch nie.

Die Welt: Wie lange wollen Sie Ihre Show noch machen?

Schmidt: Bis Sky sie einstellt. Der Sender ist meine letzte Station.

Die Welt: Und wenn Sky bereits diesen Sommer Ihren Vertrag nicht verlängert …

Schmidt: … werde ich ab Sommer viel lesen.

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