24.01.13

Dschungelcamp

Wie Olivia Jones aus der Kleinstadt in den Dschungel kam

Im Dschungelcamp überzeugt sie mit Tratsch, in Hamburg prägt Olivia Jones seit Jahren das Stadtbild. Wer steckt hinter dem Travestiestar?

Von Stefan Grund
Foto: pa/dpa

Olivia Jones ist das Pseudonym des deutschen Travestiekünstlers Oliver Knöbel, der als Dragqueen bekannt wurde.

11 Bilder

Seit sie im Quotenknüller Dschungelcamp auf RTL zu sehen ist, kennen viele Millionen Zuschauer ihr Bild aus dem Fernsehen. In Hamburg aber prägt die plauderselige Lästertante und Dragqueen Olivia Jones das Stadtbild seit Jahren höchstpersönlich: live und in schriller Farbe. Und das gelingt ihr überragend.

Das kann jeder bestätigen, der bei einem ihrer öffentlichen Auftritte mit ihr gesprochen oder auch nur für ein Foto neben ihr gestanden hat. Die Angaben zu Olivias Körpergröße schwanken zwischen zwei Metern und zehn Zentimetern mehr. Sie selbst schwankt hingegen nie, hohe Stöckel sind nicht das geringste Problem.

Wenn sie im Glitzerkleid und mit Schmuckfedern auf dem Kopf auftritt, kommen oben noch mal rund 30 Zentimeter drauf. Da wirken bei Anlässen wie dem Christopher Street Day, der jährlichen Schwulen- und Lesbenparade, selbst Basketball-Riesen neben ihr plötzlich wie Zwerge.

Wer auf Augenhöhe mit ihr sprechen will, braucht eine Trittleiter. So ist es kein Zufall, dass die Dschungelcamp-Zuschauer Olivia jetzt liegend und flüsternd plauschend am Camp-Lagerfeuer erleben durften. Anders wäre Intimität kaum herstellbar.

"Schwuler Schmetterling im Schulkokon"

Allerdings überzeugt Olivia Jones nicht nur durch körperliche, sondern auch durch menschliche Größe und durch ihre schauspielerische Qualität, die sie so deutlich von den Camp-Mitbewohnern abhebt. Witzig, formatgerecht und in bester Tratschmanier stellt Olivia ihre Gegner in ihren über zwei Meter hohen Schatten.

Die Großstadtdschungel-Expertin hat nicht immer in Metropolen gelebt. Die Kleinstadt Springe in der Region Hannover war seit dem Mittelalter lediglich dafür bekannt, dass hier ein kleiner Fluss entspringt, die Haller. 1989 dann ging Oliver Knöbel mit 20 Jahren nach Hamburg, ein paar Jahre später hatte dann auch Springe seinen Prominenten.

Hier hatte Oliver Knöbel bereits in der Schulzeit in der Geschwister-Scholl-Gesamtschule erste Travestie-Auftritte. Heute erinnert eine Parkbank gegenüber der Schule an den prominenten Schüler. Oliver Knöbel sagte im Rahmen einer NDR-Kampagne: "Das Beste im Norden ist in Springe meine Schule.

Hier hat Mann einiges gelernt, was Frau später brauchte – und als schwuler Schmetterling im Schulkokon viel Spaß gehabt. Ich kann zwar immer noch nicht gut rechnen – hab' aber trotzdem jetzt 'ne eigene Bank."

Vater flüchtete vor der Polizei nach Brasilien

Viel mehr war bis vor Kurzem nicht über seine Kindheit und Jugend bekannt. Im Dschungelcamp allerdings verriet Jones bedrückende Erlebnisse aus der Kindheit. Sieben Jahre alt war der kleine Oliver, als sein Vater die Familie verließ. Der Bankangestellte hatte am Arbeitsplatz Millionen unterschlagen.

Seine Flucht nach Brasilien währte allerdings nur kurz, da er unter seinem richtigen Namen reiste. Olivers Vater wurde verhaftet, verurteilt und verbrachte die nächsten zwei Jahre im Gefängnis. Olivia sagte im Dschungelcamp: "Für mich war das Horror. Ich wurde in der Schule gehänselt. Man kann das als Kind nicht verstehen, dass ein Vater einfach so verschwindet. Ich habe versucht zu verzeihen, aber ich konnte es nicht." Fortan kümmerte sich Mutter Evelin allein um Oliver.

Olivias Kiez ist, seit sie 1989 nach Hamburg kam, die Reeperbahn. Hier startete sie auf den Rat von Ernie Reinhardt (besser bekannt als Lilo Wanders) ihre Karriere als Travestie-Darstellerin im "Pulverfass"-Cabaret. Zuvor hatte Oliver Knöbel eine Lehre als Versicherungskaufmann abgebrochen.

Eigene Show auf der Reeperbahn

Es folgte ein langer, disziplinierter Weg im Showgeschäft und die Perfektionierung der Olivia-Rolle, vom gemalten Schmollmund bis zum Wimpernklimpern. Oliver arbeitete als Fotomodell und Dressman, perfektionierte seine Fähigkeiten für ihre spätere Tätigkeit als Moderatorin mit Sprechtraining, nahm Schauspielunterricht, besuchte Maskenbildnerkurse.

Schon bald gab Theaterchef Corny Littmann Olivia ihre eigene Show im "Schmidts Tivoli" auf der Reeperbahn. 1997 schließlich errang sie beim Dragqueen Contest in Miami in Florida den Titel Miss Dragqueen of the World.

Seither nutzt Knöbel die Popularität immer wieder für politische Statements, tritt als Gegner von Rechtsradikalen und Neonazis auf, engagiert sich für die Aids-Hilfe und die Rechte von Tieren. 2004 trat er bei der Hamburger Bürgerschaftswahl mit dem Ziel an, den Einzug von Ronald Schills Partei zu verhindern.

Privat am liebsten Jeans und Turnschuhe

So schrill Dragqueen Olivia im Fernsehen auch wirken mag und so viele Hundert Kleider und Perücken ihre Sammlung inzwischen umfassen mag: Privat ist Oliver dem Vernehmen nach immer noch am liebsten in Jeans und Turnschuhen unterwegs.

Das wäre auch im Dschungel praktischer, wo sich Olivia derzeit als Quotenfrau brillant schlägt, nachdem sie propagierte: "Ich bin kein Star – lasst mich da rein!" und ihre Eignung begründete: "Ich kenne mich als St.-Pauli-Wirtin mit schrägen Vögeln, Z-Promis und Ungeziefer aus, habe Platzangst, Höhenangst, ekel mich vor Insekten und bin sexualverwirrt. Das Camp ist für mich eine Art öffentliche Gruppentherapie."

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