25.01.13

Geheimbunker

Wo der D-Mark-Ersatz auf den Atomkrieg wartete

Der Bundesbank-Bunker in Cochem sucht einen neuen Besitzer. Eine halbe Million Euro soll die "besondere Immobilie" bringen. Einst lagerten hier 15 Milliarden Deutsche Mark – auf Vorrat.

Von Alexander Rackow

Die Stahltür öffnet sich quietschend. Dahinter erstreckt sich ein gut 100 Meter langer, gewölbter Gang. Fenster gibt es nicht. Unter der Decke verlaufen dicke Rohrleitungen, darauf liegt schwarzer Staub.

Zwischen den Leitungen flackern Neonröhren. Obwohl die Wände weiß getüncht sind, wirkt der Gang eng und dunkel. Am Ende ist eine weitere Stahltür zu sehen.

Kühl ist es, ein wenig feucht auch. Der Gang führt tief in den Berg hinein. So fühlt sich also der Kalte Krieg an. Der Gang ist einer der Zugänge zu einem der geheimsten Orte des Kalten Krieges: dem getarnten Bundesbank-Bunker in Cochem an der Mosel. Hier lagerte die westdeutsche Zentralbank eine komplette Ersatzwährung für die D-Mark.

Eingang des Bunkers in Doppelhaus versteckt

Bis zu 15 Milliarden Mark aus der nie in Umlauf gelangten Serie "BBk II" befanden sich hier. Alles war für den Ernstfall vorbereitet. Atomkrieg, Hyperinflation durch Falschgeld oder massenhaft vergiftete D-Mark-Scheine. Die Schreckensvisionen der Bundesbanker kannten kaum Grenzen.

Heute, über 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist der Bunker das Reich von Jürgen Adolphs. 1,80 Meter groß, blonde gegelte Haare, wasserblaue Augen. Unter der dunklen Outdoor-Jacke trägt der Mittvierziger ein Rugby-Shirt. Der Immobilienmakler versucht, den Bunker zu verkaufen. Neben der unterirdischen Anlage gibt es auch noch das unauffällige Doppelhaus, in dem der Eingang des Bunkers versteckt ist.

Jahrzehntelang wurde darin zur Tarnung ein Tagungszentrum der Bundesbank betrieben. Komplett mit Parkplatz, Swimmingpool und Erholungspark.

Nicht einmal die Mitarbeiter der Tagungsstätte wussten vom Bunker. Nur der Leiter der Einrichtung kam hinein. Er konnte den Bunker mittels damals modernster Technik überwachen. Im Grundriss des Doppelhauses steht lapidar "Stahltür" an der Stelle, wo der Bunkerzugang verzeichnet ist. Sucht man die Stelle auf, steht man im Keller des Hauses vor einer laminierten Holztür. Dahinter verbirgt sich das Stahlschott, das in den langen Gang führt.

Umbauten sind nur schwer möglich

Im alten Tagungszentrum gibt es 671 Quadratmeter Nutzfläche. Anfang der 60er Jahre wohnte hier einmal ein Arzt. Von ihm kaufte die Bundesbank das Haus. Anschließend kamen noch die Grundstücke hinter dem Haus dazu. Von 1962 bis 1964 dauerten die Bauarbeiten. Bagger, Lastwagen, schweres Gerät.

Das blieb nicht unbemerkt in der Nachbarschaft. In der engen Wohnstraße voller weißer Häuschen wurde getuschelt. Die meisten Anwohner glaubten, die Regierung würde hier Gold verstecken.

Makler Adolphs soll gut eine halbe Million Euro für Bunker und Tarngebäude herausholen – ein schwerer Job. Zu den monatlichen Betriebskosten kann oder will er nichts sagen. Die Anlage wurde 2011 in die Liste der Kulturdenkmäler von Rheinland-Pfalz aufgenommen. Umbauten sind daher nur schwer möglich.

Dafür spult er bereitwillig die Eckdaten der Gebäude ab: von 1962 bis 1964 in einer geheimen Aktion gebaut, 30 Meter tief in den Berg getrieben, 3000 Kubikmeter Beton verbaut. Außerdem ist "das gesamte Objekt in einem guten Zustand, alles ist voll funktionsfähig", sagt Adolphs.

Zwei Banker pro Schlafkabine

Tief im Bunker befindet sich hinter einer gut 20 Zentimeter dicken Tresortür das Herz der Anlage: die zwölf Maschendrahtkäfige, in denen die Ersatzwährung gelagert wurde. Das Geld für den Notfall war bis unter die Decke gestapelt, inspiziert in bestimmten Abständen von Bundesbank-Prüfern. Sonst hatte zu diesem Sicherheitsbereich niemand Zutritt.

175 Menschen hätten im Bunker zwei Wochen lang überleben können, wenn es zu einem Atomkrieg gekommen wäre. 75.000 Liter Diesel für die Stromgeneratoren waren gebunkert, es gab einen Tiefbrunnen für die Trinkwasserversorgung, und Filteranlagen hätten das Atmen ermöglicht. Zwei Banker hätten sich je eine Schlafkabine geteilt. Dünne Wände trennen die Zellen voneinander ab. Jedes Geräusch ist im Nebenraum zu hören.

Das Büro des Leiters der Anlage hatte sogar ein Vorzimmer. Jeder Raum höchstens sechs Quadratmeter groß. An der Wand des Leitungsbüros: die Gegensprechverbindung zum Eingang des Bunkers. Hier wäre entschieden worden, wer aus der Strahlenhölle in den Bunker darf. Wer Freund, wer Feind gewesen wäre. Gegenüber dem Büro ist eine leere Fläche und die Großküche, wo das Essen zubereitet worden wäre.

"Ganz besondere Art der Immobilie"

Ein Stück weiter liegt der alte Fernmelderaum. Mit direkter Leitung in das Innenministerium und einem Fernschreiber wäre das die Verbindung zur Außenwelt gewesen, wenn rund um die geheime Anlage der Weltenbrand getobt hätte. Auch die Lage für den Bunker war mit Bedacht ausgewählt worden. Nicht der schöne Blick auf die Mosel war entscheidend, sondern die Nähe zu anderen Regierungseinrichtungen.

Der geheime Atombunker der Bundesregierung in Ahrweiler war keine 70 Kilometer entfernt. Außerdem bot das eng geschnittene Moseltal Schutz gegen die Druckwelle einer Atombombe. Sie wäre einfach darüber hinweggefegt, ohne großen Schaden zu verursachen.

Danach hätten die Bankmitarbeiter die Bundesrepublik mit einer neuen Währung wieder aufbauen sollen. 1988 schien der Bundesrepublik dann keine Gefahr mehr zu drohen, und die Ersatzwährung war veraltet, nicht mehr fälschungssicher. Die Geldsäcke wurden abtransportiert und vernichtet, der Bunker aufgegeben. Von 1994 an nutzte die örtliche Volksbank Teile der Anlage. Sie brachte hier ihre Schließfächer unter. Doch auch das war nicht von Dauer.

Einmal wollte dann ein Bunkerfan ein Museum einrichten. Das scheiterte jedoch daran, dass in die kleine Wohnstraße nicht genügend Busse fahren konnten. Bisher war er der einzige ernsthafte Interessent, den Makler Adolphs durch den Bunker geführt hat. Oder wie der Makler es sagt: "Es ist einfach eine ganz besondere Art der Immobilie."

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