21.01.13

Neue Technik

Zapfen E-Autos ihren Strom bald aus Laternen?

Kaum eine andere Frage bereitet den Entwicklern so viel Kummer wie diese: Wo sollen die Elektroautos an die Steckdose? Ein Berliner Start-up schlägt vor: Die Energie soll aus Straßenlaternen kommen.

Foto: ZB

Steckdose für den Stromer: Ein Audi A1 e-tron an einer neuen Solartankstelle in Zwickau
Steckdose für den Stromer: Ein Audi A1 e-tron an einer neuen Solartankstelle in Zwickau

Straßenlaternen sind ja in vielerlei Hinsicht nützlich: Sie spenden Licht, man kann das Rad dran festschließen oder Zettelchen anbringen – und in Zukunft vielleicht dort sein Elektroauto aufladen. Ein Berliner Start-up-Unternehmen hat ein Konzept entwickelt, dass das möglich macht. Die Stadt Berlin ist gar nicht abgeneigt, Hunderte Laternen zu Ladestellen umzurüsten.

Noch ist das Interessen an E-Autos eher gering. Die Auswahl an entsprechenden Modellen ist überschaubar, und wirklich schön sind die Autos, die bereits auf dem Markt sind, auch nicht. Von den deutlich höheren Anschaffungskosten im Vergleich zu einem Auto mit Verbrennungsmotor gar nicht erst zu reden. Lässt man all das außer acht und kauft dennoch ein Batteriefahrzeug, stellt sich die entscheidende Frage: Wo "betankt" man den Stromer?

Jeder Laternenmast eine Stromtankstelle

E-Autos werden für Ballungszentren entwickelt, in ländlichen Regionen werden sie sich auf aufgrund der begrenzten Reichweite der Voltspeicher nicht durchsetzen. Nur: Viele Städter können ihre Stromer nicht in der eigenen Garage oder am Eigenheim laden, sie werden also die Hände vom E-Mobil lassen. Es sei denn, das Konzept des Berliner Start-up Ubitricity setzt sich durch.

Die Berliner haben ein mobiles Lade- und Abrechnungssystem entwickelt, dass das "Tanken" überall dort erlaubt, wo es Strom gibt und Autos andocken können. In Parkhäusern zum Beispiel, vor Geschäften. Oder eben an Straßenlaternen. Jeder Laternenmast eine Stromtankstelle, das ist die Vision von Knut Hechtfischer und Frank Pawlitschek.

Das Konzept, dass das 14-köpfige Start-up mit dem sperrigen Namen "Ubitricity" entwickelt hat, ist überraschend simpel. Ein Elektroauto aufzuladen ist nicht aufwendiger als einen Akku fürs Handy, nur müssen es die meisten Großstädter, die anvisierte Kundengruppe der Stromer, im öffentlichen Raum tun oder auf Parkplätzen.

Tankfüllung für weniger als fünf Euro

Dass sich Parkhausbetreiber, der eigene Arbeitgeber oder ein gutmütiger Ladenbesitzer anzapfen lassen, mag vorkommen, doch es stellt sich die Frage, wie man auf Dauer den Stromverbrauch abrechnet – schnell und unkompliziert. Das geht bislang nur an sogenannten Stromzapfsäulen. Doch die kosten pro Stück mehrere Tausend Euro, Investitionen, die die Energieversorger scheuen, weil es sich nicht rechnet.

Schließlich ist auch ein leistungsfähiger Autoakku selbst bei saftigen Preisen für deutlich unter fünf Euro voll. "Die Lösung ist, dass man die nötige Technik zum Beispiel für die Abrechnung nicht mehr teuer in die Ladestation integriert, sondern selbst mitbringt", sagt Hechtfischer. Für den Besitzer des E-Autos würden dadurch nur geringe Kosten anfallen, für den "Stromspender" gar keine.

Konkret funktioniert das System wie folgt: Im Auto, beispielsweise in einem "intelligenten" Ladekabel, ist ein Zählsystem integriert, das sich per Mobilfunk mit einer Leitzentrale verbindet. Die erfasst nach jedem Laden wo, von wem und wie viel Strom "getankt" wurden und leitet die Daten zur Abrechnung weiter. An den Stromquellen selbst sind Steckdosen angebracht, die erkennen, ob der jeweilige Nutzer zur Entnahme berechtigt ist und die Sperre freigegeben werden kann.

Die Montage derartiger Dosen ist simpel, im Wartungsschacht eines Laternenmastes lassen sie sich ohne weiteres einbauen. Das schlaue Kabel selbst schlägt als einmalige Anschaffung für den Autobesitzer laut Hechtfischer mit rund 100 Euro zu Buche. "Damit kann man ohne großen Aufwand überall mobil Strom tanken", schwärmt der Start-up-Gründer. Prototypen des Systems gibt es bereits, mit großen Energieversorgern in Frankreich und der Schweiz werden derzeit Testversuche gemacht.

Hoffen auf die Komunen

Immerhin konnten die Berliner von Bosch den Entwicklungsleiter Elektromobilität, Rupert Stützle, abwerben und einen großen Autozulieferer und Anlagenbauer als Anteilseigner gewinnen. Ende des Jahres will Ubitricity mit seinem Mobil-Strom-System an den Start gehen – wenn sich genug Partner finden, die ihr Netz anzapfen lassen.

Das Konzept hat nämlich einen spürbaren Schwachpunkt: Um mobil Strom tanken zu können, soll der Kunden einen Vertrag mit einem Stromversorger abschließen. Ubitricity bleibt im Hintergrund, will nur an einer Grundgebühr für den Zähler verdienen, die die Nutzer an den Energielieferanten zahlen.

Einnahmen für jene, die ihren Netzzugang, also den Platz der Steckdosen, zur Verfügung stellen, sind nicht vorgesehen. Um das System nicht zu teuer zu machen, sollen sie leer ausgehen. Warum also sollten sie sich anzapfen lassen?

Größere Arbeitgeber, die sich ein umweltfreundliches Image versprechen, könnte die Spezialdosen für ihre Mitarbeiter installierten, hoffen Hechtfischer und Pawlitschek, oder Parkhausbetreiber, die das Laden als Service anbieten. Den eigentlichen Durchbruch erhoffen sie sich jedoch von den Kommunen. Die haben am ehesten ein Interesse, Stromer zu fördern und Stinker aus den Innenstädten zu verbannen.

Vorreiter Berlin

Im Falle Berlins gibt es zudem einen besonderen Anreiz: Die Hauptstadt ist eines der "Schaufenster Elektromobilität", die sich – auch mit Bundesmitteln – der besonderen Unterstützung von E-Autos verschrieben haben. In diesen Schwerpunktregionen treibt die Bundesregierung ihre Bemühungen voran, bis 2020 eine Million Stromer auf deutschen Straßen zu haben.

Berlin hat sich dabei verpflichtet, in den kommenden Jahren 800 öffentliche Ladestationen zu schaffen und die Entwicklung eines Konzepts dafür europaweit ausgeschrieben. Rund 30 Bewerbungen waren eingegangen, acht kommen in die nächste Runde – und Ubitricity hat beste Chancen dabei zu sein.

Dann das Start-up ist mit der Idee angetreten, die Lichtmasten aufzurüsten. Davon hat Berlin reichlich, rund 22.000 Stück, und viele davon stehen nahe den Parkstreifen, also für Autos gut erreichbar. Einen einfacheren sowie günstigeren Ort, das Stromnetz anzuzapfen, gibt es kaum.

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