23.01.13

Harry und die Taliban

Von einem, der auszog, das Töten zu lernen

In Stahlgewittern: Nach seinem Einsatz in Afghanistan spricht Prinz Harry von Wales freimütig über das Handwerk des Tötens. Muss man ihn dafür tadeln, dass er die Wahrheit über den Krieg sagt?

Foto: dapd

Oh Captain, my Captain: Prinz Harry von Wales im November 2012 auf einem britischen Luftwaffenstützpunkt in Südafghanistan, im Hintergrund ein Apache-Hubschrauber
Oh Captain, my Captain: Prinz Harry von Wales im November 2012 auf einem britischen Luftwaffenstützpunkt in Südafghanistan, im Hintergrund ein Apache-Hubschrauber

Der Untergang des römischen Reichs, wie Edward Gibbon ihn schildert, lag an der Verweichlichung seiner Oberschichten. "Wenn sie ja jemals", schrieb der britische Historiker und Freimaurer wenige Jahre vor der französischen Revolution, "insbesondere an einem heißen Tage Muth haben, in ihren bemalten Galeeren aus dem lukrinischen See nach ihren schönen Villen an der Meeresküste von Puteoli und Kayeta zu segeln, vergleichen sie ihre Wagniß mit den Zügen Cäsars und Alexanders."

Eine mit Freizeitgestaltung beschäftigte Aristokratie, so der Kern des Vorwurfs, ist überflüssig, und im Müßiggang, seit der Antike ein Privileg des Adels, steckt schon der Keim des Verfalls. Gibbons selbst, der dem niederen Landadel entstammte, fand Zeit seines Lebens keine Freude an den üblichen Vergnügungen seines Standes.

Fuchsjagd und Strip-Poker

Was Gibbon am Beispiel der spätrömischen Patrizier beschrieb, ist seit 1789 im europäischen Hochadel der Normalzustand: politischer Funktionsverlust bei gleichzeitiger Konzentration auf exzentrische Hobbys wie Yachten, Fuchsjagd, Ökolandwirtschaft oder Poolpartys. Prinz Harry von Wales, nach seinem Vater Charles und seinem Bruder William nur an dritter Stelle der englischen Thronfolge, kann sich in dieser Hinsicht noch ungezwungener verhalten als seine Verwandten und hat sich in den letzten Jahren von Boulevardjournalisten mit Hakenkreuzbinde und beim Strip-Poker fotografieren lassen.

Der jüngste Skandal um Harry unterscheidet sich von den bisherigen. Als der Prinz, der nach einem eher mäßigen Schulabschluss eine Offiziersausbildung absolviert hat, am Montag von einem Kampfeinsatz in Afghanistan zurückkehrte, sendete die BBC ein Fernsehinterview. Darin redet der Captain der britischen Luftwaffe freimütig über eine Tätigkeit, die im Repertoire adeliger Beschäftigungen seit den Zeiten Homers immer weiter in den Hintergrund gerückt ist: das Handwerk des Tötens.

Leben und sterben lassen

"Man nimmt ein Leben, um ein Leben zu retten", sagte Harry. Mit der Bordkanone des Apache-Hubschraubers habe er eigenhändig Talibankämpfer erschossen. Als sei das nicht Provokation genug, fügte er hinzu, das bereite ihm Freude, denn er spiele gerne mit der Playstation und glaube, nützliche Daumen zu besitzen.

So redet man nicht über den Krieg, und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Taliban den achtundzwanzigjährigen Prinzen auf diesen Verstoß gegen die Etikette hinwiesen. "Dies ist ein ernsthafter Krieg, ein historischer Krieg", stellte deren Sprecher streng klar, den dürfe man nicht mit einem Videospiel vergleichen. Offensichtlich habe Harry, fuhr er milde verständnisvoll fort, wie viele westliche Soldaten in Afghanistan "mentale Probleme" entwickelt.

Nun ist es kein Staatsgeheimnis, dass im Kampf gegen terroristische Milizen feindliche Krieger getötet werden, und es steht zu vermuten, dass sich eine Mehrheit der Soldaten die Wartezeiten mit Videospielen vertreibt, anstatt wie zu Ernst Jüngers Zeiten botanische Fachliteratur zu studieren. Dennoch liegt über dem Alltag an der Front ein Tabu. Man muss Prinz Harry nicht dafür rügen, es auf ungeschickte Art gebrochen zu haben. Was das angeht, hat er sich in Afghanistan tatsächlich nützlich gemacht.

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