21.01.13

Faszination Tier

Der Mann, der mit Ameisen viel Geld verdient

Er herrscht über alle Völker: Der Unternehmer Martin Sebesta züchtet und vertreibt die wichtigsten der weltweit bekannten Ameisenarten. Das kann schon mal 1000 Euro pro Kolonie kosten.

Foto: dpa

Firmenchef Martin Sebesta baute den „Antstore“ in Berlin auf
Firmenchef Martin Sebesta baute den "Antstore" in Berlin auf

Sie leben in den bestorganisierten Staaten der Welt. Mit Armeen, die bereit sind, für die Gemeinschaft zu sterben. Mit Baumeistern, mit Arbeitern, die bis zum Umfallen schuften. Mit dem Willen, andere Völker zu versklaven, und mit Soldaten, die nicht zögern, sogar Menschen anzugreifen. Das alles auf einer Etage von etwa 1000 Quadratmetern in Berlin-Steglitz.

100.000 Ameisen leben dort, aus Indonesien, Puerto Rico, aus der ganzen Welt, ein Querschnitt durch die Natur, von allem, was die Evolution geschaffen hat, verwaltet von zwölf Angestellten, geführt vom Kaiser der Ameisen: Martin Sebesta, 38 Jahre alt, ein Betriebswirt. Keine seiner Ameisen bleibt lange in der Fabriketage seines "Antstore".

Sebesta ist konkurrenzlos

Sebesta verschickt die Tiere an Pharmafirmen, Filmteams, Nerds und Liebhaber in Europa. Sebesta verkauft entwicklungsfähige Ameisenvölker in ihrer kleinstmöglichen Besetzung: eine Königin, fünf Arbeiterinnen. Das gibt's ab 2,90 Euro, seltene australische Arten kosten bis zu 1000 Euro. Sie sind der Wissenschaft vorbehalten.

Der Kaiser der Ameisen steht weltweit konkurrenzlos da, obwohl es einige Ameisen-Stämme gibt, die er nicht führt. Darunter auch den, der sich im Regenwald des Amazonas zum Massenangriff auf ihn formiert hatte. Er konnte flüchten.

"Ich habe Ameisen stundenlang beobachtet als Kind", sagt Sebesta. Wie sie sich organisieren, wie das Leben seine ausgeklügelte Logik hat unter Abertausenden – es begeistert ihn. In Sebestas Ameisenwelt gibt es mehr als 1500 Artikel zur Ameisenzucht, wie die Formicarien – Glaskästen. Sehr unterschiedlich in Form und Größe, Aquarien ähnlich, mit seitlichen Bohrungen für Anbauten.

Dazu Fachbücher, Spezialerde, Lampen, Felsen, Glasröhren, Fliegen, Maden, Honig und Beuteinsekten. "Mitte der 90er-Jahre stellte ich Fotos von meinen Kolonien ins Internet", sagt Sebesta. "Ich gab über Google damals 'Ameisen' ein – es gab sechs Treffer. Fünf von Schädlingsbekämpfern. Der sechste von mir."

Die Ameisen verbreitet Sebesta übers Internet, zunächst von seiner Wohnung aus. "Nebenberuflich, ein Hobby. Dann arbeitete ich weiter." 2003 der erste Laden, 2010 dann die Fabriketage in Steglitz. Organisches Wachstum. Wie im Ameisenhügel.

Berliner Morgenpost: Was sind das für Menschen, die sich Ameisen als Haustiere halten?

Martin Sebesta: Alles dabei. Vom kleinen Sohnemann bis zum Rentner, der immer schon von Ameisen fasziniert war. Zwei Drittel der Privatkunden sind Männer, alle Altersgruppen. Es kam aber auch schon eine Frau, deren Ehemann lieber draußen wartete, sicherheitshalber. Einmal kam ein bulliger Motorradrocker. Er ging wieder mit einer kleinen Kolonie im Glasröhrchen in seiner Faust. Meine Kunden sind Privatkunden, Zoos, Museen, Universitäten, Pharmafirmen, Kanzleien, Messebauer, Filmgesellschaften, IT-Firmen. Ich unterhalte ein Sortiment von mehr als dreißig Arten aus allen Kontinenten. Klingt viel, ist es aber nicht, schließlich gibt es auf der Welt ungefähr 16.000 verschiedene Ameisenarten.

Berliner Morgenpost: Ameisen kann man nicht streicheln, sie sind nicht niedlich, nicht bunt, wenig vorzeigbar. Was fängt man mit ihnen an?

Sebesta: Beobachten, zum Beispiel.

Berliner Morgenpost: Was sieht man da?

Sebesta: Haben Sie schon einmal geschaut, was passiert, wenn Ameisen einen dicken Käfer in ihren Bau bugsieren wollen, aber der Eingang ist zu klein? Der Käfer bewegt sich auf den Eingang zu, und selbst wenn er noch ein gutes Stück entfernt ist: Die Öffnung scheint sich wie von selbst zu vergrößern – bis er locker durchpasst. Leute machen tolle Sachen mit ihren Ameisen. Sie ziehen für sie Röhren durch die ganze Wohnung. Im Rheinland hat einer seine Blattschneider-Kolonie frei laufen lassen. Die Tiere bahnten sich durch einen Ausgang den Weg in den Garten, um dort Blätter zu ernten. Die Rosen vom Nachbarn fanden sie allerdings interessanter als die vom heimischen Garten, man konnte den Zug der rosafarbenen Blütenblätter wie eine grenzüberschreitende Parade verfolgen. Das gab Ärger jenseits des Zauns, und damit war Schluss mit freiem Auslauf.

Berliner Morgenpost: Ihre Ameisen treten auch in Filmen auf …

Sebesta: Vor allem in Krimis. Der Klassiker: Eine Leiche – und dem Mörder klebt eine Ameise unter der Schuhsohle. Die Spur führt zur Ameisenstraße, die durch die Wohnung des Opfers verläuft. Einmal verlangte die Regie auch einen Ameisenhaufen im Kleiderschrank. Oft sind es aber auch Künstler, Werbefirmen, IT-Unternehmen, die Ameisen kaufen.

Berliner Morgenpost: Warum finden Computerfirmen Ameisen so interessant?

Sebesta: Viele Firmen benutzen Ameisen als Logo und wollen sie dann auch als fleißige Tierchen lebend zeigen. Blattschneiderameisen sind sehr beliebt, weil sie schnell große Völker heranziehen. Eine Kolonie ist nach einem halben Jahr bei 100 Tieren, nach einem Jahr bei 500 Tieren, nach zwei Jahren bei 2000 bis 3000 Tieren. Die Nester der Gattung Atta werden 50 Quadratmeter groß, acht Meter tief, eine Zweizimmerwohnung wäre schnell voll. Die eignen sich nicht für Privatleute. Andere Kolonien hausen mit 100 Tieren in einer Eichel.

Berliner Morgenpost: Woher bekommen Sie Ihre Ameisen?

Sebesta: Weltweit, überall. Vor einem Monat habe ich auf der Insel Lombok, Indonesien, Kontakte geknüpft. Manchmal sind es Auswanderer aus Deutschland, manchmal Einheimische, die sich ein Zubrot verdienen in der Arbeit mit mir. Käfer und Spinnen sind leicht einzufangen, man dreht einen Stein um und findet welche. Beim Ameisenfang braucht es dagegen Know-how.

Berliner Morgenpost: Ihre Lieblingsameise?

Sebesta: Weberameisen sind interessant. Die weben sich ein in Bäumen, bauen große Kugeln aus Blättern. Dann gibt es die Army-Ants oder Heeresameisen. Die veranstalten Raubzüge und vernichten alles, was ihnen im Weg steht, Insekten, Käfer, Mäuse, sogar kleine Affen. Als ich sie einmal am Amazonas beobachtete, trat ich versehentlich auf einen Ast, der bis unter das Nest reichte – und ein wütender Ameisen-Teppich bewegte sich in meine Richtung. Da bin ich gerannt.

Berliner Morgenpost: Haben Sie ein paar mitgebracht?

Sebesta: Nein. Die lassen sich nicht in Gefangenschaft halten. Selbst die ganze Fabrikhalle hier würde nicht für einen ordentlichen Feldzug reichen.

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