21.01.13

ARD-Talk

Die Peinlichkeiten des Hauptstadt-Gernegroß Jauch

Zwei Absagen und eine undankbare Dramaturgie mit einer Runde voller Politprofis: Günther Jauch hatte den undankbarsten Fernsehjob des Abends. Dem Moderator unterliefen mehrere erstaunliche Aussetzer.

Foto: ARD

Moderator Günther Jauch (M.) diskutierte am Sonntagabend mit seinen Gästen über die Frage: „Nach der Wahl – was wird aus Steinbrück und Rösler?
Moderator Günther Jauch (M.) diskutierte am Sonntagabend mit seinen Gästen über die Frage: "Nach der Wahl – was wird aus Steinbrück und Rösler?

Es war einer der undankbarsten Fernsehjobs des Abends: Um Viertel vor zehn ging Günther Jauch am Sonntagabend auf Sendung, da gab es in Niedersachsen noch ein Patt mit einer leichten Tendenz Richtung Schwarz-Gelb.

Um zehn vor elf verabschiedete sich Jauch, da war nur Minuten später auf einmal Rot-Grün der Wahlsieger in Hannover. Ein Fall von dumm gelaufen - aber nicht nur. Denn Jauch offenbarte das Dilemma seines Politiktalks: Gerne würde er die Ausrufezeichen für den Berliner Politikbetrieb setzen. Aber da ist auch ein Jauch nur ein Gernegroß, der für eine große Sendung vom Mitmachen der Politiker abhängig ist.

Gabriel und Rösler zeigen Jauch kalte Schulter

Im Fall der Nachwahlsendung vom Sonntagabend wollte Jauch zwei Köpfe in den Mittelpunkt stellen: Peer Steinbrück und Philipp Rösler. Und mit ihnen verbunden die Frage nach ihrer weiteren Zukunft. Hätte Jauch hier Antworten der richtigen Gäste bekommen, hätte er die bundespolitischen Debatten der kommenden Tage mit geprägt.

Doch SPD-Chef Sigmar Gabriel, der sein Kommen laut ARD zugesagt hatte, sagte kurzfristig wieder ab. Und FDP-Chef Rösler, den Jauch noch vor einer Woche sogar am Ende seiner Sendung vor laufender Kamera eingeladen hatte, nahm diese Einladung erst gar nicht an.

Selbst das Rekordergebnis der Liberalen in Niedersachsen und damit Röslers spektakulär verbesserte Lage änderte daran nichts. Zwei der Großkopferten zeigen ihm die kalte Schulter - was für eine Schmach für Jauch.

SPD-Mann spottet über FDP-Leihstimmen

Der machte keinen Hehl daraus, wie sehr ihn gerade die kurzfristige Absage Gabriels verärgert hat. Zu spüren bekam das dessen Ersatz, der parlamentarische Geschäftsführer Thomas Oppermann. Ob es ein Indiz dafür sei, dass die SPD "sich heute nicht zu den Siegern zählt", wollte Jauch spitz wissen. Was Gabriel denn nun auf einmal so Wichtiges im Willy-Brandt-Haus zu reden habe, sprach er weiter – es sollte wohl so klingen, als ob die SPD-Führung neu über die Kanzlerkandidatur Steinbrücks diskutiert.

Oppermann ließ sich aber nur kurz in die Defensive bringen. "Ich kann Ihnen versichern, jede einzelne Stimme hat sich die SPD in diesem Wahlkampf hart erarbeiten müssen", sagte der SPD-Geschäftsführer bei seinem ersten Besuch bei Jauch. Und brachte dann noch gleich eine Pointe gegen die FDP unter: "Da ist keine einzige Leihstimme dabei."

Politiker pauken Botschaften durch

Oppermann ist ein Politprofi. Er hatte seine Rolle für diese Runde drauf und ließ sich nicht aus ihr rausbringen. Im Fall des SPD-Mannes lautete diese: Auch wenn Rot-Grün in Niedersachsen gegenüber den Umfragen des Vorjahres verloren hat, läuft alles auf einen Regierungswechsel bei der Bundestagswahl hinaus. "Wir haben einen langfristigen Trend gegen Schwarz-Gelb, diese Regierung wollen die Deutschen nicht", sagte Oppermann. Zu dem Zeitpunkt dieses Satzes war der rot-grüne Sieg noch nicht erkennbar.

Auch die anderen Politprofis hatten ihre Botschaft vor dem Besuch bei Jauch gelernt und ließen sich nicht davon abbringen. Die Tochter von Niedersachsens ehemaligem Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, war für die CDU da. Sie hatte zwei Botschaften: "Die CDU steht bundesweit bombastisch da." Und für die Koalition: "Wenn wir es schaffen, geschlossen, ruhig weiter unsere Bahnen zu ziehen" – dann werde Schwarz-Gelb an der Regierung bleiben.

Und natürlich war auch Grünen-Fraktionschef und Spitzenkandidat Jürgen Trittin gut vorbereitet: "Es ist möglich, schwarz-gelbe Mehrheiten zu brechen. Es ist aber nur möglich, wenn die Grünen kräftig zulegen." Und schließlich hatte der liberale Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zum Führungsstreit seiner Partei um Rösler die – ebenfalls erwartbare – Nachricht: Er rate der FDP zur Teamarbeit.

Bei Trittin wird es für Jauch peinlich

All diese Antworten wären bei jedem anderen Talkmaster auch zu hören gewesen. Jauchs Problem ist, dass auf seinem Sendeplatz mehr erwartet wird. Dass Rösler seine Einladung nicht annimmt und Gabriel ihn kurzfristig sitzen lässt, muss er womöglich mit Hilflosigkeit akzeptieren: Allerdings sprach Rösler sogar mit den "Tagesthemen". Jauch kitzelte aber nicht nur aus seinen anderen Gästen nichts heraus. Er hatte auch mehrere Patzer. So vergriff er sich im Ton und sprach davon, ob die FDP Rösler noch köpfen wolle – "erstmal köpfen wir hier niemand", belehrte Bundesgesundheitsminister Bahr seinen Gastgeber und sah ihn dabei eindringlich an. Regelrecht peinlich war dann, wie Trittin Jauch auflaufen ließ.

Gleich mehrmals versuchte der Moderator, aus dem Grünen-Spitzenkandidaten eine Abneigung gegen Steinbrück und eine Offenheit für ein Bündnis mit CDU/CSU heraus zu kitzeln. Dafür ignorierte Jauch, dass in Hannover Rot-Grün ja noch siegen konnte und sprach davon, dass die Grünen doch zum Regieren einen Koalitionspartner bräuchten. "Irgendwann sind Sie bei 25 Prozent und haben immer noch keinen gefunden." Trittin konterte, dass in Baden-Württemberg die Grünen 25 Prozent geholt hätten und nun den Ministerpräsident stellen.

Beschämend, dass Jauch das nicht präsent hatte. Aber er hatte sich ja auf sein Thema Schwarz-Grün festgebissen. Und leistete sich einen weiteren Fettnapf. Mit den hilflosen Worten, "wenn wir bei Ihnen nicht weiterkommen ..." kündigte er an, dass seine Redaktion zwei Politiker getroffen habe, die für Schwarz-Grün sind. Um dann aber zu korrigieren, dass von beiden nur noch einer aktiver Politiker sei. Tatsächlich haben sich aber sowohl der von der Redaktion befragte ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust von der CDU als auch der ehemalige Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch aus der Politik zurückgezogen.

Was macht Jauch bei Rot-Grün im Bund?

Trittin verfolgte ohnehin weite Teile der Sendung mit einem Schmunzeln, unterbrochen nur von ein paar Attacken auf FDP-Mann Bahr. Und so ließ er auch das Filmchen schmunzelnd über sich ergehen. Aber was Jauch wohl macht, falls im September tatsächlich entgegen der aktuellen Umfragen SPD und Grüne die Bundesregierung übernehmen sollten? Dann muss er auf die Gunst eines SPD-Chefs hoffen, der nicht mal nach einer Niedersachsenwahl einen zugesagten Besuch einhält. Und dann hätte er mit einem Trittin zu tun, an dem er sich jetzt schon die Zähne ausgebissen hat.

Das sagten die Gäste bei "Günther Jauch"

Thomas Oppermann,

parlamentarischer Geschäftsführer

der SPD-Bundestagsfraktion:

 

"Wir haben einen langfristigen

Trend gegen Schwarz-Gelb, diese

 Regierung wollen die Deutschen nicht."

Ursula von der Leyen,

stellvertretende CDU-Chefin:

 

"Die CDU steht

bundesweit bombastisch dar."

Jürgen Trittin,

 Grünen-Spitzenkandidat

bei der Bundestagswahl:

 

"Es ist möglich,

 schwarz-gelbe Mehrheiten zu brechen.

 Es ist aber nur möglich,

wenn die Grünen kräftig zulegen."

Daniel Bahr,

 Bundesgesundheitsminister (FDP):

 

"Was mich beeindruckt hat,

 ist, dass Philipp Rösler

 cool geblieben ist."

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